Die Tradition, dass Männer in Frauenkleider schlüpfen, reicht lange zurück. Unter anderem im Zeitalter von Shakespeare, als ausschließlich Männer auf der Bühne standen. Sogenanntes Cross-Dressing dürfte es abseits des Theaters gegeben haben. Kamil Karczewski, Wissenschaftler am Institut für Geschichte: „Aufgrund fehlender Quellen wissen wir wenig darüber, ob es sich dabei etwa um Transgender-Menschen gehandelt hat.“
Geschlechternormen sichtbar machen
„Drag-Shows im heutigen Sinne entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts. Bekannt waren sie vor allem im Berlin der 1920er-Jahre“, weiß der Historiker. Während des Zweiten Weltkriegs sind in US-amerikanischen Militär-Camps ebenfalls Männer als Frauen aufgetreten – wohl nur zur Unterhaltung und ohne kritische Reflexion.
Karczewski streicht den zentralen Aspekt von Drag hervor: „Die Performances machen Geschlechternormen sichtbar und darauf aufmerksam, dass Gender nur eine Rolle ist.“ In diesem Zusammenhang erinnert der Wissenschaftler an die Schriftstellerin Simone de Beauvoir, die feststellte, dass niemand als Frau zur Welt komme, sondern man/frau werde es. Diesem Aspekt trage Drag durch die starke Überzeichnung Rechnung und gelange durch kräftiges Make-Up, auffällige Outfits und übertriebene Weiblichkeit zum Ausdruck. Dass generell Drag-Queens sichtbarer seien als Drag-Kings, erklärt Kamil Karczewski mit der nach wie vor existierenden Diskriminierung der Frau und der unterschiedlichen gesellschaftlichen Wahrnehmung von Weiblichkeit und Männlichkeit.
Glitter und Glamour fasziniert sowie erfreut sich in Form von Drag-Races auf Streaming-Plattformen großer Popularität. Kamil Karczewski sieht mit der Mainstream-Akzeptanz und Kommerzialisierung auch Risiken verbunden: „Es besteht die Gefahr, dass es seine subversive Kraft verliert und nur noch als Unterhaltung wahrgenommen wird. Drag darf natürlich Spaß bereiten, sich aber nicht über Frauen lustig machen.“