Zwei Semester lang beschäftigten sich sechs Studierende im Zuge der österreichweiten Sustainability Challenge mit dem Leerstand in der Annenstraße. Wie kam es dazu?
Holger Hoff: Als Transdisciplinary Interface Manager des Profilbereichs Climate Change ist es mein Ziel, gemeinsam mit Partner:innen universitäres Wissen anwendungsorientiert weiterzuentwickeln und in die Praxis zu bringen. Zentraler Partner war ökoprofit Graz bzw. das Umweltamt der Stadt Graz, das das Thema auswählte. Meine Aufgabe ist es, die Wissenschaft einzubinden.
Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an diesem Lehrveranstaltungsformat?
Hoff: Studierende können ihre Problemlösungskompetenz stärken und dabei ECTS-Punkte erhalten. Außerdem findet ein Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft statt. Diesen braucht es im Klimabereich und in der sozial-ökologischen Transformation noch viel mehr.
Warum haben Sie sich als Masterstudierende der Umweltsystemwissenschaften entschlossen, bei der Sustainability Challenge mitzumachen?
Antonia Kieber: Es war spannend, mich außerhalb vom Hörsaal mit realen Fragestellungen zu beschäftigen, meine Begeisterung für Nachhaltigkeit für ein konkretes Thema einzusetzen. Es macht das ganze greifbar, weil ich selbstverständlich einen Bezug zur Annenstraße habe und mit Akteur:innen vor Ort in Kontakt gekommen bin.
Hoff: Ich sehe darin auch eine Vorbereitung aufs Berufsleben. Denn vieles entspricht nicht akademischen Vorstellungen, ist vielleicht sogar ernüchternd. Etwa wenn es darum geht, plötzlich einen Flyer zu gestalten, auf Leute zuzugehen oder andere Dinge zu improvisieren. Es handelt sich um wertvolle Erfahrungen.
Was stand am Anfang des Projekts im Herbst 2025?
Kieber: Neben der Kartierung war es unser Ziel, die Gründe für die Leerstände, die Stimmung und den Charakter der Straße einzufangen. Dabei haben wir zum Beispiel festgestellt, dass es zwar viele schöne, alte Fassaden gibt, aber gedeckte Farben sowie Beige- und Grautöne dominieren. Im Unterschied zu anderen langen Straßen fällt auf, dass kaum Grünflächen und relativ wenige Cafés und Gastgärten zu finden sind.
Sie haben erwähnt, dass Sie mit vielen Menschen gesprochen haben. Wie haben Sie diese erreicht?
Kieber: Kurz vor Weihnachten haben wir Anrainer:innen und Interessierte zu einem niederschwelligen Event eingeladen, das wir „Punsch & Talk“ genannt haben. Wir haben mit ihnen gemeinsam Ideen gesammelt, was die Annenstraße ausmacht, was ihr fehlt. Weiters haben wir uns Best-Practice-Beispiele angesehen. So wurden an der Ecke zur Dominikanergasse Bänke aufgestellt, die gut genutzt werden und den Ort lebendiger machen. In Folge haben wir einen Workshop mit Eigentümer:innen durchgeführt. Dabei gab es unter anderem Impulsvorträge zu Fördermöglichkeiten und Unterstützung bei Sanierung. Am Lendwirbel in der Nachbarschaft haben wir uns mit einer Rätsel-Rallye beteiligt.
Habt ihr Szenarien entworfen, wie die Annenstraße in der Zukunft aussehen könnte?
Kieber: Es liegen jetzt viele Ideen am Tisch, weil es uns wie bei einem Schneeballeffekt gelungen ist, sehr viele Akteur:innen an Bord zu holen. Grundsätzlich wollten wir den Prozess offenhalten.
Hoff: Ergänzend zu unserer Entwicklung von Visionen hat das Institut für Städtebau der TU Graz im Sommersemester Vorschläge zur Nachnutzung von drei leerstehenden Flächen entwickelt
Das Projekt wurde im Juni mit einer Präsentation und im August mit einem umfangreichen Bericht abgeschlossen. Wie kann es weitergehen?
Hoff: Es wurde ein Prozess angestoßen, ein Teil davon war die Lehrveranstaltung. Es sind Netzwerke entstanden, die weiterbestehen. Ab Oktober dieses Jahres wird ein Living Lab im ehemaligen Leiner-Gebäude eingerichtet, um gemeinsam ins Tun zu kommen.
Kieber: Die Menschen aus der Annenstraße, ihre Bedürfnisse und Lebensumstände müssen dabei eingebunden werden. Und es braucht eine koordinierende Person mit klarem Mandat und Zeitbudget.
Hoff: Ich sehe die Sustainability Challenge als Pilot für das Living Lab als Schnittstelle, die regelmäßig Wissenschaftler:innen und Studierende mit Vertreter:innen der Stadtbevölkerung zusammenbringt.