Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens mit Mascha Jacobs, Teil 2
Teil 2: Every Letter is a Loveletter
Auch den zweiten Abend soll diese Kettenbewegung begleiten. Unter dem Titel „Every Letter Is a Loveletter” wird Mascha Jacobs dann über Briefromane und Briefe sprechen, die ihr eigenes Schreiben inspiriert haben. Derzeit arbeitet sie an einem Briefroman, der im Herbst 2027 bei Ullstein erscheinen wird. Sie hat auch schon journalistische Texte in die Briefform gegossen. Ausgehend von ihrem eigenen Schreiben möchte sie über Briefe als offene Form und Gefäß für eine besondere Art der intimen Kommunikation sprechen, die die Lesenden in eine voyeuristische Position bringt.
Briefe simulieren Intimität, die immer literarisch vermittelt ist. Sie sind, wie Heike Geißler sagt, „Fragmente in Drag“. Denn aufgrund ihrer offenen und experimentierfreudigen Form mischen sich in ihnen erzählerische und essayistische Elemente. Außerdem beziehen sie sich oft auf das alltägliche Leben und sprachen literaturhistorisch vor allem Frauen an, die nicht (wissenschaftlich) gebildet waren. Für jemanden, der stark von der Beschäftigung mit Popkultur geprägt ist wie Mascha Jacobs, sind vor allem das Spiel mit „Authentizität“ und die als „weiblich“ kodierte Lesart interessant. Die Briefkultur wurde ästhetisch abgewertet, sobald sich viele Frauen darin äußerten, um sie als „trivial“, gefühlsbetont, unmittelbar und unreflektiert abzutun, anstatt ihren literarischen Wert zu schätzen.
Da Briefromane scheinbar gesprächsnah und „authentisch“ sind, wurden und werden sie oft entwertet. Gerade wegen ihres vermeintlichen Zugangs zu Aufrichtigkeit und Tiefe sind sie jedoch zum idealen Genre geworden, um mit diesen Zuschreibungen zu spielen. Das lässt sich an den Briefromanen „Von Paul zu Pedro. Amouresken” von Franziska zu Reventlow (Reclam), I Love Dick” (Semiotexte) von Chris Kraus und in „Zoo. Briefe nicht über Liebe oder Die dritte Heloise” von Viktor Schklowski (Guggolz Verlag) nachvollziehen. Und an einigen Filmen von Chantal Akerman („News from Home“, „Letters home“), in denen Briefe formal interessant eingesetzt werden.
In Kooperation mit dem Institut für Germanistik und dem Literaturverlag Droschl