Warum ist Ingeborg Bachmann eine nach wie vor prägende Schriftstellerin?
Anne-Kathrin Reulecke: Ingeborg Bachmann hat in ihrem gesamten Werk – beginnend mit dem Lyrikband Die Gestundete Zeit von 1953 bis zum sogenannten Todesarten-Zyklus der 1960er und 1970er Jahre – einen neuen, ja unerhörten Ton angeschlagen. Ihr Anliegen war es, Literatur als Nachkriegsliteratur im engsten Sinne kenntlich zu machen. Sie wollte zeigen, wie die vermeintlich vergangene Vergangenheit in der Gegenwart weiterlebt. Gerade darin liegt, so denke ich, ihre bis heute ungebrochene Bedeutung. Bachmann beschreibt, wie die verdrängte Geschichte des Nationalsozialismus und die damit verbundenen kollektiven wie individuellen Schuldverwicklungen nachwirken: im Umgang mit dem Fremden und dem Anderen, aber auch in den alltäglichen Beziehungen der Menschen untereinander, in ‚kleinen‘ Grausamkeiten, in scheinbar harmlosen Verletzungen und – ganz besonders – in den Geschlechterverhältnissen. Lange bevor der Slogan „Das Private ist politisch“ zu einer, man könnte sagen, Binsenwahrheit des Feminismus wurde, hat Bachmann die Mikrokosmen der Macht und die Spielarten der Grausamkeit genau ausgeleuchtet.
Wenn ihre Texte bis heute für viele Autoren und Autorinnen prägend sind, dann hat das vor allem damit zu tun, dass Bachmann sich mit ihren Gesellschaftsdiagnosen niemals an tagespolitische Debatten und Diskurse anbiederte. Sie pflegte stattdessen eine poetische Schreibweise, die die gängigen Schlagworte und Sprachklischees ihrer Zeit analysierte und zugleich hinter sich ließ. Auch deshalb sprechen ihre Texte bis heute mit großer Dringlichkeit zu uns.
Was macht Bachmanns Werk so einzigartig?
Reulecke: Bemerkenswert ist, dass Ingeborg Bachmann in so unterschiedlichen und vielfältigen Gattungen gleichermaßen ‚zu Hause‘ war. Sie war nicht nur eine Ausnahme-Lyrikerin, die traditionelle Metaphern, Bilder und Motive revolutionierte und damit die Lyrik aus der Ecke harmloser Besinnlichkeit und von ihrer Funktion als ‚Gegengift‘ zur schlechten Welt befreite – sie tat dies so radikal wie im deutschsprachigen Raum vielleicht noch Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs oder Paul Celan. Bachmann war zudem eine virtuose Prosaautorin, Librettistin, Essayistin und Verfasserin von Hörspielen. Sie war eine poeta docta, also eine gelehrte Dichterin, die sich bestens in der europäischen Literatur-, Musik- und Philosophiegeschichte auskannte. Und so finden sich in ihren Werken intertextuelle Bezüge zu Shakespeare, Rimbaud, Dante, Joseph Roth und vielen anderen Dichtern, aber auch zu Sigmund Freud und Ludwig Wittgenstein. Wittgensteins berühmte Überlegung etwa – nach der die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt bedeuten – ging in Bachmanns Poetologie, ihre Dichtungstheorie, ein. So arbeitete sie Zeit ihres Lebens daran, mit literarischen Mitteln die Grenzen des Sagbaren zu erweitern. Dabei war für Ingeborg Bachmann Literatur kein Fluchtort, an dem eine bessere oder gar utopische Welt stattfinden kann. Vielmehr war Literatur für sie ein Raum, in dem die Trauer über den unvollkommenen Zustand unserer Welt Ausdruck findet und in dem die Sehnsucht nach einer besseren Welt überhaupt erst entstehen kann.
Welches Werk würden Sie als Einstieg interessierten Lesern und Leserinnen empfehlen?
Reulecke: Das Wunderbare an Ingeborg Bachmanns Texten ist, dass man die gelehrten und philosophischen Kontexte, in denen sie sich bewegen, gar nicht kennen muss, um sie genießen und lieben zu können. Man muss also keine Literaturwissenschaftlerin oder Philosophin sein, um sich auf diese Texte einzulassen. Wer sich an Lyrik herantraut und nicht dem Schul-Aberglauben nachhängt, man müsse alles ganz genau verstehen; wer sich also auf die lyrische Sprache, ihre Melodie und Widersprüche einlassen mag, empfehle ich den Band „Anrufung des großen Bären“ aus dem Jahr1956. Dort finden sich die großartigen Gedichte „Erklär mir, Liebe“ und „Was wahr ist“, die ich seit meiner Studienzeit immer wieder und immer wieder neu gelesen habe.
Etwas zugänglicher sind vielleicht die beiden Erzählbände: In „Das dreißigste Jahr“ von 1961 findet sich „Jugend in einer österreichischen Stadt“, eine Erzählung, in der Bachmanns eigene Kindheit in Klagenfurt nachhallt. Die Erzählung „Alles“ beschreibt, wie ein junger Vater versucht, seinen kleinen Sohn von der schlechten Welt fernzuhalten, indem er ihm – vergeblich – eine Privatsprache beizubringen versucht. Der Erzählband „Simultan" von 1972 wiederum enthält den tragisch-komischen Text „Ihr glücklichen Augen“: die Geschichte einer kurzsichtigen jungen Frau, die aus Angst vor der Realität ihre Brille nicht tragen will und damit buchstäblich Türen einrennt. Dort findet man auch die Erzählung „Drei Wege zum See“, deren Protagonistin, eine berühmte Fotojournalistin, über die Freiheiten und Verluste der Emanzipation nachdenkt, über die „Fröste der Freiheit“, wie es die Dichterin Marieluise Fleißer einmal nannte.
Wo kann man in Graz des 100. Geburtstags der Autorin gedenken?
Reulecke: Ab dem 26. Juni läuft in Graz ein filmisches Porträt der Autorin: Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war der Regisseurin Regina Schilling, mit der Schauspielerin Sandra Hüller in der Rolle Bachmanns. Ich bin optimistisch, dass hier mit Bachmanns Leben und Werk so dezent umgegangen wird, wie es sich die Autorin selbst immer gewünscht hat. Denn das ist, wenn ich dies abschließend sagen darf, eine der Ungeheuerlichkeiten in der Rezeption einer der größten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts, dass viele Menschen weit mehr über Bachmanns Privatleben zu wissen meinen als über ihre Literatur – ihre aus Österreich kommende Literatur, die Weltliteratur ist.