Landkarte
Gopalpur Hyderabad

Vishakhapatnam విశాఖపట్ణం (Andhra Pradesh)

Colorful Hindu temple in Visakhapatnam, Andhra Pradesh (India)

Südindischer Tempel im Disney-Stil

Harbour and beach area in Visakhapatnam, Andhra Pradesh (India)

Der Hafen- und Strandbezirk

Liebe Birgit, 

Andhra!

Nein, ich zitiere hier nicht fehler­haft den Beginn der Odyssee, sondern ich bin nach drei Mo­naten end­lich im Sü­den ange­kommen. Andhra Pradesh, der süd­liche Nachbar von Orissa, gehört zu den vier dravidischen Staaten, in denen völlig andere Sprachen als im Norden gesprochen werden — das merkt man dann auch an den unaussprechlichen Ortsnamen, zum Beispiel Vishakhapatnam, so heißt die zweitgrößte Stadt des Bundesstaates, in der ich gerade residiere. Kein Wunder, daß der Name gerne zu Vizag [sprich: vaisag] verkürzt wird.

In Vizag gibt es, halte Dich fest, keine berühmten oder sonstwie bemerkenswerten Tempel. Kleinere Exemplare stehen natürlich überall herum, und mich faszinieren sie durch ihre Farbenpracht. Die grell bemalten Götterfiguren am Eingang sind typisch für den südindischen Stil, und auch wenn ich jetzt noch regelmäßig meine Kamera zücke, sooft ich an so einem Disneyland-Ableger vorbeikomme, so werde ich sie in paar Tagen wegen ihrer Allgegenwärtigkeit wohl gar nicht mehr bemerken.

Auch sonst hat die Stadt touristisch so gut wie nichts zu bieten, außer einem Strand und einem Fischer­hafen, beides mit Blick auf Schiffs­werften und Industrie­gebiete. Das beeindruckt noch weniger als die riesigen und zahlreichen Kakerlaken, mit denen ich mir mein Hotelzimmer teile. Glücklicherweise kann man hier überall Kakerlakenkreide (Handelsname Laxmanrekhaa) kaufen, mit der man Striche auf den Boden malt, die dann für die Kakerlaken direkt ins Jenseits führen. Dazu steht lakonisch auf der Packung “The effect will be clearly visible within 3–4 hours”, und in der Tat muß man die Viecher dann nur noch aus dem Zimmer kehren, oder den Hotelboy dazu bringen, daß er es tut.

Banana vendors at a railway station in the Eastern Ghats, Andhra Pradesh (India)

Bananenverkäuferinnen an einer Eisenbahnstation im Gebirge

Banana vendors at Araku, Andhra Pradesh (India)

Noch mehr Bananen

Tribal women in the Eastern Ghats, Andhra Pradesh (India)

Bergbewohnerinnen

Man kann aller­dings mit der Eisen­bahn in satten vier Stunden ins Gebirge fahren, vom palmen­bewach­senen Tief­land bis auf fast 900 m, wo die Mango- und Jackfruit­bäume stehen. Die östlichen Ghats, das Rand­gebirge des Dekkan-Hoch­landes zum Golf von Bengalen hin, sind weniger spektakulär als eher lieblich. Ziel des Tagesaus­fluges war Araku, ein ver­schlafenes Nest, das teil­weise von Stammes­angehörigen bewohnt wird (dazu gibt es auch ein sehens­wertes Museum), auch wenn es nach den Auf­schriften auf den Häusern mindestens zu Hälfte der APTDC zu gehören scheint — das ist die Andhra Pradesh Tourism Devel­opment Corpo­ration”, die dort Busse, Hotels, Reisebüros und Restaurants betreibt.

Mangel an Sehenswürdigkeiten hin oder her, ich bereue die paar Tage in Vishakhapatnam nicht: Die Küche hier ist nämlich einfach unglaublich. Die Erwartungen waren hoch, da Inder aus dem Norden sich meist beklagen, Andhra-Speisen seien so scharf, daß man sie gar nicht essen könnte — eine bessere Empfehlung kann es ja gar nicht geben. Außerdem hatte ich vor Jahren einmal ein Andhra-Kochbuch im Netz gefunden, dessen Rezepte sich als ganz extrem original und hochwertig erwiesen haben. Die Küche vor Ort kann die Erwartungen spielend erfüllen.

Trbial women selling chilies in Araku, Andhra Pradeh (India)

Chili-Verkäuferin in Araku

Andhra Pradesh ist in Indien der Haupt­produzent von Chili, und die ein­heimischen Köche lieben die kleinen roten Freunde ganz offen­bar. Neben scharf ist sauer, vor allem durch Tamar­inde und einen Hibiscus-Ver­wandten namens Gongura, der zweite charak­teristische Geschmack, dazu kommen dann noch die kanoni­schen Zutaten wie Curry­blätter, Senfsamen und Koriander­früchte. Bei dem tropischen Klima sind säuerliche Speisen angenehm erfrischend, ganz besonders, weil verglichen mit dem Norden recht fettarm gekocht wird.

Andhra ist nicht unbedingt vege­tarisches Kern­gebiet, daher bekommt man eine schöne Aus­wahl an Fleisch, beispiel­sweise als kebab­artigen Hühner­spieß auf der Straße, und Meeres­tieren. Das größere Angebot gibt es aber bei Gemüse, das natürlich im tropischen Klima besonders gut verfügbar ist. Kürbisse aller Formen, Okras, Drumsticks (die bohnenartige Früchte des Meer­rettich­baums), aber auch so bekannte Arten wie Rote Rübe und Karotten tauchen hier neben den kanonischen Hülsen­früchten in Form sauer–scharf–fruchtiger Gemüse­curries auf dem Teller auf.

Vegetarian meals in Andhra Pradesh (India)

Selbst im Bergdorf Araku bekommt man köstliche meals.

Non-Vegetarian meals in Andhra Pradesh (India)

Nichtvegetarisches Andhra meals in Luxusausführung

Von „Teller“ zu sprechen, ist allerdings nicht ganz korrekt: Traditio­nell wird hier in Süd­indien vom Bananen­blatt gegessen. Die Blätter liegen in den Restau­rants stapel­weise herum, und jeder Gast erhält ein neues, unge­brauchtes Blatt, das nach dem Essen entsorgt wird und letztlich wohl im Magen einer Heiligen Kuh landet. In den ganz billigen Restau­rants beträufeln die Gäste ihr Blatt mit Wasser, ehe die Speisen darauf­geschichtet werden; das soll wohl der Reinigung dienen, aber ich halte es bei der zweifel­haften Qualität des Leitungs­wassers für ziemlich kontra­produktiv. Ein weiterer Unterschied zum Norden ist sprachlicher Natur: Hier spricht man nicht von Thali, sondern englisch von meals — und zwar immer im Plural (“One meals, please!”).

Interessant weil im Norden nicht vorhanden sind die suppigen Zubereitungen. Eine klare Gemüsebrühe namens Charu (bekannter unter dem tamilischen Namen Rasam) wird fast mit jedem Mahl gereicht; sie ist gut gepfeffert, und statt einer Einlage schwimmen geröstete getrocknete Chilies darin. Die anglo-indische Mulligatawny-Suppe, die man weltweit in indischen Restaurants probieren kann, ist übrigens nichts anderes als Rasam mit Fleischeinlage. Sambar, die tamilische dicke Suppe mit Gemüseeinlage, ist auch überall zu haben, schmeckt hier aber recht sauer. Diese „Suppen“ werden über den Reis geschüttet und mit ihm zu einem Brei geknetet, den man sich dann in den Mund steckt, denn mit Löffel oder Gabel essen hier höchstens Touristen.

Table condiments in Andhra Pradesh (India)

Zum Nachwürzen: Im Uhrzeigersinn Salz, Ingwer-Chutney, Mango-Pickle, Hülsen­früchte-Pulver

Am Tisch ste­hen meist einige „Scharf­macher“, mit denen man sein Essen noch weiter auf­peppen kann. Am besten schmeckt mir das sauer-scharfe Ingwer-Chutney Allam Pachadi, mit viel Tamar­inde und Zucker (und manchmal auch noch Toma­ten), daneben gibt es aber auch noch trockene Pulver aus gerösteten Hülsen­früchten und Gewürzen, die man mit etwas Öl anpastet und ebenfalls unter den Reis mengt. Am beliebtesten ist aber ein dunkelrotes und entsprechend scharfes Mango-Pickle namens Avakaya, das deutlich anders schmeckt als im Norden. Es besteht aus unreifen Mangos, die mit Chili und anderen Gewürzen (vor allem Senfsamen) eingelegt und gereift werden.

Und dann gibt es hier noch etwas, wovon ich seit der Ankunft in Indien fast vergessen habe, wie es schmeckt: Kaffee. Hier im Süden wird Kaffee angebaut und auch gerne getrunken, wobei er ähnlich wie der Tee mit einer kochenden Milch–Zucker–Wasser-Mischung übergossen und in kleinen Plastikbechern serviert wird. Gewürz-Kaffee, den es angeblich auch geben soll, habe ich jedoch noch nicht gefunden.

Nächste Woche melde ich mich aus Hyderabad, der hoffentlich ebenso schmackhaften Hauptstadt des Bundesstaates.



Allaṃ Paccaḍi, Āndhra, Āndhra Pradeś, Araku, Āvakāya, Cāru, Caṭnī, Dakkan, drāviḍischen, Ghāṭs, Goṅgūra, Haidārābad, Indien, indischer Subkontinent, kabāb, Kakerlaken, kulinarische Reiseberichte, Lakṣmaṇ Rekhā, Oṛiśā, Östliche Ghats, Reisebriefe, Sāmbār, tamiḻische, tamiḻischen, Thālī, Viśākhapaṭnaṃ, Vishakhapatnam