„Der Sieg von Conchita war das Coming-out des Song Contests als Event für queere Menschen“, zieht Kamil Karczewski einen stimmigen Vergleich. Stark übertriebene, sehr emotionale Auftritte mit viel Pathos waren aber auch schon davor ein Merkmal des Lieder-Wettstreits. „Diese sogenannte Camp-Ästhetik hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert und wurde vor allem von schwulen Männern geprägt“, schildert der Historiker, der sich an der Universität Graz mit queerer Geschichte auseinandersetzt.
Der Song Contest gebe den meist übertriebenen Beiträgen eine Bühne und damit auch queeren Menschen, die sich außerhalb des Events immer wieder verstecken müssen, Sichtbarkeit. „Dass sie sich bei der Veranstaltung nach Herzenslust ausdrücken können, vermittelt einen Eindruck von Freiheit“, betont Karczewski. „Das schafft auch Gemeinschaft.“ Ebenso das Faktum, dass man beim künstlerischen Wettbewerb eine Nation repräsentiere und dafür – obwohl oft gesellschaftlich ausgeschlossen – sogar nationale Anerkennung erhalte.
Kamil Karczewski führt ein weiteres verbindendes Element ins Treffen: „Die Menschen erleben bei Eurovision, dass es auch andere gibt, die schwul, lesbisch, transgender oder nicht-binär sind. Das verbindet und bereitet einfach ein schönes Gefühl.“