Meine Ankunft im Januar fiel mitten in die „Operation Metro Surge“ – nur wenige Tage nach der Ermordung von Renee Good und kurz vor dem Tod von Alex Pretti. Beide wurden von ICE-Beamten auf offener Straße erschossen. Minneapolis befand sich in einem Ausnahmezustand. Es kam zu 3.800 Verhaftungen durch die Einwanderungsbehörde. Menschen wurden auf der Straße aus ihren Autos gezerrt, unzählige Fahrzeuge blieben führerlos stehen. ICE-Beamt:innen warteten insbesondere vor Schulen, Krankenhäusern, Gemeindezentren, Supermärkten und Restaurants, um Menschen festzunehmen. Orte, die eigentlich Versorgung und Sicherheit garantieren sollten, wurden für viele zu solchen der Angst. Zurück blieben Familien ohne Elternteile, Säuglinge ohne Muttermilch, Haushalte ohne Einkommen.
Für viele Bewohner:innen wurde das Verlassen des Hauses zum Risiko. Ein bestimmtes Aussehen oder ein hörbarer Akzent reichten aus, um zur Zielscheibe zu werden – oft unabhängig von Staatsbürgerschaft oder Aufenthaltsstatus. Schulen stellten auf Online-Unterricht um, viele verloren ihre Jobs. Besonders betroffen waren Personen, die unter prekären Bedingungen arbeiten und leben, die Stadt aber als Reinigungskräfte, Pflegepersonal, Kinderbetreuer:innen täglich am Laufen halten.
Solidarität und Zivilcourage
Gerade in dieser Situation zeigte sich jedoch auch, was eine Stadt trägt, wenn Menschen sich weigern, diese Formen von Gewalt als neue Normalität hinzunehmen: Gesellschaftliche Verbundenheit und gemeinsames Sorgetragen wurden zur kollektiven Antwort gegen institutionelle Ausgrenzungsmechanismen und staatliche Gewalt. Weitreichende und vielschichtige Sorgestrukturen zur Unterstützung der migrantischen Bevölkerung entstanden.
Minneapolis und der Bundestaat Minnesota haben eine starke demokratische Mehrheit, eine lange Geschichte progressiver sozialer Bewegungen und starkes Community Organizing. Die Erfahrungen der Aufstände nach der Ermordung von George Floyd 2020 – unweit der Orte, an denen Good und Pretti getötet wurden – prägen den politischen Alltag und das Leben in der Stadt nach wie vor stark. Als Reaktion auf die Operation Metro Surge und das extreme Vorgehen der ICE-Beamt:innen wurden viele der damaligen Netzwerke reaktiviert, einige neu geknüpft. Nachbarschaften organisieren „Mutual Aid“, selbstorganisierte Versorgung, für Menschen, die zuhause blieben. Patrouillen warnten weitflächig mit Trillerpfeifen und über Signal-Gruppen vor Razzien.
Trillerpfeifen wurden zum Symbol dieses Widerstands. Sie wurden massenhaft mit 3D-Druckern produziert und in Bibliotheken, Supermärkten oder Apotheken kostenlos verteilt. Menschen dokumentierten ICE-Einsätze, stellten sich dazwischen, blockierten Straßen und riskierten ihr Leben, um Nachbar:innen zu schützen. „We love our immigrant neighbors“ steht auf unzähligen Plakaten in Fenstern und Geschäftslokalen. Dieses Verständnis von Zugehörigkeit und die Artikulation sozialer Nähe widersetzt sich direkt der Rhetorik des US-Präsidenten. Nachbarschaft wird zu einer politischen Praxis der Solidarität.
Auch räumlich schreibt sich der Protest in die Stadt ein: Neben unzähligen „ICE OUT“-Plakaten, die an jeder Ecke ins Auge stechen, wurden Straßenblockaden entlang zentraler Transitachsen errichtet, um die Fahrzeuge der Behörde zu verlangsamen und Bewohner:innen frühzeitig zu warnen. Zugleich entstanden spontane Denkmäler für Alex Pretti und Renee Good. Blumen, Kerzen und Briefe füllen Straßenabschnitte. Diese Orte erhalten eine neue politische Bedeutung: Sie erinnern an die Gewalt, machen Trauer öffentlich und werden von Bewohner:innen gemeinsam mit den Familien der Ermordeten gepflegt. Stadt und Stadtgemeinschaft werden so aktiv verteidigt und kollektiv neu hergestellt.
Infrastruktur der Sorge
Anknüpfend an meine Forschung zu Caring Cities – unter anderem im Kontext der Versorgung Geflüchteter in Westeuropa – lassen sich die Dynamiken in Minneapolis als Formierung alternativer Infrastrukturen der Sorge analysieren. Wo staatliche Institutionen Unsicherheiten für Teile der Bevölkerung produzieren, treten informelle soziale Netzwerke hervor, um alltägliche Versorgung und Sicherheit zu gewährleisten. Diese Praktiken – von Warnsystemen, über medizinische Versorgung, kollektive Kinderbetreuung bis hin zu Mietenfonds – gehen über individuelle Nachbarschaftshilfe hinaus. Aus einer feministisch-sorgeethischen Perspektive konstituieren sie ein „Caring-with“: eine politische Praxis des Miteinander-Sorgens, die auf sozialen Verbundenheiten, Vertrauen und Solidarität beruht. Diese öffentliche Form der Sorge artikuliert ein kollektives Recht auf Stadt, indem sie Sicherheit nicht über Repression, sondern über die wechselseitige materielle und emotionale Abhängigkeit der Bewohner:innen definiert.
Die Ereignisse verdeutlichen somit eine Neuaushandlung urbaner Verantwortung: Care wird hier nicht als private Last, sondern als kollektive Ressource organisiert, die der fragmentierenden Absicht staatlicher Gewalt entgegenwirkt.