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Universität Graz Neuigkeiten Im Zentrum

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Mittwoch, 03.02.2021

Im Zentrum

Herrengasse in Graz Foto: Suzanne Fromme auf Pixabay

Trotz leerer Straßen. Städte erweisen sich in Krisenzeiten als handlungsfähiger als der Staat, sagt Johanna Rolshoven. Foto: Suzanne Fromme auf Pixabay

Was machen die wiederholten Lockdowns mit den Städten? Kulturanthropologin Johanna Rolshoven skizziert Sackgassen und Auswege.

Kommende Woche wird der Lockdown wieder gelockert. Doch was machen die wochenlangen Schließungen von Geschäften, Museen, Theatern, Restaurants mit den Städten? Kulturanthropologin Johanna Rolshoven nimmt eine Bestandaufnahme vor und sagt, was es braucht, um den Zentren wieder Leben einzuflößen.

Die Grazer Innenstadt wirkt oft wie ausgestorben. Was macht der Lockdown mit den Städten, insbesondere mit den Zentren?
Zum einen wirkt der öffentliche Raum ausgestorben, zum anderen wird er weiterhin vielfältig genutzt: zum Gehen, sich Begegnen und Austauschen, zu Sport und politischen und künstlerischen Manifestationen. Schon jetzt wird deutlich, dass viele Geschäfte, die geschlossen sind, nicht wieder werden öffnen können. Konsum- und auch Kulturangebote werden aussetzen oder ganz ausbleiben. Der oberflächliche Augenschein auf die Stadt informiert uns nur ungenau und unvollständig. Was in den Städten gerade passiert, entzieht sich zu einem großen Teil dem Blick, dem Sprechen und dem politischen und medialen Diskurs.

Wie stehen Sie zur oft gehörten Phrase, dass Veränderung auch Chance bedeutet?
Veränderungen bemerken wir kurz-, mittel- und langfristig. Sie artikulieren sich auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Bereichen: individuell und gesellschaftlich, ökonomisch und sozial. Alle diese Bereiche wirken im Alltagsleben ineinander und machen die Gesellschaft aus. Sie manifestieren sich im gebauten Raum, im öffentlichen Raum des Politischen und im Privaten. Vielleicht ist es aufschlussreicher, sich hier perspektivische Fragen zu stellen anstatt Prognosen zu wagen, und die Pandemie als kritischen und dringenden Auslöser für Veränderungen, das heißt als Chance zu begreifen? Wollen wir nach dem Lockdown das gleiche Leben, die gleiche Politik, die gleiche Wirtschaftsform wiederhaben? Welche Ideen, Initiativen und Best Practises ermöglichen den künftigen Generationen eine gerechtere, nachhaltige, lebenswerte und krisenresistente Lebenswelt, Gesellschaft, Ökonomie, Stadt? Für welche Veränderungen ist es Zeit einzutreten?

Immer mehr Geschäfte verlassen die Innenstadt. Nun kommt hinzu, dass auch weiterhin die Gastronomie geschlossen hat. Es gibt keine Veranstaltungen. TouristInnen fehlen. Rächt es sich, dass Zentren vielfach zu Unterhaltungsvierteln mutiert sind?
Die europäischen Stadtpolitiken, nicht nur in Österreich, haben in den letzten drei Jahrzehnten eine Innenstadt-zentrierte Stadtentwicklungspolitik verfolgt. In vielem ist diese einer Deindustrialisierung geschuldet, die Städte zu Unternehmen hat werden lassen. Städte branden sich als Marke, Bausubstanz wird eher als Kulturerbe denn als Lebensraum für die arbeitende Wohnbevölkerung aufgewertet. Mit prestigeträchtigen Icons werden Architekturen gefördert, die die Stadt als Anziehungsort sowohl für Tourismus als auch als Investitions- und Wirtschaftsstandort markieren. Diese Politiken haben wirtschaftlich positive Effekte gezeitigt, aber sie haben auch dringende soziale Fragen in den Hintergrund rücken lassen sowie an Kohäsion, Solidarität und ökologischer Nachhaltigkeit orientierte Politiken vernachlässigt. Wenn hier nicht rechtzeitig umgedacht wird, werden – wie es sich bereits abzeichnet – soziale Unruhen und politische Kämpfe das Bild der erfolgreichen schönen neuen Stadt trüben und Veränderungen erzwingen müssen.

Beschleunigt die Pandemie die Entwicklung?
Die überhohen Mietpreise in den Stadtzentren, die im Grunde nur HausbesitzerInnen und großen Ladenketten Handel ermöglichen, sind eine Folge des Wirtschaftsliberalismus. Seine Möglichkeiten und Grenzen werden sicherlich in diesen Krisenzeiten überdeutlich und akzentuieren die negativen Effekte des allzu freien Marktes. Doch diese potenten ökonomischen Milieus werden mit Rücklagen, Staats- und Steuerhilfen wieder auf die Beine kommen. Mittel- und langfristig am problematischsten scheinen mir jedoch die negativen Effekte der innenstadtzentrierten Stadtpolitiken in ohnehin benachteiligen Straßenzügen und Quartieren; hier wird aktuell – ökonomisch und sozial – vieles zerstört, das sich so schnell nicht restituieren lassen wird.

Es ist davon auszugehen, dass es sich nicht um eine Graz-spezifische Entwicklung handelt. Wie sieht es in anderen europäischen Städten aus?
Hier müssen Diagnosen sehr differenziert getroffen werden: entsprechend der Stadtgröße, der politischen Staatsform, der historisch-kulturellen Prägung des Sozialen. Europäische Mittelstädte wie Graz vereinen untereinander ähnliche Eigenschaften, und doch hat jede Stadt ihren eigenen Habitus, ihr eigenes Gepräge und – wie gerade im Fall von Graz mit seiner engagierten Bürgerschaft – ihre Eigenwilligkeit. Mein aktuelles Forschungsgebiet sind plurale Stadtgesellschaften mit einer langen Geschichte, wie wir sie etwa in Hafenstädten antreffen. Solche multikulturellen und vom Staat unabhängigeren Gesellschaften, die durch die Art und Weise der historisch geformten Wirtschaftspraktiken weniger konsum- und wohlstandsbasiert funktionieren können, erscheinen hier resilienter, resistenter und auf lange Sicht zukunftsfähiger. Aus diesem Grunde geraten insbesondere Mittelmeerhafenstädte als älteste städtische Siedlungen auf der Welt, die alten Stadtstaaten nämlich, in den um die Zukunft von Stadt und damit Gesellschaft besorgten Blick auf der Suche nach Best Practises einer zukunftsfähigen Stadtregierung.

Wie könnte man Ihrer Meinung nach gegensteuern? Was braucht es dafür?
Mehr stadtpolitische Arbeit an der Basis! Mit Bezug auf die erste Frage: Das Rathaus könnte statt einer Versammlung der politischen Parteien vierteljährlich zivilgesellschaftliche VertreterInnen aller Alters-, Geschlechts-, Herkunftskultur-  und Einkommensgruppen, aller Quartiersvereine, von Handel und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft, Gesundheit und Familie und andere mehr einberufen und in einer soziokratisch moderierten Diskussion aktuelle Problemstellungen, orientiert an den Verfassungsgrundlagen der Gleichstellung, Solidarität und am ökologischen Fußabdruck der Stadt und in einem Prozess der Zukunftsvisionierung entsprechende Parameter einer Stadtraumkulturplanung erarbeiten. Wir brauchen neue demokratische Formen, die die BürgerInnen ansprechen. Wir brauchen eine Umkehr von der seit Ende der 1990er-Jahre zunehmend restriktiven Verbotspolitik, die die Innenstädte entleeren, entkulturalisieren und zivilgesellschaftlich sterilisieren. Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit haben über „Lebendigkeit“, „Vielfalt“ und Alltagsnormalität Oberhand gewonnen.

Gibt es Beispiele einer gelungenen Trendumkehr?
Natürlich gibt es zahlreiche Beispiele weltweit und vielerorts der Gegensteuerung. Auf Quartiersebene gibt es sie in nahezu jeder Stadt, selbstverständlich auch in Graz. Das Kulturjahr 2020, eine herausragende Initiative der Stadt Graz, hat hier eine beeindruckende Fülle an kleinen Projekten mit großer Wirkung sichtbar gemacht. Stadt der Menschenrechte, Offene Stadt, an den Bedürfnissen ihrer EinwohnerInnen orientierte Stadt und andere sind internationale Bewegungen, denen sich viele Städte in der ganzen Welt bereits angeschlossen haben, die hier aktiv gegensteuern. Städte erweisen sich in Krisenzeiten zudem als handlungsfähiger als der Staat, um Krisen jenseits schwerfälliger nationaler Politiken zu steuern und Konflikte zu managen. Eine noch stärkere politische Autonomie wie etwa in Frankreich bis in die kleinsten Gemeinden hinein, Konzepte einer Schutz und Rechte gewährenden StadtbürgerInnenschaft, die Sicherheit eines Grundeinkommens wie in Spanien, Mut zu offenen Formen der Raumentwicklung und Raumgestaltung am Beispiel Berliner Senat oder neue Wege in der Wohnungspolitik etwa in New York.
Wir brauchen alles in allem eine Stadt, die in der Lage ist, politisch-empathisch auf ihre BewohnerInnen zuzugehen…

Erstellt von Interview: Andreas Schweiger

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