Wer heute eine Information sucht oder etwas wissen will, braucht nur ein paar Klicks und landet auf Wikipedia. Vor 25 Jahren war die Online-Enzyklopädie aber noch komplett unbekannt. Und dann hat das Nachschlagewerk hat eine kleine Revolution ausgelöst. Denn jeder und jede kann mitmachen und das eigene Profi-Wissen für alle zugänglich machen. Digitale Gemeinschaftsgüter und “Commons“ sind heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.
Gemeinsame Güter sind aber kein neues Phänomen – sie gibt es schon seit Jahrtausenden. Schon im alten Ägypten arbeiteten Menschen gemeinsam an Bewässerungssystemen, und im Mittelalter teilten sich Dörfer die „Allmende“, also Land, das der Dorfgemeinschaft gehörte. Wissenschaftlich wurden Gemeinschaftsgüter (heute meist als öffentliche Güter bezeichnet) und gemeinsam bewirtschaftete und genutzte Commons erstmals im 19. Jahrhundert beschrieben, erklärt Richard Sturn, Volkswirtschaftsprofessor am Schumpeter-Center der Universität Graz.
„Gemeinschaftsgüter unterscheiden sich deutlich von privaten Gütern. Wenn ich etwa ein Stück Pizza esse, kann niemand anderer dieses Stück konsumieren. Bei Gemeinschaftsgütern geht das aber. Wenn ein:e Student:in einen Wikipedia-Artikel liest, nimmt das niemand anderem die Möglichkeit weg, dasselbe zu tun“, erklärt Sturn. „In der Volkswirtschaftslehre nennen wir das Nicht-Rivalität – und genau das zeichnet Gemeinschaftsgüter und digitale Commons aus.“
Kein Ausschluss
Nicht-Rivalität macht es für die Gemeinschaft vorteilhaft, dass niemand von der Nutzung ausgeschlossen wird – auch wenn er oder sie für die Nutzung nicht genug bezahlen kann. Für private Unternehmen ist so etwas aber schwierig. Wenn etwas für alle frei nutzbar ist, kann man damit kein Geld verdienen. Deshalb übernehmen Gemeinschaften den Aufbau und die Wartung von Commons, von mittelalterlichen Dörfern bis zu modernen Open-Source-Projekten oder Wikipedia. Und dazu braucht es vor allem ein klares Regelwerk.
„Denn die Offenheit dieser Systeme macht sie besonders, doch sie birgt auch eine Gefahr“, erklärt Sturn. Traditionelle landwirtschaftliche Commons und Fischgründe brauchen daher Regeln gegen Übernutzung oder Überfischung. Bei den digitalen Commons ist das Problem etwas anders gelagert: Wenn zu viele Leute gleichzeitig unkoordiniert an einem Projekt arbeiten, droht es chaotisch zu werden. Die Community muss daher Regeln und Anreize entwickeln. Wer darf oder soll (was, wann und wie) beitragen? Wer überprüft die Qualität der Beiträge? Gibt es Konsequenzen für Fehlverhalten und wie werden sie umgesetzt?
Balance zwischen Freiheit und Regeln
Doch so wichtig Regeln auch sind: Sie bereiten auch Probleme, erklärt der Volkswirt. „Normen stellen natürlich auch eine Grenze dar, an der Innovation aufgehalten werden kann.“ Die Kunst ist, die Balance zu finden; offenzubleiben, aber trotzdem Struktur zu bieten. „Eine Patentlösung gibt es nicht. Wichtig ist aber, dass die Nutzergemeinschaften sich dieses Spannungsfelds bewusst sind und ihre Rollen und Normen regelmäßig prüfen und weiterentwickeln“, sagt Sturn.
Nicht zuletzt leben Commons von Menschen, die mitmachen und motiviert bleiben. Denn Code schreiben oder Wikipedia-Artikel verfassen ist nur der Anfang. „Auch die Instandhaltung und Wartung dieser Angebote ist mit Aufwand verbunden“, erklärt der Forscher. Es benötige Anreize, um die Nutzer:innen an der Stange zu halten. „Und das gilt bei Open Source und Wikipedia genauso wie bei der Wartung Jahrtausende alter Bewässerungssysteme.“ Und der Erfolg dieser Systeme zeigt: Wenn Communities sinnvoll geregelt zusammenarbeiten, können sie wertvolle und wichtige Güter schaffen – damals wie heute.
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