Während sich Politiker:innen ab Montag in Antalya zur UN-Klimakonferenz COP treffen, sorgt im Pazifik das Phänomen El Niño für Wassertemperaturen von über 30 Grad Celsius. Rund um den Jahreswechsel wird es seinen Höhepunkt erreichen und an Intensität alle bisherigen Ereignisse übertreffen. Die Auswirkungen sind jetzt schon an der amerikanischen Westküste zu spüren: Heftige Regenfälle haben etwa in Peru zu schweren Überschwemmungen und Erdrutschen geführt, Kalifornien hat in Erwartung von Stürmen und Unwettern den Notstand verhängt. In Mitteleuropa wird die Entwicklung noch bis Herbst 2027 wirksam. „Wegen der El-Niño-bedingten Erwärmungswirkung ist ein weiterer Sommer mit überdurchschnittlicher Hitze und Dürre wahrscheinlich“, erklärt Gottfried Kirchengast vom Wegener Center und Institut für Physik. Das sei untypisch, denn normalerweise folge auf eine extreme Situation wie 2026 eine Zeit der Entspannung. Diesmal könnte El Niño, durch den Klimawandel verstärkt, die Atempause verhindern.
Massiv betreffen wird das Klimaphänomen auch Afrika: „Man muss regional mit Ernteausfällen von über 50 bis 70 Prozent rechnen, was für die Menschen vor Ort eine Tragödie ist und aufgrund der globalen Verflechtungen uns in Europa ebenfalls betreffen wird“, ergänzt Kirchengast.
Prognose mit aktuellsten Daten
Der Klimaforscher hat gemeinsam mit seinem Dissertanten Moritz Pichler die erwartete globale Erwärmung für heuer und 2027 neu berechnet. Die beiden haben dafür Temperaturdaten bis September 2026, Saisonvorhersagen bis Dezember 2026, Temperaturverläufe von starken El-Niño-Jahren seit 1980 und El-Niño-Vorhersagen bis Juli 2027 herangezogen. Die Ergebnisse sind als Teil des Datensatzes ClimTrace3.0 frei zugänglich (siehe Referenzdatensatz). Die Forscher haben zum Vergleich auch erwartete Ergebniswerte aus den etwas abweichenden Berechnungsweisen des europäischen Klimawandeldienstes Copernicus und der Weltmeteorologischen Organisation ergänzend ermittelt und bereitgestellt (siehe Infografik unten).
Die Erwärmung fällt mit einem Anstieg der globalen oberflächennahen Lufttemperatur von heuer 1,65 °C und 2027 sogar rund 1,8 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau noch etwas stärker aus als bereits im Juni in der Frühphase des El-Niño-Ereignisses vorhergesagt. „Diese Entwicklung im nächsten Jahr ist bis zu plus 0,25 Grad durch El Niño bedingt. Gleichzeitig trägt der langfristige Antrieb durch die menschengemachten Emissionen erstmals über 1,5 Grad bei“, erläutert Kirchengast. „Fachlich ist es eindrucksvoll, das alles schon ein Jahr davor zu wissen. Jedoch ist es sehr traurig, auch all die vermeidbar gewesenen Verluste und Schäden kommen zu sehen. Klarer kann die Dringlichkeit für Klimaschutz nicht mehr sichtbar werden.“
Referenzdatensatz:
Der neue Referenzdatensatz (ClimTrace3.0) zu dieser Prognose ist über das Webportal Graz Climate Change Indicators – ClimateTracer verfügbar: https://climatetracer.earth/de/ (Datenbereich „Erwärmung – Globale Oberflächentemperatur-Änderung“; Datensatz im xlsx-Format).
Das Projekt „Graz Climate Change Indicators“ ist im Profilbereich „Climate Change Graz“ der Universität verankert.
weiterführende Infos zum Thema:
„El-Niño-Experte: 2027 wird heißestes Jahr der Geschichte“ (Bericht der Österreichischen Akademie der Wissenschaften über die aktuelle Forschung von Gottfried Kirchengast)
„Ära menschengemachter Hitzewellen bricht an“ (Interview der Austria Presse Agentur mit Gottfried Kirchengast)