Landkarte
Varanasi Sarnath

Varanasi 2 वाराणसी (Uttar Pradesh)

Manikarnika Ghat (Burning Ghat) glowig red on the Ganges bank, Varanasi, Uttar Pradesh, India

Nachts leuchten die Verbrennungsstätten an der Ganga mystisch

Urban Indian Holy cow in Varanasi, Uttar Pradesh, India

In dieser unfertigen Form könnnen Steaks gefährlich sein

Marriage music in the Old City of Varanasi, Uttar Pradesh, India

Trommelwirbel in den Altstadtgassen

Small Shiva shrine in Old Town of Varanasi, Uttar Pradesh, India

Om hari namah Shivaya — kleiner Shiva-Schrein in der Altstadt

Liebe Birgit,

Ich bin viel zu lange in Vara­nasi geblie­ben, aber diese Stadt kann einem mit ihrer zeit­losen Atmo­sphäre und dem un­beding­ten Willen zur Tra­dition eben auch richtig ans Herz wachsen. Daß mich auch ver­schiedenes Un­gemach fest­gehalten hat, sei eben­falls ver­merkt: Bekannt­lich ist Indien nicht nur im Klischee das Land der Gegen­sätze, Kontraste und Extreme.

Um beim weniger Erfreu­lichen zu beginnen: Lähmende Hitze (tagsüber mehr als 40°C im Schat­ten), Magen­verstim­mung (aus Nepal impor­tiert, wie ich vermute), Ver­kühlung (gerade jetzt in der heißen Jahres­zeit unwahr­scheinlich wahr­scheinlich), Computer­absturz (durch meinen Fehler wurde tage­langes Herum­suchen in Foren nach Hilfs­vorschlägen nötig) und zuletzt noch eine ag­gressive Heilige Kuh haben mich alle zu­sam­men mächtig bles­siert. Zum letz­teren Vor­fall möchte ich noch an­merken, daß streit­lustige Kühe zwar nicht die Regel sind, aber immer wieder mal vorkommen, und daß die Inder auch schwere Ver­letzungen gerne hin­nehmen und aufs eigene Karma schieben, statt endlich mal eine ordentliche Werbe­kampagne für das gesundes Rinder­steak aus natur­naher Straßen­haltung zu organisieren. Wem so etwas passiert, der darf nicht auf Mit­leid seitens indischer Zeugen hoffen; statt­dessen werden diese nur ein neunmal­kluges “crazy cow” ab­sondern und vom auf die Hörner genom­menen und auf die Straße ge­worfenen Opfer erwarten, daß es die Sache sport­lich nimmt und auf sich beruhen läßt. Man macht ja auch kein Theater, wenn man vom Regen ange­schüttet wird oder auf einem Abfall­haufen aus­rutscht, das fällt hier unter „allgemeines Lebensrisiko“.

Gut, daß es noch die Altstadt gibt! Varanasi hält bei mir den all-India record für kreatives Verirrungs­potential, und es ist über­durch­schnitt­lich ätzend, durch die engen, mit Abfall aller Art bedeckten Wege zu hasten und sich wieder einmal in einer Sack­gasse wieder­zufinden. Nur wenige Land­marks können dabei weiter­helfen, und auf genau die stößt man nie, dafür auf lauter indische Youngsters, die die Gelegen­heit nutzen wollen, einem Des­orientierten ein Stück Seide, ein selbst­gebasteltes Musik­instrument oder gar einen kashmirischen Teppich anzu­drehen. Hat man aber dann nach zwei, drei oder fünf Wochen endlich ein bißchen Über­blick, macht die Alt­stadt wirklich Spaß: Immer­hin gibt es hier außer den permanent hupenden und drängelnden Motorrad­fahrern keinen Motor­verkehr, statt dessen aber sehr, sehr viel indisches Leben.

Betel bit vendor (paan wallah) in Varanasi, Uttar Pradesh, India

Betelbissen-Verkäufer (Pan-Wallah)

Vegetable market in Varanasi, Uttar Pradesh, India

Gemüsemarkt im Zentrum der Altstadt

Dead body transport in Varanasi, Uttar Pradesh, India

Ram nam satya hai!

Mein Guest­house, das seinen fried­lichen Namen Shanti nicht zu Un­recht trägt, liegt nahe dem Mani­karnika Ghat. Nicht ganz am Haus­eingang, aber doch sehr nahe daran, führt der Pfad der Leichen­träger vorbei, die aufge­bahrte und mit Blumen ge­schmückte Leichen zum Ghāt tragen und dabei laut Ram nam satya hai! rufen — Der Name von Rama ist Wahr­heit! Angeblich darf man sie nicht photo­graphieren, aber gute Photos sind wegen der hohen Ge­schwindig­keit, mit der diese Züge dahin­proze­dieren, ohnehin nur mit Glück zu erreichen.

Folgt man dem Pfad der Leichen­träger in Gegen­richtung, dann kommt man zu­nächst zu einem Gemüse­markt, der jahres­zeitlich bedingt mit Mango und Lychee glänzt, und gelangt dann entlang einem ver­schlun­genen Pfad ohne echte Ab­zweigungs­möglichkeit in das Markt­viertel Kachauri Gali, das bereits ganz am west­lichen Rand der Alt­stadt liegt; mehrere schmale Pfade führen zur nächsten Haupt­verkehrs­straße, einem nach der verkehrs­beruhigten Alt­stadt geradezu infer­nalischen Ort mit systema­tischer Verkehrs­verstopfung jeden Nach­mittag. Dort liegt auch der berühmte Kashi Vishva­natha Mandir, der wegen seines vergoldeten Shikhar auch oft als Golden Temple be­zeichnet wird — aber wegen der para­noiden Sicherheits­bestimmungen ist ein Besuch wirklich kein Vergnügen, und das Wort Photo darf man nicht einmal denken. 

Blue Lassi Shop (블루 라씨 숍) in Varanasi, Uttar Pradesh, India

Der Blue Lassi Shop: Chanchal mixt die besten Joghurtgetränke

Good Lassi in Purva and wireless internet access in Blue Lassi Shop (블루 라씨 숍) in Varanasi, Uttar Pradesh, India

Angenehme Kombination: WLAN und Lassi

In Kachori Gali wird vor allem Eß­bares ver­kauft: Von dem Süßig­keiten­laden Sri Raj­bandhu mit seinem spekta­kulär wohl­schmeckendem Sorti­ment habe ich Dir ja letztes Mal bereits erzählt, aber da gibt es noch mehr — immerhin ist ja sogar der Name dieser Gasse vom Snack Kachauri abgeleitet, einem dicken frittierten Brot mit Linsen- oder Gemüse­füllung.

Für den Tou­risten be­sonders inter­essant ist der Blue Lassi Shop, wo man über­durch­schnitt­liches Lassi für ziem­lich durch­schnitt­liches Geld be­kommt: Ein Einmal-Ton­gefäß (Purva) mit leicht gekühltem Joghurt (haus­gemacht aus Büffel­milch), Zucker, Mandeln, Pistazien und einem SafranRosen-Wasser kostet gerade mal 20 Ru, und dazu kann man auch noch im WLAN herum­surfen, zu­mindest, wenn der Strom einmal nicht ausge­fallen ist. Inter­essanter­weise ist der Blue Lassi Shop vor allem bei koreani­schen Touristen (mit internet­fähigem Smartphone) beliebt und deshalb auch in der ganzen Alt­stadt als Beullu Lassi Syop 블루 라씨 숍 ausge­schildert, aber er lohnt sich auch für Lang­nasen. Als kurioses Detail sind alle Wände mit Photos, Post­karten, Wid­mungen und Dank­schreiben zufrie­dener Gäste beklebt, so daß das namens­gebende Blau im Lauf der Zeit wohl ganz ver­schwinden wird.

Indian Food: Lahsun Achar (Garlic Pickle)

Lahsun Achar (Knoblauchpickle)

Indian Food: Rai Achar (Caraway-stuffed chile)

Rai Achar (kümmelgefüllte Chilies)

Muslim Pickle (Achar) shop in Kachauri Gali, Varanasi, Uttar Pradesh, India

Hier gibt es die besten Pickles von Varanasi

In den Gas­sen ringsum werden Milch­produkte herge­stellt und im Bulk ver­kauft; man kann sehen, wie Milch in großen, flachen Pfan­nen einge­kocht und zu Khoya aus­gefällt wird, oder wie in großen Kes­seln Butter zum reinen Butter­fett Ghee verkocht wird. Ein muslimisch geführter Laden verkauft Ein­gelegtes, das auf Englisch Pickle und auf Hindi Achar heißt. Pickles sind ölig und scharf gewürzt; als Ausgangs­material kann so ziemlich alles dienen: Mango, Karfiol, Karotten, Lotus­wurzel, Bitter­melone, ja sogar (für Freunde des Pikanten) Chili und Knoblauch. Die Preise liegen ir­gend­wo um 100 Ru pro Kilo­gramm, und wer in Europa Pickles von anglo–indischen Manu­fakturen kauft, der erhält den halben Geschmack um den zehn­fachen Preis. Besonders bemerkens­wert fand ich Rai Achar, in wenig Öl eingelegte Chilies, die mit einer Gewürz­mischung gefüllt sind — und hier habe ich zum aller­ersten Mal Kümmel live in einer indischen Speise erlebt. Leider ist es mir viel zu gefähr­lich, solch öliges Zeug im Ruck­sack umher­zu­schleppen!

Mala Bazar (Flower Market) in Varanasi, Uttar Pradesh, India

Berge von Basilikum, Jasmin und Studentenblumen

Mala Bazar (Flower Market) in Varanasi, Uttar Pradesh, India

Blumenverkäufer

Mala Bazar (Flower Market) in Varanasi, Uttar Pradesh, India

Am Mala Bazar werden duftende Girlanden verkauft

Wagt man dann den Weg über die ver­schmutzte und über­bevölkerte Haupt­straße, dann stolpert man über eine unbe­kannte aber wunder­bare Sehens­würdigkeit: Den Blumen­markt Mala Bazar. Nach­mittags quillt der kleine Innenhof über vor Händlern, Kunden und natür­lich der duftenden Ware. Man erhält dort alles, was für die Ver­brennungs­rituale oder den Besuch des Goldenen Tempels an botani­schen Requi­siten so gebraucht wird: Ringel­blumen, Jasmin, Basilikum, Rose und andere werden entweder lose oder zu bunt–duftigen Gir­landen ver­arbeitet ange­boten, und Touristen sieht man dort so gut wie nie.

Teastall in Kachauri Gali, Old town of Varanasi, Uttar Pradesh, India

Arbeitsplatz des Chai-Wallah

Indian Food: Bati (bread balls) stuffed with a dal (lentile) spice mix

Bati mit Füllung aus einer pulvrigen Gewürzmischung

Natürlich gibt es in Kachauri Gali auch einige kleine Restau­rants, die Thali anbieten: Simple Kartoffel- und Kürbis­curries mit Reis und Chapati. Die Chai-Wallahs kennen mich auch bereits alle und sind für mich lebens­wichtig, den täglichen Flüssig­keits­bedarf von etwa 5 Litern zu decken. In einem kleinen Laden bekommt man Bati, aus Chapati-Teig geformte Kugeln, die mit einer Gewürz­mischung gefüllt sind und über Holzkohle gegart werden. Die Fülle besteht vor allem als gemahlenem Dāl, Zwiebel und Chili. Man taucht die Kugeln vor dem Verzehr in flüssiges Butterfett und verspeist sie zusammen mit einem würzigen Kartoffelcurry.



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