Rund 500 ZeithistorikerInnen aus Europa, den USA und Japan sind derzeit in Graz versammelt: Der österreichische Zeitgeschichtetag - erstmals seit 1999 findet er wieder in der steirischen Landeshauptstadt statt - wurde gestern feierlich von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer eröffnet. Der in Kürze aus seinem Amt scheidende Präsident zeigte sich bei seiner Eröffnungsrede bezüglich des Hauptanliegens der Veranstaltung - aus der Vergangenheit zu lernen - optimistisch: Niemand werde absichtlich frühere Fehler wiederholen, so Fischer.
Rektorin Christa Neuper betonte in ihren Eröffnungsworten für die Tagung, die unter dem Motto "Konstruktive Unruhe" mehr als 170 Vorträge vereint, die tragende Rolle, die die Wissenschaft in der Reflexion und Einordnung historischer Ereignisse spielt. Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c. Helmut Konrad, renommierter Zeithistoriker der Uni Graz und Leiter des Organisationsteams, bedankte sich besonders herzlich bei den "youngsters", also NachwuchswissenschafterInnen sowie student helpers, die mit viel Einsatz und Herzblut für einen reibungslosen Ablauf des Großevents sorgen.
Neben den vier wissenschaftlichen "Streams", die unterschiedlichen Themen gewidmet sind, gibt es auch für Nicht-ForscherInnen viel zu sehen und zu begreifen: In einem Open Space in der Aula, in dem künstlerische Arbeiten, Filmvorführungen, Theater-Performances, Diskussionen und Ausstellungen zur Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte anregen, sowie am Campus, auf dem einige bemerkenswerte Installationen zu sehen sind.
Besonders nachhaltig wirkt das "Denkmal für ein gestürztes Denkmal" der aus St. Petersburg stammenden Künstlerin Anna Jermolaewa, das gestern eröffnet wurde und vor dem Hörsaaltrakt ABC dauerhaft stehen bleiben wird. „Dieses Denkmal zeigt, dass sich ändernde politische Verhältnisse nicht selten versuchen, Geschichte auszulöschen, indem sie Denkmäler zu Fall bringen. Und es demonstriert, dass jene, die in ihrer Zeit als groß und mächtig galten, von der Nachwelt ganz anders, eben auch negativ, gesehen werden können“, erklärte die Künstlerin bei der Eröffnung des Werkes, das gemeinsam mit dem Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark am Universalmuseum Joanneum realisiert wurde.
Eine „Malschaukel“ (an.thon) im Foyer des Hauptgebäudes, durch die BesucherInnen mittels Pinselstrichen eine feste Grenze verwischen können, verdeutlicht indes, dass Geschichte sich durch aktive Beteiligung verändert. Und vor dem Hauptgebäude macht ein auf Wrackteile eines abgestürzten Alliierten-Flugzeugs anspielendes Kunstwerk von Josef Schützenhöfer bewusst, dass Grenzen zwischen „TäterInnen“ und „BefreierInnen“ fließend sein können.
Für ein besonderes Highlight sorgte eine Lesung der Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap im Rahmen eines Festes für Helmut Konrad am Freitagabend. Er habe die Zeitgeschichte an der Karl-Franzens-Universität etabliert und über die Jahre hinweg ihre wichtige Rolle innerhalb der historischen Forschung stets gestärkt, betonte Rektorin Neuper.