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Universität Graz Neuigkeiten Feindbilder

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Donnerstag, 09.04.2020

Feindbilder

Die momentane Situation ist ein perfekter Nährboden für Propaganda und Populismus, meint die Kriegsfolgenforscherin Barbara Stelzl-Marx. Foto: Uni Graz.

Die momentane Situation ist ein perfekter Nährboden für Propaganda und Populismus, meint die Kriegsfolgenforscherin Barbara Stelzl-Marx. Foto: Uni Graz.

Befinden wir uns im Krieg? Die Universität Graz beantwortet Fragen zur Corona-Krise – # 15

Die momentane Situation ist ein perfekter Nährboden für Propaganda und Populismus, meint die Kriegsfolgenforscherin Barbara Stelzl-Marx.
 

Viele Staatschefs nutzen in der Corona-Krise Kriegsrhetorik, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Ob Frankreichs Premier Emmanuel Macron oder US-Präsident Donald Trump, sie alle setzen dieses Stilmittel ganz bewusst ein, so Barbara Stelzl-Marx, Kriegsfolgenforscherin und Wissenschafterin des Jahres 2019. „Diese Botschaften sind aber eher als Metapher zu sehen, um der Bevölkerung den Ernst der Lage zu vermitteln.“ Denn mit Krieg habe die jetzige Situation nichts zu tun, auch wenn uns die Bilder aus Krisengebieten wie etwa Norditalien daran erinnern. Denn Krieg ist die älteste Form organisierter Gewalt gegenüber Menschen, die als Feinde der eigenen Gruppe bezeichnet werden.

Wieso Propaganda jetzt Hochsaison hat, ist für die Forscherin klar: „So will man die harten Maßnahmen in der Bevölkerung akzeptabel machen. Denn wer hätte vor ein paar Monaten gedacht, dass ein grüner Politiker für striktere Ausgangsbeschränkungen plädiert und ein schwarzer Bundeskanzler die Geschäfte zusperrt?“ In der Krise haben Regierungen generell zwei Ansprüche an die Bevölkerung: Gehorsam und Mitwirkung.

Die Situation ist allerdings ein idealer Nährboden für Populismus, warnt Stelzl-Marx: „Regierende nutzen die jetzige Situation, um ganz bewusst Feindbilder zu konstruieren.“ So propagiert beispielsweise der Iran, dass der Krankheitserreger von den USA gegen den eigenen Staat eingesetzt worden sei. Oder Donald Trump spricht von einem „ausländischen Virus“, das eingeschleppt worden sei. Auch werde die Lage genutzt, nach der absoluten Macht zu greifen, meint die Forscherin und wirft damit einen Blick auf unseren östlichen Nachbarn Ungarn und seinen Staatschef Viktor Orbán.

Doch hätten Krisen immer zur Weiterentwicklung der Gesellschaft geführt. Die Frage sei vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, wie lange die derzeitige Situation noch anhält. „Wichtig ist, dass wir nach dieser Zeit die aufgebaute soziale Distanz rasch wieder abbauen“, betont die Historikerin. Trotz der abgeschotteten Grenzen müssen die Vorteile der EU rasch wieder sichtbar werden. „Denn solidarisierte Hilfeleistung innerhalb der Union ist auch nach der Bewältigung der Krise besonders wichtig.“ Es bleibt die Hoffnung, dass die Gesellschaft aus den Erfahrungen ihre Lehren zieht, etwa hinsichtlich der Nachteile von Globalisierung. Denn bald stünden wieder wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. „Und dann sind solche herausfordernden Situationen leider rasch wieder vergessen.“

Erstellt von Joachim Hirtenfellner

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