Der umfangreiche Bericht schafft eine fundierte Grundlage für den weiteren Umgang mit historisch belasteten Bezeichnungen und macht sichtbar, wofür die jeweiligen Namensgeber:innen standen.
Barbara Stelzl-Marx, Professorin für Zeitgeschichte und Leiterin des Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, unterstreicht den hohen Stellenwert von Straßennamen: „Sie sind ein wichtiges Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Und sie sind politische Symbole. Denn die Entscheidung darüber, wem eine Straße gewidmet wurde und wem nicht, welche Straßen umbenannt und eventuell später wieder rückbenannt wurden, gibt Aufschluss über den Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Geschichte.“
Neben bereits bekannten Einteilungen in problematische und besonders problematische Namen liefert die Langversion detaillierte biografische Analysen und historische Einordnungen. Die Ergebnisse zeigen, dass zahlreiche Namensgeber:innen in unterschiedlichen historischen Kontexten stehen – darunter gibt es auch Bezüge zu Nationalsozialismus, Antisemitismus oder demokratiefeindlichen Haltungen.
Geschichte schreiben
Die breit aufgestellte Grazer Straßennamenkommission unter dem Vorsitz des Zeithistorikers Stefan Karner hat alle Straßennamen sorgfältig überprüft und sich einstimmig für Zusatztafeln entschieden – auch bei „belasteten“ Bezeichnungen. „Diese geben eine kurze Vita der Persönlichkeit, den Grund der Straßenbenennung und eine allfällige ,Belastung“ des Namensgebers an“, schildert Stefan Karner. „Damit schreibt jede Zeile der Zusatztafeln Geschichte, doch manche Zeilen halten inne, um auch den Vorbeigehenden zu fragen, wem er heute zuhört.“
Parallel zur Veröffentlichung des Berichts wurde eine neue digitale Kartendarstellung vorgestellt. Diese ermöglicht es, Straßennamen direkt im Stadtplan anzuklicken und Informationen zu den jeweiligen Namensgeber:innen abzurufen. Barbara Stelzl-Marx: „Der Endbericht, die über die ganze Stadt verteilten Zusatztafeln sowie die digitale Karte zeigen: Die asphaltierte Geschichtspolitik ist nicht in Stein gemeißelt.“
Judith Schwentner, Vizebürgermeisterin der Stadt Graz, betonte bei der Präsentation im Rathaus: „Wer durch Graz geht, bewegt sich auch durch Geschichte. Wir wollen, dass diese in all ihren Facetten sichtbar und verständlich wird.“
Bereits umgesetzt bzw. beschlossen wurden unter anderem folgende Umbenennungen:
- Dr.-Muck-Anlage → Ella-Flesch-Platz
- Kernstockgasse → Maria-Stromberger-Gasse
- Max-Mell-Allee → Aigner-Rollett-Allee
- Dr.-Hans-Kloepfer-Straße → Julia-Pongracic-Straße
- Dr.-Karl-Lueger-Straße → Maria-Matzner-Straße
- Hermann-Gmeiner-Weg → Rosa-Wartinger-Weg (ab Juni 2026)
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