Was ist eigentlich „kreatives Böses“?
Corinna Perchtold-Stefan: Gemeint ist Kreativität, die gezielt eingesetzt wird, um anderen zu schaden. Gerade das Originelle macht solche Handlungen oft besonders wirksam. Wenn etwas unerwartet ist und nicht in bekannte Muster passt, können Menschen und Systeme schlechter darauf reagieren. Ein alltägliches Beispiel sind Betrugsversuche: Eine plumpe Phishing-Mail erkennt man schnell. Werden Nachrichten aber anhand öffentlich verfügbarer Informationen sehr individuell zugeschnitten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir ihnen glauben. Genau deshalb ist diese Form von Kreativität aus Forschungssicht interessant und zugleich gefährlich.
Kreativität und Empathie gelten eigentlich als positive Eigenschaften. Können auch sie eine dunkle Seite haben?
Perchtold-Stefan: Ja. Empathie bedeutet nicht automatisch, dass jemand mitfühlend handelt. Manche Menschen können andere kognitiv sehr gut einschätzen: Was denkt mein Gegenüber? Worauf reagiert es? Womit kann ich ihm schmeicheln? Diese Fähigkeit kann auch dazu dienen, Menschen gezielt zu manipulieren. Ähnlich ist es mit Kreativität. Sie ist zunächst einfach eine Fähigkeit. Entscheidend ist, wofür sie eingesetzt wird.
Warum faszinieren uns brillante Betrüger:innen, manipulative Persönlichkeiten oder Verbrecher:innen überhaupt?
Perchtold-Stefan: Das Außergewöhnliche zieht unsere Aufmerksamkeit an. Bei spektakulären Fällen wollen wir verstehen, wie so etwas passieren konnte und wie ein Mensch auf eine bestimmte Idee gekommen ist. Dazu kommt ein psychologisches Bedürfnis, Unsicherheit zu reduzieren. Wenn wir begreifen, wie eine Tat funktioniert hat, entsteht zumindest subjektiv das Gefühl, beim nächsten Mal besser vorbereitet zu sein. Bei manchen Verbrechen kommt noch eine gewisse Romantisierung dazu, etwa wenn der Schaden abstrakt bleibt oder Täter:innen in Filmen und anderen Medien besonders charmant dargestellt werden. Betrachtet man die Tat im Detail, sieht sie oft sehr viel weniger glamourös aus.
Sind es also vor allem bestimmte Persönlichkeitstypen, die Böses tun?
Perchtold-Stefan: Nein. Mir ist wichtig, nicht jede problematische Verhaltensweise sofort mit inflationären Begriffen wie Narzissmus oder Psychopathie zu erklären. Menschen können unter bestimmten Umständen schädlich handeln, ohne psychisch auffällig zu sein. Gerade deshalb interessiert mich auch die Rolle der Umwelt. In einem Arbeitsumfeld, in dem Regelverstöße belohnt werden und sich ein starkes Gruppendenken entwickelt, kann sich schrittweise verschieben, was Menschen noch für akzeptabel halten. Die Frage lautet also nicht nur: Wer sind wir? Sondern auch: Was machen bestimmte Umgebungen mit uns?
Kann aus einem bösen Gedanken schon eine böse Tat werden?
Perchtold-Stefan: Diese beiden Dinge muss man klar unterscheiden. Viele Menschen haben aggressive Gedanken, Rachefantasien oder entwickeln beruflich dunkle Szenarien, etwa Krimiautor:innen. Das bedeutet nicht, dass sie diese Ideen umsetzen. Zwischen einer Vorstellung und einer Tat liegen viele weitere Faktoren: Motivation, Gelegenheit, Rechtfertigung, Emotionen, die Reaktion des Umfelds und natürlich die eigene Selbstregulation. Das Forschungsfeld der malevolenten Kreativität ist mit ihren rund 20 Jahren noch sehr jung. Wir können deshalb noch nicht für jede Konstellation sagen, wann genau eine Idee tatsächlich in ein Verhalten kippt.
Warum wollten Sie über dieses Thema ein Buch für ein breites Publikum schreiben?
Perchtold-Stefan: Ich wollte Forschung außerhalb wissenschaftlicher Fachtexte zugänglich machen und mit realen Fällen, Alltagspsychologie und auch ein wenig Humor verbinden. Gleichzeitig möchte ich mit einigen verbreiteten Vorstellungen aufräumen. Wissenschaft muss nicht immer im Hightech-Labor stattfinden. Gute Forschung kann mit einfachen Mitteln auskommen, wenn die Fragestellung und die Methode stimmen. Für mich gehört es zur Wissenschaftskommunikation, zu erklären, was wir eigentlich erforschen, wie wir dabei vorgehen und was die Gesellschaft mit den Ergebnissen anfangen kann.
Das Buch „Das kreative Böse“ (208 Seiten) erscheint am 7. Oktober 2026 im Brandstätter Verlag.