Immer mehr Leerstände in Österreichs Innenstädten sind augenscheinlich. Sie stehen auch im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Sterben unsere Citys tatsächlich aus?
Anke Strüver: Leere Geschäftsflächen in Innenstädten sind ein europaweites Phänomen und dementsprechend breit wird darüber diskutiert. In Altindustrie-Regionen, die den Strukturwandel nicht gut geschafft haben und in denen die Kaufkraft niedrig ist, ist die Lage besonders dramatisch. Im deutschen Ruhrgebiet beispielsweise gibt es Städte, in denen jedes zweite Geschäft leer steht.
Was sind die Ursachen für die Veränderungen?
Strüver: Es gibt viele Gründe: der Onlinehandel, verändertes Konsumverhalten, die Konkurrenz durch Einkaufszentren am Stadtrand. Insbesondere für Familien mit Kindern ist es oftmals praktischer, alles an einem Ort zu erledigen, anstatt von Geschäft zu Geschäft zu laufen.
Zum einen gibt es leere Geschäftslokale, zum anderen volle Gastgärten und Fußgängerzonen. Ein Widerspruch?
Strüver: Nein, da die Betrachtung der Frequenz meist darauf reduziert wird, dass die Menschen etwas kaufen. Innenstadt umfasst mehr, sie ist auch Lebensraum, Treffpunkt und Arbeitsplatz. Auch Wohnen in der Stadt ist wieder gefragt. Das belebt natürlich die Viertel, bringt aber auch Gentrifizierung mit sich. Das heißt ärmere Bezirke werden zwar von der Wohn- und Versorgungsinfrastruktur aufgewertet, das erhöht jedoch das Preisniveau und verdrängt dadurch die angestammte Bevölkerung.
Wie beurteilen Sie die Situation in Graz?
Strüver: Graz steht im europäischen Vergleich gut da. Natürlich gibt es Leerstände in teuren Lagen oder auch Fluktuation. Mich irritiert vielmehr, dass sich die Diskussion auf die Herrengasse und den Hauptplatz beschränkt, während die innerstädtische Zone um einiges größer ist und vom Bahnhof bis zur Universität Graz reicht.
Wie sehen Sie die Rolle von zunehmender Gastronomie und Citys als Schauplatz von Events?
Strüver: Gastronomie ist ein wichtiger Bestandteil und trägt zur Belebung bei. Events bringen Menschen in die Städte, aber Festivalisierung darf nicht überhandnehmen und den öffentlichen Raum nicht dauerhaft blockieren. Wichtig ist, dass konsumfreie Zonen und Aufenthaltsqualität geschaffen werden. In Metropolen wie Barcelona und Paris sind die Innenstädte durch Verkehrsumstrukturierung alltagsnäher nutzbar geworden, weil sie neben dem Ausbau öffentlicher Mobilität vor allem Radfahrer:innen und Fußgänger:innen ins Zentrum gerückt haben.
Gibt es Rezepte gegen Leerstand?
Strüver: Zwischennutzungen wie Pop-up-Stores können ein Ansatz sein. In solchen Fällen müssten Vermieter:innen flexibler agieren. Auffällig ist der Trend zu Automatenshops, die zwar vielerorts Leerstände füllen, aber wenig gewinnbringend sein dürften.