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Universität Graz Neuigkeiten Die stille Arbeit am Erbe der Menschheit

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Freitag, 30.01.2026

Die stille Arbeit am Erbe der Menschheit

Drei Frauen stehen in einem Raum und schauen in die Kamera ©Uni Graz/Tzivanopoulos

Aurelia Sedlmair, Theresa Zammit Lupi und Lena Krämer (v.l.) restaurieren die Bestände aus den Sondersammlungen der UB Graz behutsam. Foto: Uni Graz/Tzivanopoulos

Vom äthiopischen Pergament bis zum barocken Sternenatlas: In der Universitätsbibliothek Graz lagern einzigartige Zeugnisse der Weltgeschichte. Mit dem Projekt „2500 Jahre Wissen“ gibt die Universität Graz alten Büchern eine Zukunft. Privatpersonen und Unternehmen können Patenschaften übernehmen – und damit aktiv zum Erhalt wissenschaftlicher und kultureller Originale beitragen. Restauratorinnen bewahren fachkundig, mit Akribie.

„Es ist ein schönes und spannendes Gefühl, mehrere hundert Jahre alte Bücher und Manuskripte vorsichtig in die Hand zu nehmen, sie sorgfältig zu begutachten und für kommende Generationen zu bewahren“, erzählt Restauratorin Aurelia Sedlmair, während sie ein äthiopisches Pergament-Manuskript mit der Signatur MS 2060 aus dem 17. Jahrhundert behutsam aus der Lederhülle entnimmt und durchblättert. „Darin steckt so viel Geschichte – das macht meinen Beruf so interessant“, betont die gebürtige Deutsche. Seite für Seite prüft sie auf Schäden. Dann hält Sedlmair inne und deutet mit dem bloßen Finger auf eine rote Naht. „Hier wurde bereits repariert – notdürftig mit einfachen Mitteln.“

Pergament ist ein kostbarer Beschreibstoff; jedes Blatt erzählt auch ohne Schrift eine Geschichte. „Tierhaut, aus der Pergament gefertigt wird, ist nie makellos. Alte Wunden hinterlassen Narben, zu straffes Spannen erzeugt Löcher.“ Solche Makel zu beseitigen, sei jedoch nicht Aufgabe einer Restauratorin. „Wir beheben nur, was zwingend erforderlich ist – sonst verliert das Werk seinen Charakter.“ Die größten Feinde der Bücher sind Wasser, Feuer, Insekten, Feuchtigkeit – und der Mensch. Sedlmair spürt diesen Spuren gezielt nach.

Die MS 2060 mit Holzdeckel-Einband und Lederhülle gehört zum Bestand der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Graz, wo sie sorgfältig gelagert wird. Die äthiopische Handschrift zählt zu jenen Objekten, die dringend vor dem Zerfall bewahrt werden müssen – andernfalls zerfiele ein Stück Geschichte buchstäblich in seine Einzelteile. Insgesamt umfassen die Sondersammlungen rund 300.000 Werke von unschätzbarem Wert. Ein großer Teil der Papyri, Handschriften, Inkunabeln, Karten und Drucke stammt aus dem ehemaligen Herzogtum Steiermark. Diese Werke für kommende Generationen lesbar zu erhalten, ist eine Herkulesaufgabe.

Patenschaften bewahren 2500 Jahre Wissen

Damit der Zahn der Zeit nicht weiter an den kostbaren Beständen nagt, initiierte die Universität Graz im Oktober 2023 ein besonderes Rettungsprojekt. Unter dem Titel „2500 Jahre Wissen“ vergibt sie Buchpatenschaften. Bisher haben sich 112 Unterstützer:innen gefunden, die mit ihrer Spende 68 Werke vor dem Verfall bewahren konnten. Die Zahl 2500 verweist auf die erzählte Zeit, die in den Archiven der Universitätsbibliothek schlummern. Förder:innen haben zwei Möglichkeiten: Eine Buchpatenschaft ab 350 Euro zur fachgerechten Restaurierung eines ausgewählten Werkes oder einen sogenannten Bücherbaustein à 50 Euro, der mehrfach erwerbbar ist und der allgemeinen Restaurierung dient. „Mit einer Buchpatenschaft übernehmen Spenderinnen und Spender Verantwortung für unser kulturelles Erbe und leisten einen wertvollen Beitrag zur Sicherung wissenschaftlicher Originale. Als Universität arbeiten wir für morgen – dazu gehört auch, das Wissen unserer Ahnen für kommende Generationen zu bewahren. Insgesamt konnten wir bis heute rund 110.000 Euro für die notwendige Reparaturarbeiten einnehmen. Dafür möchte ich ‚Danke‘ sagen“, unterstreicht Rektor Peter Riedler. Die Spenden fließen direkt in die Restaurierung: Sie finanzieren nicht nur Materialien, sondern auch fachliches Know-how. Aurelia Sedlmair wurde eigens für diese Aufgabe angestellt und arbeitet mit ihren Kolleginnen Tteresa Zammit Lupi und Lena Krämer zusammen. Alle drei bringen umfassende internationale Erfahrung in das Projekt ein.

Exklusives Programm

Regelmäßig lädt die Universität Graz ihre Förder:innen zu einem Empfang im historischen Lesesaal ein – zuletzt vor ein paar Tagen. Rund 50 Pat:innen erhielten an diesem Abend eine exklusive Führung durch die Sondersammlungen, bekamen Einblicke in die Arbeit der Bibliothek und konnten das von ihnen unterstützte Werk persönlich betrachten. Als Zeichen des Dankes werden sie auf der Förder:innentafel im Eingangsbereich der Universitätsbibliothek namentlich genannt. Buchpat:innen erhalten nach Abschluss der Restaurierung eine ausführliche Dokumentation, eine Urkunde sowie ein Exlibris – eine Art Widmung –, das auf der Schutzhülle des restaurierten Buches angebracht wird.

Eindrücke vom Empfang der Buchpat:innen (Fotos: Uni Graz/Thomas Luef)

Warum kein Handschuh?

Lineal, Rußschwamm, Spatel, Falzbein und Pinsel in unterschiedlichen Größen zählen zum Handwerkszeug der Restauratorin. „Damit können wir die Werke abbürsten und grobe Verunreinigungen entfernen“, erklärt Sedlmair. Den Kleister aus Stärke und Wasser mischt sie selbst. „So lässt sich das Verhältnis bedarfsgerecht anpassen.“ Mit dem verbreiteten Mythos, dass historische Bücher ausschließlich mit Handschuhen berührt werden dürften, räumt sie auf: „Handschuhe behindern bei der Arbeit. Am besten eignet sich eine saubere, gewaschene Hand.“ Denn man braucht Gefühl in den Fingern, um das Material präzise zu erfassen.

33 Schätze suchen noch Pat:innen

Die Liste der zu rettenden Werke ist lang und sie wird laufend ergänzt: 33 Bücher warten derzeit auf engagierte Unterstützer:innen – Einzelpersonen oder Unternehmen. Darunter befinden sich echte Kapazunder wie 19 Objekte aus der Papyrussammlung, datiert zwischen dem 3. Jahrhundert v. Chr. und dem 7. Jahrhundert n. Chr. Auch die „Harmonica Macrocosmica“, ein Atlas aus dem frühen 18. Jahrhundert mit 28 astronomischen Kupferstichkarten, zählt dazu. Zudem finden sich ein Koran sowie eine Handschrift aus dem steirischen Benediktinerstift St. Lambrecht auf der Liste.

Die äthiopische Pergamenthandschrift MS 2060 soll bald in diese Sammlung aufgenommen werden. „Dieses Werk muss unbedingt erhalten bleiben. Es geht nicht nur um Alter und Wert, sondern vor allem um seine Bedeutung. Es stammt aus einem Kulturkreis, der uns nicht allgegenwärtig ist und von dem auch wir Restaurator:innen noch viel lernen können.“ Spannend bleibt auch die Frage, wie das Manuskript nach Graz gelangte – aber das ist eine andere Geschichte.

 

Webseite “2500 Jahre Wissen – Das Buchpatenschaft Projekt der Uni Graz” 

Zwei Männer und eine Frau halten eine Urkunde in der Hand. Vor Ihnen auf einem Tisch ein altes Buch ©Uni Graz/Thomas Luef
©Uni Graz/Thomas Luef
Vizerektor Markus Fallenböck (links) und Rektor Peter Riedler überreichten eine Paten-Urkunde an Jeannette Fritz. Foto: Uni Graz/Thomas Luef
Verschiedene Werkzeuge liegen auf einer grünen Unterlage ©Uni Graz/Tzivanopoulos
©Uni Graz/Tzivanopoulos
Vom Falzbein bis zum Pinsel: das Werkzeug eines Buch-Restaurators. Fotos: Uni Graz/Tzivanopoulos
Verschiedene Farbpulver ©Uni Graz/Tzivanopoulos
©Uni Graz/Tzivanopoulos
Foto: Uni Graz/Tzivanopoulos
Ein Regal mit Utensilien ©Uni Graz/Tzivanopoulos
©Uni Graz/Tzivanopoulos
Foto: Uni Graz/Tzivanopoulos
Eine Hand schlägt die Seiten eines Pergament-Manusskripts auf ©Uni Graz/Tzivanopoulos
©Uni Graz/Tzivanopoulos
Beim Durchblättern macht sich die Restauratorin einen ersten Eindruck über die Beschaffenheit des Buches. Foto: Uni Graz/Tzivanopoulos
Seite eines alten Buches ©Uni Graz/Tzivanopoulos
©Uni Graz/Tzivanopoulos
Oftmals finden sich solche Löcher im Pergament. Foto: Uni Graz/Tzivanopoulos
Ein Falzbein zeigt auf eine genähte Stelle in einer Handschrift ©Uni Graz/Tzivanopoulos
©Uni Graz/Tzivanopoulos
Das äthiopische Pergament-Manuskript aus dem 17. Jahrhundert weist einige Gebrauchsspuren auf. Einige Risse wurden notdürftig genäht. Foto: Uni Graz/Tzivanopoulos
Erstellt von Konstantin Tzivanopoulos

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