Zwischen 1906 und 1930 unternahm der Polarforscher Alfred Wegener drei spannende Expeditionen in das damals unerforschte Grönland. Von seiner letzten Reise kehrte er nicht mehr zurück. Doch als Professor für Meteorologie und Geophysik an der Universität Graz hinterließ er zahlreiche Seiten an Aufzeichnungen über Gletscher und das Wetter auf der größten Insel der Welt. Aus heutiger Sicht sind diese besonders interessant, denn damals herrschte in Grönland eine Warmphase.
Rund hundert Jahre lang lagerten die Aufzeichnungen in den Archiven, bis sich eine Gruppe von Forscher:innen sie zu neuem Leben erweckte. Mittels künstlicher Intelligenz wurden diese historischen Daten digitalisiert. Gleichzeitig wurde ein Messnetzwerk an demselben Forschungsort aufgebaut, um die meteorologischen und glaziologischen Messungen miteinander zu vergleichen.
„Im ersten Schritt haben wir verglichen, welche Wettersysteme in Warmphasen im letzten Jahrhundert besonders häufig sind und wie sie sich auf die Temperaturen vor Ort auswirken“, sagt Florina Schalamon, Doktorandin in dem Forschungsprojekt. Dafür wurden Daten aus Klimamodellen der Jahre 1900 bis 2015 ausgewertet. Wettersysteme – Tiefdruckgebiete, Hochdruckgebiete und ihre Fronten – bestimmen, welche Luftmassen zu einem Ort transportiert werden und damit, ob warme oder kalte, feuchte oder trockene Luft dort vorherrscht.
Warmphase
Was Wegeners Daten so wertvoll macht? Seine Expedition fand in einer ersten Warmphase statt und seit Mitte der 1990er gibt es eine weitere Warmphase. Obwohl es bei beiden in Westgrönland eine vergleichbare Temperaturerhöhung von knapp 3 °C gab, unterschied sich die Häufigkeit der jeweiligen Wettersysteme deutlich zwischen den Perioden. Der Einfluss einzelner Wettersysteme auf die lokale Temperatur blieb jedoch stabil. „Wenn zu Wegeners Zeit ein Tiefdruckgebiet vor der Westküste Grönlands dazu geführt hat, dass Luft aus dem Süden transportiert wurde, führt das auch heute zu ähnlichen Temperaturabweichungen“, erklärt Schalamon.
Die Studie unterstreicht, welch zentrale Rolle Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation für das Verständnis des Klimawandels in Grönland spielen – einem Ort, dessen schmelzendes Eisschild das Klima weit über seine Grenzen hinaus beeinflusst.
Im nächsten Schritt arbeitet die Forscherin mit den historischen und den aktuellen Messdaten aus dem Forschungsgebiet. Das Besondere an Wegeners Datenschatz sei auch die Vielzahl an Daten. „Wir sind hierbei nicht nur auf Modelldaten angewiesen, um zurückzurechnen, sondern wissen, an dem Tag X zur Uhrzeit Y hatte es Z Grad Celsius“, sagt die Forscherin. „Das ist für die Klimaforschung großartig.“ Und es kann auch dabei helfen, bestehende Klimamodelle zu überprüfen.
Digitalisierung
Für den nächsten Schritt müssten allerdings weitere Aufzeichnungen des Polar-Pioniers digitalisiert werden. „KI-Systeme sind hilfreich, müssen aber streng überprüft werden“, erklärt die Forscherin. So würden die Systeme etwa die Zahlen 3 und 5 in den Aufzeichnungen oft verwechseln und auch nicht jedes Minus erkennen. Für weitere Forschungsvorhaben mit den Aufzeichnungen Wegeners müssten die Daten wirklich vollständig digitalisiert werden, sagt Schalamon. Doch der Wert der 100 Jahre alten Messreihen für die Wissenschaft ist unbestritten.
Woran die Forscher:innen der Universität Graz in der Arktis forschen und welche Rolle die neue Forschungsstation im Sermilik-Fjord dabei spielt, können Sie bei der Langen Nacht der Forschung am 24. April 2026 erfahren. Und wer in die Fußstapfen Alfred Wegeners treten will, kann an der Universität Graz das Bachelorstudium Geographie studieren und dabei vielleicht auch selbst nach Grönland reisen.
Zum Paper
The role of large-scale atmospheric patterns for recent warming periods in Greenland from 1900–2015; Florina Roana Schalamon, Sebastian Scher, Andreas Trügler, Lea Hartl, Wolfgang Schöner, Jakob Abermann