Von menschlichen Interaktionen über Mode, Möbel oder Reisen bis zur politischen Debatte: Soziale Medien durchdringen inzwischen zahlreiche Bereiche des Lebens. Dabei verfolgen die unterschiedlichen Plattformen stets dasselbe Geschäftsmodell: Sie vermarkten die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer:innen an Werbetreibende und je länger diese scrollen, desto mehr Umsatz machen die Unternehmen.
Welche Strategien sie dabei verwenden und welche Folgen das mit sich bringt, erforscht Hussam Habib. Durch seine Forschung an der University of Iowa wurde er zu einem regelrechten Algorithmus-Detektiv. Über das APART-USA-Programm der Österreichischen Akademie für Wissenschaften wechselte er im Oktober an die Universität Graz. Neben der schwierigen politischen Lage für Forschende in den Vereinigten Staaten gab es für ihn einen zweiten Grund, nach Österreich zu kommen: Dank strengerer EU-Regularien können Wissenschaftler:innen hierzulande den Tech-Giganten genauer auf die Finger schauen.
„In den USA bestand ein Großteil meiner Arbeit darin, zu verstehen, wie die Algorithmen der Plattformen funktionieren“, erklärt Habib. Doch da diese geheim sind, konnte er das nur mit sogenannten Sockenpuppen-Accounts, also Fake-Profilen erforschen. In Europa verpflichtet der Digital Services Act die Social-Media-Konzerne aber dazu, Wissenschaftler:innen Zugang zu den Algorithmen zu geben. „Die Tech-Konzerne werden sich vermutlich wehren, aber hier in Europa haben wir wenigstens eine rechtliche Basis.“
Social-Media-Persönlichkeiten
Habib plant, mit seiner Arbeit im IDea_Lab der Uni Graz an seine Forschungen in den USA anzuknüpfen. Dort verfolgte er einen ungewöhnlichen Ansatz: Er gab den unterschiedlichen Social-Media-Algorithmen eine Art „Persönlichkeit“, und fand heraus, dass YouTube eine aggressive und extrem reaktive Persönlichkeit habe, die sehr stark auf Likes und Views reagiert. Der Mikroblogging-Dienst X, vormals Twitter, priorisiere den Aufbau eines Netzwerks. Wer wem folgt, zählt oft mehr als der einzelne Post. Die Persönlichkeit der Community-Plattform Reddit agiert wiederum als Kurator. Für den Algorithmus zählt, welchen Communitys, welchen Subreddits die Nutzer beitreten.
Dabei zeigte sich dennoch eine Gemeinsamkeit: „Wut und Negativität funktionieren in allen sozialen Netzwerken am besten“, sagt Habib. „Menschen beschäftigen sich länger mit Inhalten, die sie emotional aufregen. Deshalb ist es für Content-Creator:innen erfolgreicher, wenn sie kontroverse oder negative Posts generieren.“
Habib will den wirksamen Zugang zu den Geheimnissen der Algorithmen in der EU nun nutzen, um herauszufinden: Warum bekommen bestimmte Inhalte viel Reichweite? Welche Geschichten werden von den Algorithmen an viele Nutzer:innen ausgespielt und welche nicht? „Wenn wir grundlegend verstehen, wie sich gewisse Inhalte auf den Plattformen weiterverbreiten, können wir gezielt reagieren“, erklärt der Forscher. Vielleicht trägt seine Forschung dazu bei, politischen Entscheidungsträger:innen und vielleicht sogar den Entwickler:innen dieser Plattformen zu helfen, die Social-Media-Angebote zu verbessern und mehr Vielfalt in den gezeigten Inhalten zu ermöglichen.
Micro-Degree
Übrigens: Studierende der Universität Graz erhalten mit dem Micro-Degree „KI und Gesellschaft“ einen ganzheitlichen Einblick in Funktion und Herausforderungen von KI-Systemen, offen für alle Bachelor-Student:innen. Wer tiefer in diese Materie eintauchen will, kann sich für das Masterstudium Data Science einschreiben.