Unter dem Titel „Ein gutes Leben für alle“ war 2024 im Grazer Museum für Geschichte eine Ausstellung zum Thema Armut zu sehen. Das von der Caritas Steiermark in Kooperation mit der Akademie Graz und weiteren Partnern verwirklichte Projekt ließ Personen in prekären Lebenssituationen zu Wort kommen. Nun erfährt die Ausstellung an der Uni Graz eine Erweiterung und verleiht von Armut betroffenen Menschen aus dem Mittelalter eine Stimme. Gestaltet werden die neuen Hörstationen von Geschichte-Studierenden im Rahmen eines Seminars unter der Leitung von Tanja Skambraks.
Seit über einem Jahrzehnt forscht die Historikerin zum Thema Armut und Armutsbekämpfung im Mittelalter. „Was mich dabei besonders interessiert, ist die persönliche Sicht der Menschen. Wenn wir über Armut lesen oder hören, bekommen wir häufig statistische Daten, Informationen über einkommensschwache Gruppen und verschiedene Typen von Armut. Aber über die Innenperspektive der Betroffenen erfahren wir kaum etwas“, erklärt Skambraks.
In mittelalterlichen Quellen findet sich so einiges, was diesen Blickwinkel eröffnet. Ausgehend von verschiedenen Texten haben die Studierenden für die kommende Ausstellung „Leben und Überleben in Armut in Mittelalter und Gegenwart“ an der Uni Graz Hörstationen gestaltet. Diese geben Betroffenen eine Stimme, ergänzt durch Wissenswertes über den Kontext, so dass die Besucher:innen lebendige Einblicke bekommen. Die Themen reichen vom Lebensalltag der Armen, über den Umgang mit Bettler:innen, Erfahrungen von Sexarbeiterinnen, sozialen Auf- und Abstieg bis hin zu Armutsbekämpfung und freiwilliger Armut als Ideal in der Nachfolge Christi.
Kriege, Klima, Krankheiten
„Die Forschung zum Lebensstandard im Mittelalter geht davon aus, dass 50 bis 70 Prozent aller Menschen von konjunktureller Armut betroffen waren. Das bedeutet, dass es durch bestimmte Krisen, wie Kriege, Epidemien oder Hungersnöte nach Missernten aufgrund klimatischer Veränderungen, immer wieder zu Versorgungsengpässen kam“, weiß Skambraks. „Besonders in den Städten, wo viele Menschen auf kleinem Raum zusammenlebten, war in Notzeiten unter Umständen die Mehrheit der Einwohner:innen von temporärer Armut betroffen“, so die Wissenschaftlerin.
Hospitäler, Renten, Pflandleihbanken
Im Sinne der Caritas, der Nächstenliebe, versuchte vor rund 800 Jahren zunächst vorrangig die Kirche, das Problem institutionell abzufedern. Hospitäler waren Fürsorgeeinrichtungen für Arme, Alte, Fremde, Pilger und Kranke. Einige wurden von Bruderschaften – Gemeinschaften von Laien und Geistlichen – betrieben. Klöster, Stadtkirchen, aber auch private Haushalte waren dazu angehalten, Almosen zu spenden.
In der Folge kam es im Spätmittelalter zu einer Ausweitung dieser karitativen Institutionen, unter anderem gebunden an Berufsgruppen. „Die Zünfte in den Städten hatten teilweise auch Versorgungspflichten für ihre betagten Mitglieder. So gab es etwa einen Fonds, aus dem eine Art Altersvorsorge ausgezahlt werden konnte“, berichtet Skambraks. Zudem entwickelte sich das städtische Rentenwesen.
In Italien wurden im 15. Jahrhundert die sogenannten Monti di Pietà – deutsch: Berge der Barmherzigkeit –gegründet. Diese Pfandleihbanken vergaben im Auftrag der Städte Mikrokredite an arbeitende Menschen, um ihnen über finanzielle Engpässe hinwegzuhelfen.
Ursprung des Wohlfahrtsstaates
Von den Ursachen für Armut, etwa Krisen im Leben, über die persönliche Erfahrung existenzieller Sorgen bis hin zu Regeln für das Betteln in Städten oder Einrichtungen wie Pfandleihanstalten – in vielem ist uns die Vergangenheit heute noch ganz nah. In der Institutionalisierung der Armutsbekämpfung im Mittelalter sieht die Forschung den Ursprung des Wohlfahrtsstaates. „Seit damals gibt es die Kontinuität im Willen – auch der Politik – etwas gegen Armut zu tun“, sagt Skambraks und ergänzt: „Die Professionalisierung, Bürokratisierung und flächendeckende Verbreitung der Institutionen findet dann aber erst in der Neuzeit statt.“ Ein entscheidender Unterschied zwischen damals und heute sei, dass unser Sozialstaat versuche, präventiv für die gesamte Bevölkerung gegen Armut vorzugehen. „Diese umfassende Absicherung ist eine große Errungenschaft“, unterstreicht die Historikerin.
Studierende vermitteln Geschichte
Das Masterstudium Geschichtswissenschaften öffnet Absolvent:innen Türen zu interessanten Tätigkeitsfeldern in der Vermittlung von historischem Wissen, nicht nur in Museen. Zum Ausstellungsprojekt sagt Skambraks: „Mir ist wichtig, dass die Studierenden anhand eines gesellschaftlich relevanten Themas Skills in der Wissenschaftskommunikation erlernen und einüben.“ Zusätzlich zu den Inhalten der Hörstationen produzieren sie einen Ausstellungskatalog, der auch digital verfügbar sein wird.
Leben und Überleben in Armut in Mittelalter und Gegenwart
Eine Ausstellung der Universität Graz und Caritas Steiermark in Zusammenarbeit mit der Akademie Graz und La Strada
5. bis 31. März 2026
im Foyer der Universitätsbibliothek Graz, Universitätsplatz 3a, 8010 Graz
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 8 bis 22 Uhr, Samstag 9 bis 22 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 5. März 2026, 17 Uhr