Im natürlichen Prozess der Waldentwicklung, zum Beispiel nach einem Brand, besiedeln anfangs schnell wachsende, sonnenliebende Pionierbäume die offenen Flächen, bis sie mit der Zeit von langsam wachsenden, schattentoleranteren Arten ersetzt werden. So entsteht ein widerstandsfähiger Wald, der einer Vielfalt von Flora und Fauna Lebensraum bietet. „Eine große Debatte bei der Renaturierung von Wäldern ist, ob langsamer wachsende Bäume erst gesetzt werden sollten, sobald die Pionierarten gewachsen sind, oder gemeinsam mit ihnen. Die gleichzeitige Pflanzung hat den Vorteil, dass sie den Prozess verkürzt, das entstehende Ökosystem stabilisieren kann und dessen Biodiversität fördert“, sagt Sarah Bürli. Die Pflanzenwissenschaftlerin der Uni Graz hat im Rahmen des Living Laboratories-Programms der Auckland University of Technology in Aotearoa/Neuseeland untersucht, was die Überlebenschancen langsam wachsender Bäume erhöht, wenn sie zur selben Zeit wie die Pionierarten gesetzt werden.
Um mehr über optimale Rahmenbedingungen herauszufinden, wurden in Kooperation mit Māori Communities drei ehemalige Agrarflächen aufgeforstet. „Wir haben die Entwicklung von mehr als 1800 Bäumen beobachtet und analysiert“, berichtet Bürli über das Experiment. Dabei konnten die Forscher:innen zeigen, dass ein Abstand von zwei Metern zwischen Pionierbäumen die Überlebensrate der langsamer wachsenden Arten im Vergleich zu einem, drei oder vier Metern deutlich verbessert. „Dieser Abstand schien die Vorteile des Schutzes durch die rasch wachsenden Bäume und die Nachteile der Beschattung und Konkurrenz effektiv auszugleichen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Darüber hinaus erhöhten auch größere Mengen an toter und lebender bodennaher Vegetation die Überlebensrate der Setzlinge.
Was die Frage der gemeinsamen Pflanzung betrifft, so ergab die Studie: „Vier der insgesamt sechs langsam wachsenden Baumarten im Experiment etablierten sich gut, wenn sie zusammen mit den Pionieren eingeführt wurden“, so Bürli. Bisher ging man vom Gegenteil aus. Die Tatsache, dass das gleichzeitige Setzen zu einer hohen Überlebensrate führt, wird die Arbeit in Zukunft vereinfachen.
Zwar sind die Bäume, die in Österreich und Europa in naturnahen Wäldern vertreten sind, andere als in Neuseeland, aber auch hierzulande gibt es rasch und langsam wachsende Arten. Das bedeutet, dass die Ergebnisse der Studie auch für heimische Renaturierungsprojekte genutzt werden können.
Publikation:
Differential seedling survival of early-planted, late-successional trees: Results from three forest restoration experiments
Sarah Bürli, Luke A. McClean, Bradley S. Case, David Hall, Hannah L. Buckley
Ecological Solutions and Evidence
DOI:10.1002/2688-8319.70207