Linguistics that is not grounded in empirical data risks becoming detached from the lived reality of speakers and the world, producing abstract constructs with limited relevance beyond academia.
At the same time, a focus on actual language entails a strong reliance on linguistic material collected during fieldwork – under conditions that are far from neutral. Once transcribed, processed, and incorporated into manuscripts and publications, such materials form the basis of knowledge production and are repeatedly cited in subsequent linguistic research. This raises critical questions about the fragility, bias, and epistemological limitations underpinning a discipline often understood as “objective”.
The paper addresses these issues through a case study of the Austrian Linguist Walter Pichl. His legacy comprises numerous unpublished manuscripts held at the University of Vienna and in private collections, as well as hundreds of recordings archived a the Phonogrammarchiv, produced during fieldwork in the 1960s and 1970s, primarily in Senegal and Sierra Leone. Together, these materials constitute a substantial yet underexplored archive – a linguistic treasure.
The paper examines the relevance of revisiting and critically reassessing this corpus for contemporary linguistics, particularly in the areas of language documentation and description, language contact and endangerment, disciplinary history, archiving practices, and methodology. Special attention is given to the „Cangin”-group in Senegal and the Bullom languages of Sierra Leone, including (nearly) extinct varieties such as Bom and Kim, and threatened languages like Palor.
Engaging with such archival materials also requires confronting the colonial conditions under which they were produced. Linguistic data of this kind were often extracted within asymmetrical power relations that continue to shape the discipline today. Any scholarly engagement must therefore critically reflect on these colonial legacies and continuities, including their entanglement with racist structures and ongoing epistemic inequalities. Consequently, this discussion invites a broader reconsideration of what linguistics is today – its scope, its responsibilities, and its boundaries – situated within the local academic context in Graz.
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Das koloniale Archiv als linguistisches Unterfangen
Eine Linguistik, die sich nicht auf empirische Daten stützt, läuft Gefahr, sich von der gelebten Realität der Sprecher und der Welt zu lösen und abstrakte Konstrukte mit begrenzter Relevanz außerhalb der akademischen Welt zu produzieren. Gleichzeitig führt die Konzentration auf die tatsächliche Sprache zu einer starken Abhängigkeit von sprachlichem Material, das während der Feldforschung gesammelt wurde - unter Bedingungen, die alles andere als neutral sind. Einmal transkribiert, verarbeitet und in Manuskripte und Publikationen eingearbeitet, bilden solche Materialien die Grundlage der Wissensproduktion und werden in der nachfolgenden linguistischen Forschung immer wieder zitiert. Dies wirft kritische Fragen über die Fragilität, die Voreingenommenheit und die erkenntnistheoretischen Grenzen auf, die einer oft als "objektiv" verstandenen Disziplin zugrunde liegen. Der Beitrag behandelt diese Fragen anhand einer Fallstudie über den österreichischen Linguisten Walter Pichl. Sein Nachlass umfasst zahlreiche unveröffentlichte Manuskripte, die an der Universität Wien und in Privatsammlungen aufbewahrt werden, sowie Hunderte von Aufnahmen, die im Phonogrammarchiv archiviert sind und während der Feldforschung in den 1960er und 1970er Jahren vor allem in Senegal und Sierra Leone entstanden sind. Zusammen bilden diese Materialien ein umfangreiches, aber noch nicht ausreichend erforschtes Archiv - einen sprachlichen Schatz. Der Beitrag untersucht die Relevanz der Aufarbeitung und kritischen Neubewertung dieses Korpus für die zeitgenössische Linguistik, insbesondere in den Bereichen Sprachdokumentation und -beschreibung, Sprachkontakt und -gefährdung, Disziplinargeschichte, Archivierungspraxis und Methodologie. Besondere Aufmerksamkeit gilt der "Cangin"-Gruppe im Senegal und den Bullom-Sprachen in Sierra Leone, einschließlich (fast) ausgestorbener Varietäten wie Bom und Kim und bedrohter Sprachen wie Palor. Die Beschäftigung mit solchen Archivmaterialien erfordert auch eine Auseinandersetzung mit den kolonialen Bedingungen, unter denen sie entstanden sind. Linguistische Daten dieser Art wurden oft im Rahmen asymmetrischer Machtverhältnisse gewonnen, die das Fachgebiet auch heute noch prägen. Jede wissenschaftliche Auseinandersetzung muss daher diese kolonialen Hinterlassenschaften und Kontinuitäten kritisch reflektieren, einschließlich ihrer Verflechtung mit rassistischen Strukturen und anhaltenden epistemischen Ungleichheiten. Infolgedessen lädt diese Diskussion zu einer umfassenderen Neubewertung dessen ein, was Linguistik heute ist - ihr Umfang, ihre Aufgaben und ihre Grenzen - und zwar im lokalen akademischen Kontext in Graz.