Seit 2024 hat der Insekten-Experte Gernot Kunz mit Studierenden im Botanischen Garten der Uni Graz zahlreiche Neozoa – so der Fachbegriff für zugewanderte Tierarten – registriert: 14 verschiedene Zikaden, 12 Pflanzenläuse, neun Schmetterlinge, acht Wanzen, sieben Käfer, jeweils fünf Zweiflügler und Hautflügler, fünf Spinnentiere, vier Schaben, einen Tausendfüßler sowie die Wanderratte. Die jüngsten fand er dieses Jahr im Rahmen einer „Leuchtnacht“ Ende Mai und Ende Juni. Dabei halfen spezielle Lichtfallen. Zusätzlich suchten er und Studierende mit Kopflampen die Vegetation ab.
Zu den Neulingen im Botanischen Garten zählt die Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus). Kunz hatte sie erstmals vor sieben Jahren im Grazer Stadtgebiet identifiziert. Aus der Gegend um Klöch ist sie seit 2004 bekannt. Anfangs nach Südeuropa verschleppt, breitet sie sich immer weiter nach Norden aus. Mittlerweile ist sie für die Winzerbetriebe im südlichen Teil der Steiermark zu einer ernsten Bedrohung geworden. „Durch ihre Saugtätigkeit an Wein, kann sie die Goldgelbe Vergilbung übertragen und so die Rebstöcke zum Absterben bringen. Die Zikade ist jedoch deutlich weiter verbreitet als der Krankheitserreger“, so der Forscher.
Ebenfalls neu angekommen im Botanischen Garten sind die Nordamerikanische Blattzikade(Erasmoneura vulnerata) und die Japanische Rebenblattzikade (Arboridia kakogawana). „Erasmoneura vulnerata sitzt auf der Oberseite, Arboridia kakogawana auf der Unterseite der Blätter, deren Saft sie saugen. Das führt zu kleinen gelben Flecken, was die Rebstöcke aber nicht gefährdet“, erklärt Kunz. Beide Arten wurden bereits zuvor in der steirischen Landeshauptstadt entdeckt. Die Japanische Rebenblattzikade hat Kunz letztes Jahr in Graz-Puntigam erstmals für Österreich nachgewiesen.
Die Indische Maskenzikade (Pediopsoides sharmai) interessiert sich nicht für Wein, sondern saugt ausschließlich an Blättern von Walnuss. Auch sie breitet sich rasant aus. 2020 war sie erstmals in Europa in den Niederlanden gesichtet worden. Heuer hat sie Kunz im Botanischen Garten identifiziert, nachdem sie bereits 2024 in Vorarlberg und Graz-Andritz aufgetaucht war.
„Städte sind Hotspots für über Verkehrswege eingeschleppte Arten, bevor sie sich über das Land ausbreiten. Etwa 75 Prozent der Neozoa, die wir im Botanischen Garten finden, reisen mit dem Pflanzenhandel um die Welt. Nicht verwunderlich, denn es reicht eine Eigelege auf oder in einem Gewächs, um eine Population zu starten“, weiß der Forscher.
Im Rahmen der „City Nature Challenge“ lädt der Wissenschaftler neben Studierenden jedes Jahr auch Naturbegeisterte aus der Bevölkerung ein, Arten im Botanischen Garten zu suchen und zu dokumentieren. Das gesamte Areal spielt eine wichtige Rolle für die Biodiversität: „Bei der Leuchtnacht Ende Mai haben wir über hundert verschiedene Nachtfalter entdeckt. Das ist für das Stadtgebiet eine sehr hohe Zahl“, freut sich Kunz.
Wer sich für Artenvielfalt, Lebensräume von Tieren und Pflanzen, Ökologie und Naturschutz interessiert, kann im Biologie-Studium an der Uni Graz fundiertes Wissen erwerben und in Exkursionen Fauna und Flora entdecken.