Katharina Neef
Zum Vortrag:
Um 1900 war „Soziologie“ noch kein Universitätsfach, sondern ein Versprechen - und zwar ein Versprechen von Planbarkeit und Kontrolle. Sowohl in akademischen Kreisen als viel mehr noch in der gebildeten Öffentlichkeit kursierten Ideen für und Hoffnungen auf die Professionalisierung einer Wissenschaft von der Gesellschaft, der es gelingen sollte, die komplexen sozialen Gebilde der Gegenwart übersichtlicher und funktionaler zu gestalten. Und ihre dysfunktionalen Teile gar zu reparieren. Und während sich einige Wissenschaftler, die sich mit gesellschaftswissenschaftlichen Fragen befassten, gegen derartige Anfragen strikt verwahrten, motivierten sie andere geradezu zur soziologischen Arbeit. Ein zentrales Habitat solcher Soziolog:innen war die Sozialreform, also das breite Milieu von Aktivisten, Politikern und Politikberatern, die die moderne Gesellschaft aktiv gestalten wollten. Heute sind diese Sozialreformer:innen fachsoziologisch weitgehend vergessen. Das blendet aber aus, dass sie praktisch meist erfolgreicher an der Etablierung der akademischen Disziplin beteiligt waren als ihre heute als „Klassiker“ bekannten Kolleg:innen. Der Vortrag beleuchtet die Entstehungsmilieus der frühen deutschsprachigen Soziologie mit einem besonderen Fokus auf aktivistische Soziolog:innen und diskutiert sowohl ihre Agenda als auch ihre Verdrängung aus der disziplinären Erinnerung.
Zur Person:
Studium der Religionswissenschaft, Altorientalistik und Niederlandistik in Leipzig. 2010 Promotion in Religionswissenschaft mit der Dissertation "Die Entstehung der Soziologie aus der Sozialreform. Eine Fachgeschichte" (Campus Verlag). Seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Religionswissenschaftlichen Institut der Uni Leipzig. Forschungsschwerpunkte: Religion und Politik, Rechtlicher Umgang mit religiösen bzw. weltanschaulichen Minderheiten, Religionskunde/Religion im schulischen Kontext, Säkularismus und Wissenschaftsgeschichte.