Der Styx trennt in der griechischen Mythologie die Lebenswelt der Menschen vom Reich der Toten. Der griechische Held Achilles wurde in ihm gebadet und erlangte so seine Unverwundbarkeit. Johann Strauss’ „An der schönen blauen Donau“ gilt als Inbegriff des Wiener Walzers und wird jedes Jahr beim Neujahrskonzert der Philharmoniker gespielt und in die ganze Welt übertragen. Fließende Gewässer spielen also seit jeher eine wichtige Rolle und haben eine starke symbolische Bedeutung für den Menschen.
In einem europaweiten HERA/CHANSE-Konsortium namens LIMINALWATER setzen sich Wissenschaftler:innen aus Großbritannien, Frankreich, Portugal, Kroatien und Österreich interdisziplinär mit Wasserwegen in Grenzlandschaften auseinander. Gemeinsam untersuchen sie, wie diese in Literatur, Film und Kultur, Geschichte und Gesellschaft als Krisenräume erscheinen.
Drei Flüsse, die verbinden
An der Uni Graz ist das FWF-geförderte Teilprojekt am Institut für Slawistik angesiedelt und gehört zum Schwerpunktbereich „Dimensionen Europas“. In „RIVERS IN CRISIS“ richten die Literaturwissenschaftlerinnen Yvonne Živković und Stefanie Populorum den Blick auf die Donau, Drau und Drina. Diese drei Flüsse verbinden Österreich mit dem Westbalkan. Sie durchqueren Landschaften, politische Ordnungen und historische Erfahrungsräume. „Anders als in Westeuropa haben Flüsse am Balkan, vorwiegend jene im ehemaligen Jugoslawien, einen besonderen Stellenwert. Mensch und Fluss haben ein starkes, symbiotisches Verhältnis. Auch gerade deswegen, weil durch politische und gesellschaftliche Gegebenheiten der technologische Wandel dort erst verspätet Einzug gehalten hat“, betont die Projektleiterin Yvonne Živković.
Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung steht die Frage, wie österreichische und ex-jugoslawische Texte und Filme von 1918 bis heute über Flüsse von Krisen erzählen. „Autor:innen wie Friedericke Mayröcker, Frieda Paris und der Literatur-Nobelpreisträger Ivo Andrić haben sich in ihren Werken vermehrt damit auseinandergesetzt“, betont die gebürtige Kroatin. Untersucht werden dabei Prosa, Reiseberichte, Volkssagen, Gedichte und Filme. Sie verhandeln Kriege, Migration, Umweltzerstörung, Klimawandel, Überschwemmungen, Dürren, Verschmutzung, Menschenhandel und kollektive Zugehörigkeit.
Erinnerungs- und Konflikträume
Flüsse erscheinen in diesen Erzählungen nicht nur als Transport- und Handelsrouten. Sie sind Orte der Erinnerung und Identität. An ihnen entstehen Vorstellungen von Heimat, Nation, Kulturerbe und Zugehörigkeit. Zugleich zeigen sie, wie stark Menschen versuchen, Wasserwege zu ordnen und zu kontrollieren. Politische Grenzen, Überwachung, Begradigungen, Dammbau und wirtschaftliche Nutzung treffen dabei auf die Dynamik der Flusslandschaften. Wie kontrovers diese Flussnarrative sein können, zeigt Peter Handkes Werk „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“. Darin verbindet der österreichische Autor eine Reisebeschreibung mit einer politisch stark umstrittenen Deutung der Jugoslawienkriege.
Ausstellung: „Troubled Waters: Wasserwege in der Krise“
„Ziel des Projekts ist es, eine transnationale Karte literarischer und filmischer Flussnarrative zu entwickeln. Sie soll sichtbar machen, wie Donau, Drau und Drina durch historische Krisenerfahrungen miteinander verbunden sind“, führt Živković aus.
Die öffentliche Vermittlung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Gemeinsam mit der Akademie Graz bereitet das Projekt-Team die Ausstellung „Troubled Waters: Wasserwege in der Krise“ vor. Sie macht zentrale Themen einem breiteren Publikum zugänglich und bezieht auch steirische Flüsse ein. Die Ausstellung wird am 28. Mai 2026, um 19 Uhr mit einer Lesung und Führung in der Neutorgasse 42 in Graz eröffnet und ist bis 10. Juli 2026 zu sehen.