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Dienstag, 10.09.2019

Was ist richtig?

Moralischer Relativismus wird ihn Amerika einerseits hochgehalten, andererseits scharf kritisiert. Gründe könnte unter anderem eine starke Religiosität sein. Foto: StockSnap/pixabay.com

Moralischer Relativismus wird ihn Amerika einerseits hochgehalten, andererseits scharf kritisiert. Gründe könnte unter anderem eine starke Religiosität sein. Foto: StockSnap/pixabay.com

Philosoph Thomas Pölzler untersuchte in Amerika, ob Moral für objektiv gehalten wird

Nehmen wir an, Sie persönlich finden Abtreibung in Ordnung – ist sie es dann auch? Nein? Und was wäre, wenn die Mehrheit der Bevölkerung Ihres Landes Ihrer Meinung wäre, würde das etwas ändern? Gibt es universelle, moralische Standards, die überall unabhängig von Kontext und Kultur anzuwenden sind und die für alle gelten?

Seit rund 15 Jahren erforschen WissenschafterInnen an der Schnittstelle von Philosophie und Psychologie, wie LaiInnen über diese Frage denken. „In bisherigen Studien kam man zum Schluss, dass die meisten Menschen Moral für objektiv halten, sprich, dass sie der Meinung sind, dass es auf moralische Fragen stets eine einzige richtige Antwort gibt“, erklärt Thomas Pölzler vom Institut für Philosophie der Universität Graz. In einer gemeinsam mit Jen Wright, College of Charleston, durchgeführten Studie zieht der Forscher diese Annahme nun ernsthaft in Zweifel. Die Ergebnisse wurden in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals „Review of Philosophy and Psychology“ veröffentlicht.

An der Studie hatten vergangenes Jahr 117 US-amerikanische ProbandInnen teilgenommen. „Die überwiegende Mehrheit lehnte die Idee einer moralischen Objektivität ab. Rund 64 Prozent waren insbesondere der Auffassung, dass genau das richtig oder falsch ist, was sie selbst oder ihre Kultur als solches erachten“, fasst Pölzler zusammen. Diese Geisteshaltung, auch moralischer Relativismus genannt, stößt in den USA immer wieder auf Kritik – etwa seitens des Republikaners Paul Ryan, bis Anfang des Jahres Sprecher des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten. „Moralische RelativistInnen werden oft als Personen ohne ideologisches Rückgrat verunglimpft, die mit ihren uneindeutigen Ansichten den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächen“, erklärt Pölzler. Andererseits, so der Forscher, seien relativistische StudienteilnehmerInnen aber toleranter und offener gegenüber anderen Meinungen gewesen.

Wieso gerade in Amerika der moralische Relativismus einerseits auf ein fruchtbares Umfeld trifft, und andererseits auch vehement öffentlich kritisiert wird, dafür hat der Wissenschafter keine einfache Antwort. Ein möglicher Faktor könnte eine stark in der Gesellschaft verwurzelte Religiosität sein, die als Reibebaum sowohl die moralischen ObjektivistInnen als auch die RelativistInnen befeuert. „Außerdem haben wir in den vergangenen Wahlen immer wieder gesehen, dass die Uneinigkeit über moralische Fragen im Land insgesamt groß ist. Ein solches Umfeld hat sich in Studien als ein guter Nährboden für den Relativismus erwiesen“, so Thomas Pölzler. Seine Studie hat er als PostDoc im Zuge eines Schrödinger-Stipendiums am College of Charleston durchgeführt.

 

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Der Philosoph Thomas Pölzler untersuchte im Rahmen eines PostDoc-Stipendiums die Objektivität der Moral in Amerika. Foto: Stefan Robitsch. ©Stefan Robitsch 2019
©Stefan Robitsch 2019
Der Philosoph Thomas Pölzler untersuchte im Rahmen eines PostDoc-Stipendiums die Objektivität der Moral in Amerika. Foto: Stefan Robitsch.
Erstellt von Gerhild Leljak

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