Über die Entstehung des Archipels:

Durch die Lage des Archipels und die verhältnismäßig geringe Meerestiefe, die ihn vom Kontinent trennen, war es immer eine grundsätzliche Frage, " ob auf den Kanaren ein Sockel aus Gesteinen nachzuweisen ist, an dem sich die Beziehung zum afrikanischen Festland aufzeigen ließe" (vgl. ROTHE 1986). Folgt man der älteren geologischen Literatur, so wurden auf einzelnen Inseln der Kanaren-Gruppe Reste eines "Grundgebirges" entdeckt.
Es ist auch eine große Differenz zwischen der älteren (Beginn des 20. Jahrhunderts) und der jüngeren Literatur feststellbar. Bereits 1867 wurden kleine Partien von Tonschiefer und Kalkstein gefunden, jedoch war das Vorkommen dieser Gesteine noch nicht der Beweis der ehemaligen Zugehörigkeit zu einer größeren Festlandmasse. In der jüngeren Forschung neigte man dazu, dass die Entstehung der Inseln vom Ozeanboden ausgegangen ist und damit eine vom Festland unabhängige Entwicklung zu vertreten.
Es besteht ein beträchtlicher Altersunterschied zwischen dem magnetisch ermittelten Krustenalter (etwa 180 Mill. Jahre, Jura) im Kanarenbereich und dem der meisten Vulkanite auf den Inseln (etwa 20 Mill. Jahre, Miozän); dennoch kann die Geologie der Kanaren heute nicht mehr behandelt werden, ohne auf die Entwicklung des Atlantiks Bezug zu nehmen. Es lässt sich bisher noch keine eindeutige Aussage ableiten, ob der Untergrund der Inseln aus ozeanischer oder kontinentaler Kruste besteht. Die Interpretationsschwierigkeiten liegen zum Teil darin, dass seit dem Mesozoikum über 10 000 m Sedimente in diesem Gebiet abgelagert wurden, diese könnten danach "ozeanisiert" worden sein. Deutlich wird aber, dass es mit der Zunahme der Entfernung zum Festland hin zu einer Abnahme der kontinentalen Kruste kommt.
Spekulativ ist die Zuordnung der Inselgruppe zu den quer zum Mittelatlantischen Rücken verlaufenden Transformstörungen (Querverschiebungen, senkrecht zum Mittelozeanischen Rücken), von denen viele Geologen überzeugt sind, dass sie sich in den kontinentalen Bereich hinein fortsetzen.
In jüngerer Zeit wurde darauf hingewiesen, dass Beziehungen des kanarischen Vulkanismus zur großen Süd-Atlas-Störung bestehen könnten; diese bildet die geologische Nordgrenze von Afrika.
Andere Betrachtungen sehen die Inseln in einer Bruchzone, die quer durch den gesamten Atlantik reicht. Es ist auch versucht worden, die Entwicklung der Inseln mit der hot spot Hypothese zu deuten (aus großer Tiefe des Erdmantels säulenförmige aufsteigende Konvektionsströme =Intraplattenvulkanismus).
Eine Kombination zwischen Atlas-Tektonik und Entstehung der kanarischen Inseln lässt viele unterschiedliche geologische Spekulationen zu. So hat man auf Fuerteventura und Gomera Plutonite (Erstarrungsgesteine, langsame Abkühlung, Magma kristallisiert vollständig aus) und Ganggesteine gefunden, deren räumlich dichte Verteilung auf Dehnungsbewegungen der Kruste schließen lässt, wie sie für beginnende "rift-Phasen"(horizontale Verschiebungen) angenommen werden. In diesen Gebieten gibt es auch noch submarine Salzstöcke und Tondiapire [Aufwärtsbewegung der Salze (Ton) auf tektonischen Spalten], die potentielle Fallen für Kohlenwasserstoffe bilden. Dies lässt Fortsetzungen atlantischer Bruchzonen in den Kontinentalbereich hinein vermuten.
Hausen (nach ROTHE 1986:42) stellte eine Theorie auf und sprach vom "all-canarian table-land", von wahrscheinlich eozänen Alter (50 Mill. Jahre) und wollte die Deckenbasalte aller Inseln miteinander parallelisieren und eine Landverbindung mit Afrika nachweisen. Später soll die Landmasse in Schollen zerbrochen sein und als einzelne Gebilde die Inseln übriggeblieben sein.
Jedoch weiß man heute, dass diese Serien vorwiegend miozänes Alter (20 Mill. Jahre) haben, nicht auf allen Inseln ausgeprägt und zusätzlich in Teilbereichen der anderen Inseln verschieden alt sind.
 
 

Neuere Forschungsergebnisse

Nach den Forschungen in den vergangenen Jahren beginnt sich eher ein Bild abzuzeichnen, in dem die einzelnen Inseln eine individuelle geologische Geschichte durchlaufen haben, Ausnahmen bilden Fuerteventura und Lanzarote, die als Einheit betrachtet werden können. Das Alter des Vulkanismus liegt in der Serie der älteren Basalte auf den E - Kanaren im mittleren Miozän (12 - 20 Mill. Jahre). Ähnliche Gesteinsfolgen auf Gomera erreichen 12 - 5 Mill. Jahre, und auf Hierro nicht mehr als 2 Mill. Jahre. Innerhalb des Archipels scheint der Beginn der Eruptionen von E nach W in immer jüngerer Zeit zu liegen. Die Ergebnisse der absoluten Altersbestimmung stehen in Einklang mit der von Hess (nach SCHMINKE 1976: 86) entwickelten Hypothese eines sich vom Mittelatlantischen Rücken weg ausbreitenden Ozeanbodens.
Für viele Inseln kann eine Entwicklung in mehreren Stadien angenommen werden. Folgende Hypothesen zur Entstehung der Kanaren sind zur Gegenwart geläufig (nach ROTHE 1986: 47)

  1. Die Inseln sind ganz oder teilweise auf kontinentaler - und durch magmatische Vorgänge später ozeanisierter Kruste aufgebaut.
  2. Die Inseln sind auf ozeanischer Kruste aufgebaut: Intraplatten - Vulkanismus.
  3. Die Inseln sind durch Wanderung der afrikanischen Platte über einen hot spot entstanden.
  4. Die Inseln sind auf atlantischen Transformstörungen entstanden, die sich lokal in den Kontinent fortsetzen (S - Atlas Störung).
  5. Die Inseln stehen generell mit der Öffnung des Atlantiks in Zusammenhang.
  6. Die Inseln stehen nicht im Zusammenhang mit der Entstehung des Atlantik, sondern mit der zeitgleichen Bewegungen im Atlas bzw. mit Orogenesen im mediterranen Raum.

  7.  

     

    Natürlich lassen sich Zusammenhänge und gemeinsames Auftreten dieser Hypothesen diskutieren.