„Der Bestand ist ein Abbild seit dem Beginn der Ersten Republik, unserer demokratie- und parteipolitischen Geschichte“, betont Anita Ziegerhofer. Die Forscherin leitet nicht nur das Institut für Rechtswissenschaftliche Grundlagen der Uni Graz. Sie steht auch dem wissenschaftlichen Beirat der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek vor, Teil der Plattform zeithistorischer politischer Archive.
Anhand der Wahlpalakte ließen sich, so Ziegerhofer, die innenpolitischen und gesellschaftlichen Themen besonders gut nachvollziehen. Sie veranschaulicht die Entwicklung im Zeitraffer: Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Unabhängigkeit Österreichs von den vier Besatzungsmächten im Mittelpunkt. Ab dem Staatsvertrag 1955 dominierten wirtschaftlicher Aufschwung und geopolitische Öffnung, etwa mit dem Beitritt zur UNO. In den 1970er-Jahren rückte die Gleichstellung der Geschlechter in den Vordergrund, in den 1980er-Jahren spielte die europäische Dimension eine zunehmend wichtige Rolle. In der jüngeren Vergangenheit dreht sich Wahlwerbung vor allem um Migration und Krisen. „Die Plakate spiegeln auch den jeweiligen Zeitgeist wider“, bringt es die Rechts- und Zeithistorikerin auf den Punkt. So seien zunehmend weniger Inhalte, sondern vielmehr die Gesichter der Parteispitzen von Bedeutung.
Forschungsschatz und Lehrmaterial
Rund 10.000 Plakate beinhaltet die Datenbank, die von vier Einrichtungen gespeist wird: Karl von Vogelsang-Institut, Kreisky-Archiv, Verein für Geschichte der Arbeiter:innenbewegung und Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek. 2011 gegründet, bündelt die Plattform politische Plakate von 1848 bis zur Gegenwart. plakatarchiv.zeithistorische-archive.at
Der riesige Bilderpool ist ein großer Schatz für die Forschung. „Er ist zudem für die Öffentlichkeit niederschwellig sowie frei zugänglich und lässt sich hervorragend im Unterricht für Geschichte und politische Bildung einsetzen“, unterstreicht Anita Ziegerhofer die starke Aussagekraft der Plakate.
Diese steht ebenfalls bei der Präsentation der Plattform am 19. Oktober 2026 an der Uni Graz im Mittelpunkt. Bei einer Diskussion unter anderem mit Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle, Uni-Graz-Historikerin Andrea Strutz, Werber Mariusz Jan Demner und dem ehemaligen Profil-Chefredakteur Herbert Lackner. ⇒ über die Veranstaltung mehr erfahren