Rhythmus kann man fühlen, doch wie „übersetzt“ man Musik in Gebärdensprache?
David Obermaier: Musik wird nicht 1:1 „übersetzt“, sondern visuell interpretiert. In der sogenannten Visual Sign Performance geht es darum, die Kernaussage, Emotion und Stimmung eines Songs sichtbar zu machen. Rhythmus, Dynamik und Struktur werden durch Körperbewegung, Mimik, Blickkontakt und Timing dargestellt. Man könnte sagen: Musik wird vom Hören ins Sehen übertragen.
Wie vermittelt man Hörbeeinträchtigten Töne, Musikinstrumente, Klang oder Tempo von Liedern?
Obermaier: Diese Elemente werden ikonisch dargestellt also bildhaft umgesetzt: Rhythmus und Tempo durch Bewegungsfluss, Geschwindigkeit und Wiederholungen. Klang und Instrumente lassen sich durch typische Bewegungen, zum Beispiel für Schlagzeug oder Gitarre, und visuelle Metaphern darstellen.
Laut und Leise kann man über die Größe der Gestik und Intensität der Mimik veranschaulichen. Es geht weniger um das exakte „Nachbilden“ von Ton, sondern um das Erlebbar-Machen der musikalischen Wirkung.
Sind also akustische Aspekte nur für Hörende so bedeutsam?
Obermaier: Akustik ist nicht unwichtig, aber sie wird anders wahrgenommen. Viele gehörlose Menschen erleben Musik über Vibrationen, Rhythmusgefühl und visuelle Reize. Bedeutung entsteht also nicht nur über das Hören, sondern über ein Zusammenspiel verschiedener Sinne.
Hat daher die Performance für Hörbeeinträchtigte einen höheren Stellenwert?
Obermaier: Ja, die Performance ist zentral. Sie ist oft der Hauptzugang zur Musik, weil sie Emotion, Story und Energie sichtbar macht. Während Hörende stark auf Klang achten, liegt der Fokus bei gehörlosen Menschen stärker auf Ausdruck, Körpersprache und visueller Dramaturgie.
Wo liegt eigentlich die Grenze zwischen Gebärden-Dolmetschen und Performen?
Obermaier: Beim Dolmetschen wird der Text möglichst direkt übertragen.
Beim Performen wird der Song künstlerisch neu interpretiert, um Emotion und Wirkung zu transportieren.
Außerdem spielt Ikonizität eine große Rolle, also jene Fähigkeit, Musik visuell greifbar zu machen. Dabei sind Mimik, Blickführung und Raumgestaltung genauso wichtig wie die Gebärden selbst.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Barrierefreiheit im internationalen Kontext. Gerade beim Eurovision Song Contest wird versucht, Musik für eine vielfältige, mehrsprachige Gebärdensprach-Community zugänglich zu machen.
Ich finde es besonders spannend, dass Musik dadurch nicht „verloren geht“, sondern eine eigene visuelle Kunstform entsteht.
Sie sind auch DJ, wie machen Sie Musik erlebbar?
Obermaier: Ich setze unter anderem auf Vibrationen, visuelle Elemente und körperlich spürbare Beats, sodass Musik nicht nur gehört, sondern auch gefühlt werden kann. Bei meinen Auftritten erlebe ich immer wieder, wie verbindend Musik sein kann – unabhängig davon, ob jemand hört oder nicht.