Sexuelle Bildung an Schulen ist ein sensibles Thema. Das zeigt sich aktuell besonders deutlich in Italien: Dort wird Sexualkundeunterricht künftig per Gesetz nur noch mit vorheriger Zustimmung der Eltern möglich sein. In Kindergärten und Volksschulen wird er ganz ausgeschlossen. Auch in Österreich wird sexuelle Bildung immer wieder kontrovers diskutiert. Schnell geht es um Werte, Ängste und politische Konflikte. Bei Jugendlichen stehen jedoch meist sehr konkrete Fragen im Mittelpunkt: Wie verändert sich mein Körper? Was ist Verhütung? Wo liegen meine Grenzen? Wie erkenne ich Gewalt? Und wie gehe ich respektvoll mit anderen um?
Die Biologin Gudrun Kern forscht an der Universität Graz zu diesem Thema. Gemeinsam mit Uwe K. Simon hat sie untersucht, welche Inhalte externe Anbieter:innen in sexualpädagogischen Workshops öffentlich kommunizieren. Analysiert wurden 67 Materialien – darunter Websites, Workshopbeschreibungen und Flyer – von 17 Organisationen in der Steiermark, in Kärnten und im südlichen Burgenland.
Das Ergebnis widerspricht einem gängigen Vorurteil: Externe Sexualpädagogik ist in den untersuchten Regionen nicht auf vermeintliche kontrovers diskutierte Themen fokussiert. Besonders häufig geht es um Körperwissen, Menstruation, Verhütung, Pubertät und biologische Entwicklung. Auch Gewaltprävention, persönliche Grenzen, Schutz und altersgerechte Vermittlung spielen eine zentrale Rolle. „Bei sexueller Bildung geht es in den wenigsten Fällen nur um Sex“, sagt Gudrun Kern. „Es geht um Sicherheit, um informierte Entscheidungen und darum, junge Menschen in ihrer Entwicklung ernst zu nehmen.“
Vielfalt gehört dazu
Gerade im Pride Month rücken sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität und gesellschaftliche Vielfalt besonders in den Fokus. Die aktuelle Debatte zeigt aber auch, wie schnell diese Themen politisiert werden. Die Studie der Universität Graz macht deutlich: „Vielfalt ist ein Bestandteil umfassender sexueller Bildung“, sagt Kern. „Aber die Daten der untersuchten Materialien zeigen klar, dass die Vereine sehr breit arbeiten – von Körperwissen über Beziehungen bis hin zu Schutz vor Gewalt.“
Schutz, Consent und Selbstbestimmung
Ein besonders starkes Themenfeld der Studie ist der Bereich Schutz. Viele behandeln Gewalt, rechtliche Regelungen, persönliche Grenzen, Pornografie und sexualisierte Gewalt. Damit orientieren sie sich an internationalen Standards umfassender Sexualbildung, etwa wie sie von der WHO oder der UNESCO vorgegeben werden.
Gleichzeitig zeigt die Analyse Leerstellen. Der Begriff Consent – also Zustimmung – kommt selten vor. Auch Entscheidungskompetenz, sexuelle Autonomie und positive Aspekte von Sexualität wie Lust, Intimität oder Selbstsicherheit sind weniger sichtbar als biologische oder präventive Inhalte.
Gerade vor dem Hintergrund internationaler Debatten wird deutlich: „Altersgerechte sexuelle Bildung sollte weder auf reine Biologie noch auf Risikoprävention reduziert werden. Sie kann jungen Menschen helfen, eigene Grenzen wahrzunehmen, die Grenzen anderer zu respektieren und informierte Entscheidungen zu treffen.“
Migration als blinder Fleck
Auffällig ist: Migrationsbiografien werden in den Materialien bislang kaum ausdrücklich berücksichtigt. „Fragen von Körper, Beziehung und Sexualität können auch mit unterschiedlichen biografischen Erfahrungen, Informationszugängen und familiären Lebensrealitäten verbunden sein“, führt Kern aus. Hier brauche es mehr Forschung, mehr Materialien und lebensweltorientierte, diskriminierungssensible Angebote.
Sexuelle Bildung ist in Österreich seit Jahrzehnten Teil schulischer Verantwortung. Viele Lehrpersonen fühlen sich bei sensiblen Themen jedoch nicht ausreichend vorbereitet. Für Kern ist das Thema auch in der Lehrer:innenausbildung relevant. „Wer künftig unterrichtet, wird mit Fragen zu Körper, Identität, Grenzen, Social Media, Beziehungen und Gewaltprävention konfrontiert sein. Sexuelle Bildung sollte weniger als Kontroverse und stärker als Beitrag zu Sicherheit und Selbstbestimmung verstanden werden“, sagt Kern. „Wenn Jugendliche informiert sind, können sie bessere Entscheidungen treffen – für sich selbst und im Umgang mit anderen.“
Ein Studium, zahlreiche Möglichkeiten
Im Biologiestudium an der Universität Graz geht es mitten hinein in die Welt des Lebens – von winzigen Zellen bis zu ganzen Ökosystemen. Im Fokus steht, wie Lebewesen funktionieren, miteinander verbunden sind und wie biologische Prozesse unsere Umwelt prägen. Neben fundiertem Fachwissen spielen praktische Erfahrungen im Labor, im Gelände und mit modernen Methoden wie Modellierung eine zentrale Rolle. So entstehen die Kompetenzen, um bei großen Zukunftsthemen wie Klimawandel, Artenvielfalt, Gesundheit und Nachhaltigkeit mitzudenken und mitzugestalten. Die Einreichfrist für Bachelor- und Diplomstudien startet am 15. Juni!