„Begonnen hat die heutige Sportwissenschaft mit der Ausbildung von Turnlehrer:innen“, weiß Sportpädagoge und -historiker Tarik Orliczek. Zuvor hatten die Pädagog:innen einen viersemestrigen Turnlehrerbildungskurs besucht und konnten dann den Gegenstand in der Schule als Nebenfach unterrichten. Mit dem Ministerialerlass vom 27. Juni 1926 wurde schließlich – nach Wien im Studienjahr zuvor – auch an der Universität Graz ein entsprechendes Studium eingerichtet. „Mit dem fortan möglichen Abschluss der sogenannten wissenschaftlichen Lehramtsprüfung nahm die Akademisierung des Faches Turnen – später Leibeserziehung, heute Bewegung und Sport – ihren Anfang“, erläutert Orliczek
Politische Vereinnahmung
„Karl Gaulhofer, selbst Absolvent der Universität Graz, war als Ministerialrat für körperliche Erziehung maßgeblich mit seinen Mitarbeiter:innen für diese Reform verantwortlich“, berichtet Orliczek. Dass es so weit kam, hatte mit dem steigenden Bedarf an Lehrkräften für das mittlerweile obligat gewordene Schulfach und dem gesellschaftspolitischen Stellenwert von Turnen und Leibeserziehung zu tun. Nicht nur wegen aufkommender Sportgroßveranstaltungen oder der Gesundheitsförderung, sondern auch aufgrund einer politischen Vereinnahmung. Der Sportpädagoge erklärt: „In der Zwischenkriegszeit gewannen Wehrhaftigkeit und vermeintlich gutes Erbgut zunehmend an Bedeutung – nationalistisch-völkische Ideologien, an denen sich Gaulhofer als sogenannter Turnerneuerer orientierte.“
Sportlich am Campus
Trotz der Verlagerung an die Universität blieb das Fach weiterhin mit der Stadt eng verknüpft. „Aufgrund fehlender Anlagen erfolgte die Ausbildung anfangs in der Landesturnanstalt am Fuße des Schloßbergs“, schildert Tarik Orliczek. In Folge entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Campus entlang des Geidorfgürtels – wo heute das RESOWI-Zentrum steht – ein Institutsgebäude sowie ein Universitätsturn- und -spielplatz. Letzterer wurde ab den 1980er-Jahren zum neu erbauten Universitätsportzentrum am Rosenhain verlegt.
Bewegte Wissenschaft
Ab den 1970er-Jahren etablierte sich der Begriff der Sportwissenschaft, diese ist heute an der Universität Graz international höchst anerkannt. Dem trägt ebenso die Errichtung moderner Forschungsstätten Rechnung, darunter etwa das 2023 eröffnete Trainings- und Diagnostikzentrum sowie das im Vorjahr wiederhergestellte und völlig sanierte ehemalige Jesuitenrefektorium. Dort forscht Tarik Orliczek. Und er erinnert an die „sportlichen“ Vorgänger, die das Gebäude vor rund 400 Jahren im Sommer bewohnten: „Die Jesuiten übten schon früh Ballsport aus, möglicherweise auch hier am Rosenhain.“ Vielleicht würden sie heute wie die insgesamt 2000 Kleeblattläufer:innen über den Hügel sprinten.