Der Übergang war fließend: Bis 29. Februar 2016 war Univ.-Prof. Dr. Lavinia Heller an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz tätig, mit 1. März 2016 trat sie ihre Professur für Translationswissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz an. Scharf gezogene Grenzen kennt die Forscherin aber ohnehin weder in ihrer beruflichen Tätigkeit, noch aus ihrem biografischen Hintergrund. In Rom geboren, wuchs Heller mit Italienisch und Deutsch als Muttersprachen auf.
Um sich neues sprachliches Territorium zu erschließen – sie beherrschte schon in jungen Jahren Englisch, Französisch und Spanisch – studierte Heller Chinesisch am Fachbereich für Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Mainz. „Die Freude an der Vielfalt der Sprachen hat mich immer begleitet“, erzählt sie mit Begeisterung. „Sprache formt unsere Erfahrungswelt. In diesem Sinne ermöglicht uns Translation, ständig neue Welten zu betreten. Dabei lernen wir aber nicht nur viel über andere Kulturen und Denkweisen, sondern auch über die eigenen.“
In ihrer Forschung beschäftigt sich Heller vor allem mit translationstheoretischen Fragen. Dafür bewies sich Österreich als fruchtbarer Boden: „Im Gegensatz zu Deutschland ist die Translationswissenschaft hier institutionell nicht an bestimmte Sprachen gekoppelt. Das lässt viel mehr Raum für Grundlagenforschung“, erklärt Heller. So setzt sie sich beispielsweise mit der Frage auseinander, welche kulturellen und sprachlichen Faktoren unseren Übersetzungsbegriff prägen. Unser Verständnis von Übersetzung hängt etwa auch davon ab, von welchem Schriftsystem wir ausgehen, erklärt die Forscherin: „In einem in lateinischer Schrift aufgezeichneten Text zeigen uns heute Leerräume an, wo ein Wort beginnt und wo es endet. Auf diese Weise strukturiert die Schrift den Text bereits in bestimmte Bedeutungseinheiten. Im Chinesischen strukturiert die Schrift den Text aber beispielsweise ganz anders: Die Grenzen des einzelnen Zeichens decken sich nicht mit der Wortgrenzen. So genannte Sinographeme können Elemente unterschiedlichster Worte sein, führen aber stets eine eigene Bedeutung mit. Das macht die Abgrenzung von Bedeutungseinheiten sehr komplex“, weiß Heller.
Solche theoretischen Überlegungen führen nicht unmittelbar zu einer Verbesserung oder Erleichterung der Translationspraxis. Im Rahmen eines universitären Studiums ist es aber für Heller unabdingbar, sich mit dem Translationsvorgang und dem eigenen übersetzerischen Handeln auch auf einer Metaebene immer wieder bewusst auseinanderzusetzen. Dieses Reflexionsvermögen möchte sie ihren Studierenden mitgeben. Neben solchen theoretischen Fragen beschäftigt sich Heller auch mit der Übersetzung philosophischer Texte und arbeitet auf dem Gebiet der interkulturellen Kommunikation.
Zwischen den Sprachen, die ihr immer wieder neue Tore zu neuen Erfahrungswelten öffnen, hin und her zu pendeln, ist für Heller einerseits gelebter Alltag, andererseits ein lebenslanges Studium: man bleibe immer Sprachlernende, hält sie fest: „Auch ich muss immer weiter üben und meine Sprachen pflegen. Ein Sprichwort sagt: ‚Sprachen sind wie Frauen: Wenn man sie nicht gut behandelt, laufen sie einem davon‘.“