Musikwissenschaft
und Vorurteil
Musicology
and prejudice
Richard Parncutt, 2007-2009
Wahrheit
ist bekanntlich ein relativer Begriff. Ist die Wissenschaft eine Wahrheitsquelle?
Oder zumindest eine Quelle von Informationen, die abhängig vom politischen
Kontext als mehr oder weniger "wahr" betrachtet werden können?
Wahrheit wird oft durch Vorurteile
verzerrt, die mit Machtansprüchen in Verbindung stehen. Haben Sie schon
darüber nachgedacht, welche Vorurteile den Inhalt ihres musikwissenschaftlichen
Studiums beeinflussen?
Im Folgenden
versuche ich, die bestehende Literatur zu Musik, Musikwissenschaft und Vorurteil
(siehe Literaturliste) in neue Richtungen zu lenken.
Vorurteil: Naturwissenschaften sind wichtiger als Geisteswissenschaften.
Zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften herrscht seit spätestens dem 2. Weltkrieg eine Art kalter Krieg. Auf beiden Seiten wird die wissenschaftliche Forschung immer spezialisierter, was die Kommunikation zwischen den beiden Seiten und damit die Gewi-Nawi-Interdisziplinarität immer schwerer und seltener macht (mehr). Die Situation innerhalb der Musikwissenschaft ist nicht grundsätzlich anders als die Situation in anderen Wissenschaften.
Zu diesem Konflikt gehört das weit verbreitete Vorurteil, Naturwissenschaften seien irgendwie grundsätzlich wichtiger als Geisteswissenschaften. Obwohl kaum jemand dieses Vorurteil direkt ausspricht, verhalten sich viele WissenschafterInnen so, als wäre es tatsächlich wahr. Die Naturwissenschaften kriegen in der Regel viel mehr Geld als die Geisteswissenschaften - und das seit vielen Jahrzehnten. Folglich tragen viele GeisteswissenschaftlerInnen eine Art Minderwertigkeitskomplex mit sich herum. Wie ist es dazu gekommen?
Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben die Naturwissenschaften und ihre Erkenntnisse unser Leben grundsätzlich verändert, denn ohne Naturwissenschaften hätte es die ganzen technologischen Entwicklungen, die wir heute für selbstverständlich halten, nicht gegeben. Technologische Entwicklungen sind oft mit finanziellem Erfolg verbunden. Eine naturwissenschaftliche Entdeckung, z.B. in der Nanotechnologie, kann zu Millionengewinnen führen, eine Analyse eines literarischen Textes bringt in der Regel wenig Geld ein. Auch sind naturwissenschaftliche Forschungen oft mit hohen Laborkosten verbunden. Im Vergleich dazu ist z.B. der Erwerb von Noten und Büchern günstig.
Nur: Nach
wie vor ist Kultur nicht weniger wichtig für den Menschen als Technik,
denn ohne Technik sind wir immer noch Menschen, ohne Kultur nicht einmal das.
Technik hat uns nicht nur Positives wie das Auto und den Computer gebracht,
sondern auch Negatives und Schreckliches, wie den Klimawandel und die Massenvernichtungswaffen.
Vorurteil: Musikwissenschaft ist eine Geisteswissenschaft, bzw.
die Geisteswissenschaften sind wichtiger oder zentraler für die Musikwissenschaft
als die Naturwissenschaften.
Zunächst einmal: Musikwissenschaft bedeutet "Wissenschaft zum Forschungsgegenstand
Musik", genauso wie Sprachwissenschaft "Wissenschaft der Sprache"
und Religionswissenschaft "Wissenschaft der Religion" bedeuten.
Musikwissenschaft beinhaltet folglich per definitionem alle wissenschaftlichen
Zugänge zu allen Musikformen wie auch zur Musik im Allgemeinen. Das ist
nicht nur logisch, es geht selbstverständlich auch aus den klassischen
und gängigen Quellen hervor (Guido
Adler 1885, "musicology" in Grove, "Musikwissenschaft"
in MGG usw.).
Der naturwissenschaftliche Ansatz in der Musikwissenschaft ist älter als der geisteswissenschaftliche Ansatz (MGG, Grove). Der geisteswissenschaftliche Ansatz entstand erst während der Aufklärung - aber schon in der Antike stellten sich griechische Philosophen akustische und psychologische Fragen zu Musik: Woraus besteht Musik (quasi als physikalisches Signal), wie wird sie wahrgenommen und wie kann ihre emotionale Wirkung erklärt werden? Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert versuchten zahlreiche meist deutschsprachige Wissenschaftler Fragen zur Musik mit natur- und sozialwissenschaftlichen Methoden und Erkennstnistheorien oder durch Gewi-Nawi-Interdisziplinarität zu beantworten. Dazu gehörten Franz Brentano, Christoph von Ehrenfels, Gustav Theodor Fechner, Hermann von Helmholtz, Erich Moritz von Hornbostel, August Knoblauch, Ernst Kurth, Robert Lach, Theodor Lipps, Ernst Mach, Alexius Meinong, Hugo Riemann, Carl Stumpf, Richard Wallaschek, Wilhelm Wundt. Heute werden in den musikwissenschaftlichen Teilbereichen der Akustik, Psychologie, Soziologie, Physiologie und Informatik noch ähnliche Fragen gestellt, und diese Fragen gelten nach wie vor aufgrund der damit verbundenen Epistemologien und Forschungsmethoden und der "objektiven" Sichtweise (der Mensch als Gegenstand oder "Objekt" der Forschung) als vorwiegend "naturwissenschaftlich".
Selbstverständlich
kann ein solcher Ansatz genauso als "Wissenschaft der Musik" bzw.
"Musikwissenschaft" betrachtet werden wie Musikethnologie oder Historische
Musikwissenschaft. In der Musikwissenschaft wie in anderen Fächeren auch
ist eine vorwiegend objektive Sichtweise nicht grundsätzlich mehr oder
weniger nützlich oder wertvoll als eine vorwiegend subjektive. Vielmehr
ergänzen sich solche Sichtweisen gegenseitig (mehr).
In den letzten Jahrzehnten sind die musikalischen Naturwissenschaften bzw.
die datenorientiert-empirischen musikwissenschaftlichen Zugänge aufgrund
von technischen Entwicklungen (vor allem in der Informatik) und damit verbundenen
methodischen Entwicklungen in den "Mutterdisziplinen" schneller
als die geisteswissenschaftlichen Zugänge gewachsen. Hier meine ich vor
allem Musikpsychologie und Musikinformatik. In beiden Fällen existieren
mittlerweile stark verankerte internationale Infrastrukturen: Gesellschaften,
Tagungsreihen, Fachzeitschriften und Qualitätssicherungsmechanismen.
Aus diesem Grund können sich diese Fächer inzwischen als Kerngebiete
der systematischen Musikwissenschaft (SMW) behaupten (was andere SMW-Fächer
wie Soziologie, Philosophie oder Physiologie nicht weniger wichtig macht).
Betrachtet man das gesamte Spektrum und die gesamte Vielfalt an SMW-Gesellschaften,
-Tagungsreihen und -Zeitschriften, wird klar, dass
die SMW (wie auch die Musikethnologie) seit Jahrzehnten nicht mehr die kleine
Schwester der Historischen Musikwissenschaft ist. Vielmehr können heute
die drei großen Teilbereiche der Musikwissenschaft etwa als gleichwertig
betrachtet werden.
Musik ist ein komplexes Phänomen, das in seiner Gesamtheit nur durch unterschiedliche Zugänge erfasst werden kann. Diese Zugänge bedienen sich unterschiedlicher, der jeweiligen Fragestellung angepasster Methoden. Diesbezüglich ist die Musikwissenschaft nicht anders wie z.B. Physik oder Sprachwissenschaft. In der Physik forschen experimentelle und theoretische PhysikerInnen an einem Institut zusammen; beide Gruppen bedienen sich unterschiedlicher Methoden und ergänzen sich gegenseitig. Was die Sprachwissenschaft betrifft, wird das Phänomen Sprache an vielen Instituten im In- und Ausland auf unterschiedliche Art und Weise betrachtet: historisch, psychologisch, soziologisch, theoretisch und so weiter. Dies ist ein großes Plus für Studierende, die lernen, dass man das Kommunikationsmedium Sprache nicht nur durch einen Zugang "verstehen" kann oder soll. Vielmehr muss ein Institut für Sprachwissenschaft Platz für alle relevanten wissenschaftlichen Zugänge machen und Toleranz und Offenheit unter den VertreterInnen dieser Zugänge fördern.
Wie wird
wissenschaftliche Qualität in multi- und interdisziplinären Wissenschaften
gefördert? Es bedarf keiner Erklärung, dass niemand Spezialist auf
allen Teilgebieten der Musikwissenschaft, Sprachwissenschaft oder Physik sein
kann. Auch würde kein Arzt von sich überzeugend behaupten können,
ein Facharzt auf allen Teilgebieten der Humanmedizin sein zu können.
Würden Sie sich von einem Zahnarzt am Herzen operieren lassen? Folglich
müssen sowohl Studierende wie auch ProfessorInnen der Physik, Sprachwissenschaft
oder Musikwissenschaft auf einen Zugang spezialisieren. Interdisziplinarität
auf hohem wissenschaftlichem Niveau entsteht nicht dadurch, dass eine Person
behauptet, mehr als ein Fach zu beherrschen, sondern dadurch, dass verschiedene
Fächer kollegial zusammenarbeiten (vgl. CIM).
Zwei Vorurteile: Die Musik kultureller Eliten ist anderer Musik
ästhetisch überlegen. Abendländische Musik ist anderer
Musik ästhetisch überlegen.
Heute wird kaum jemand diese Vorurteile aussprechen. Jede/r Forscher/in in
den Bereichen Popularmusik und Musikethnologie wird sofort erklären,
warum diese noch weit verbreiteten Vorurteile grundsätzlich falsch sind.
Doch sprechen, schreiben und verhalten sich noch viele MusikwissenschaftlerInnen,
als wären "Musikwissenschaft" und "Historische Musikwissenschaft"
praktisch identisch. Sie betrachten ihren Teilbereich der Musikwissenschaft
als für das Gesamtfach zentral und andere Teilbereiche als nebensächlich.
Was könnte dahinter stehen? Vermutlich sind es diese beiden Vorurteile.
Vorurteil: English
ist besser als Deutsch.
Das klingt schon unglaublich und im deutschsprachigen Raum wird kaum jemand
ein solches Vorurteil aussprechen. Doch haben offenbar viele den Eindruck,
dass es so ist, denn man verhält sich oft, als wäre es wirklich
so. Wenn z.B. in der Werbung englische Begriffe verwendet werden, klingen
sie irgendwie wichtiger als die äquivalenten deutschen Begriffe. Und
die Taktik funktioniert: Die Produkte werden verkauft. Die Bedeutung der englischen
Sprache kann also sogar in Geld gemessen werden.
Einige meiner englischsprachigen KollegInnen behaupten sogar, dass die englische Sprache effizienter ist, als die deutsche Sprache: man könne mit der gleichen Anzahl von Lauten oder Zeichen mehr sagen oder schreiben. Da war ich immer skeptisch. Man findet in der wissenschaftlichen Forschung keine klare Bestätigung für solche Vorurteile. Vielmehr sind die Sprachen Englisch und Deutsch als ähnlich alt, komplex und flexibel zu betrachten.
Die deutsche
Sprache hat sogar einen starken Vorteil: Viel mehr deutschsprachige Menschen
können Englisch als umgekehrt, was dazu führt, dass englische Begriffe
schneller in die deutsche Sprache einfließen können, als umgekehrt.
Man könnte argumentieren, dass die deutsche Sprache dadurch reicher und
differenzierter wird, als die englische. Aber selbstverständlich enthält
auch Englisch viele "Fremdwörter". Betrachtet man die Geschichte
verschiedener Sprachen, so sieht man, dass es immer Einflüsse von anderen
Sprachen gab.
Vorurteil: Die deutsche Sprache ist gefährdet.
Heute
sind Tausende Sprachen vom Aussterben bedroht. Deutsch gehört eindeutig
nicht dazu. Es ist z.B. nicht wahr, dass das Internet die deutsche Sprache
bedroht, weil die internationale Sprache des Internets Englisch ist. Die zweitgrößte
Sprache in Wikipedia ist Deutsch. Vielmehr bietet das Internet die Möglichkeit,
die sprachliche Vielfalt der Welt zu fördern. Deutschsprachige Studierende
sollen sich also nicht verpflichtet fühlen, ihre Abschlussarbeiten auf
Deutsch zu schreiben. Vielmehr haben sie in den meisten Fächern die freie
Wahl zwischen deutsch und englisch. Die deutsche Sprache als Wissenschaftssprache
wird auch ohne deutschsprachige Abschlussarbeiten problemlos überleben.
mehr
Literatur zum Thema "Musikwissenschaft und Vorurteil"
Vorurteil in der Bewertung abendländischer KomponistInnen und InterpretInnen:
Musik, Musikwissenschaft und Sexismus:
Musik, Musikwissenschaft und Rassismus:
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Richard Parncutt, Department of Musicology, Faculty of Humanities, University of Graz