Landkarte
Madurai Siehe auch Nuwara Eliya Kochi

Kotagiri கோத்தகீரீ (Tamil Nadu)

View in Kotagiri hill station, Tamil Nadu (South India)

Umgebung von Kotagiri mit Teefeldern und Kirche

Heritage small gauge train from Metupalayam to the Nilgiri hill stations, Tamil Nadu (South India)

Die Schmalspurbahn in Metupalayam

Liebe Birgit,

jetzt bin ich also in die Berge ge­fah­ren: Kota­giri ist die kleinste und ruhigste der drei hill sta­tions in den Nil­giri-Bergen. Unter einer hill station versteht man einen Berg­erholung­sort — jeder mit ein bißchen Verstand und etwas mehr Geld flieht im Sommer die heißen Tief­lagen und sucht in den kühlen Berge Asyl. Das haben bereits die Mogulen so gemacht, und die Engländer erweiterten das System, indem sie unbedeutende Gebirgsdörfer zu Tourismuszentralen mit allen erdenklichen Schikanen ausbauten. Natürlich darf man sich im 18. und 19. Jahrhundert unter „alle erdenklichen Schikanen” nicht allzuviel vorstellen, aber zumindest wurden Verkehrswege angelegt und vor Ort eine befriedigende Infrastruktur gebaut, um den Sahibs den Sommer erträglich zu gestalten.

Market woman at Kotagiri (Nilgiri hill station), Tamil Nadu (South India)

Marktfrauen

Die drei hill stations in den Nilgiri-Bergen hei­ßen Udaga­mandalam , Coonoor und Kotagiri. Man er­reicht sie, wie viele andere ähn­liche Orte auch, mit der Eisen­bahn. Die histori­schen Dampf­lokomotiven (die allerdings mittler­weile mit Diesel statt Kohle betrieben werden) benötigen für die 46 Kilometer von Metupalayam nach Udagamandalam satte fünf Stunden, wobei die Bahn streckenweise auf Zahnrädern läuft. Heutzutage schafft der Bus dieselbe Strecke in zweieinhalb Stunden, aber aber ich wollte mir das Nostalgieerlebnis einer Fahrt mit dem historischen Zug gönnen und tauchte entsprechend um sechs Uhr morgens am Bahnhof von Metupalayam auf. Diesen Gedanken hatten aber noch viele andere. Leider (?) werden nicht mehr Karten ausgegeben, als Leute in die zwei oder drei Schmalspurwaggons passen — folglich mußte ich dann doch den Bus nehmen.

Kotagiri ist eine kleine Ortschaft mit 10000 Ein­wohnern und liegt inmitten einer freund­lich grünen Gebirgs­landschaft. Die grüne Farbe sind aber nicht etwa Almen, sondern Tee­plantagen, die den auch bei uns bekannten Nil­giri-Tee liefern. Es ist eine echte Freude, in die Land­schaft zu blicken und das Grün wirken zu lassen — oder wäre das, wenn nicht (wie meistens) Nebel und Regen die Stimmung trübten. Bei Schlecht­wetter kann man in diesem Ort gar nichts machen, denn außer dem sehr bunten Markt gibt es keine Sehens­würdigkeiten, man kann nur schlecht essen – davon später – oder es den Ein­heimischen nachtun und in eine der zahl­losen Bars verschwinden, die in steril–abgedunkelter Atmosphäre alles jenseits von 40 Um­drehun­gen servieren. Frag mich bitte nicht warum, aber sobald man in Indien in die Berge kommt, fließt der billige Alkohol in Strömen, während gleich­zeitig das kulinarische Angebot in den Keller sinkt.

Cake shop and bakery in Ooty (Nilgiri hill station), Tamil Nadu (South India)

Konditorei in Ooty mit Schwarzwälder Kirschtorte (rechts oben, beschriftet als black forest)

Chocolate sold on the streets of  Ooty (Nilgiri hill station), Tamil Nadu (South India)

Schokoladeverkäufer in Ooty

Honey and Honeycomb,  Ooty (Nilgiri hill station), Tamil Nadu (South India)

Honig frisch aus der Wabe

Bei Schön­wetter kann man da­gegen eini­ges machen. Ich habe die beiden grö­ßeren Orte Udaga­mandalam und Coonoor besucht. Vor allem erste­res, in der Praxis immer „Ooty“ genannt, glänzt mit der typi­schen snobisti­schen Atmo­sphäre und Geleckt­heit, die vielen hill sta­tions eigen sind. Es gibt eine Anzahl hübscher Parks (darun­ter einen Rosen­garten mit ein paar tausend Sorten, jetzt alle in Voll­blüte), viele Villen, Konvente und Kirchen aus der Kolonial­zeit und sogar etwas Ordent­liches zum Essen. Selbst­gemachte Schokolade kriegt man an jedem Hauseck, das war wirklich eine erfreu­liche Über­raschung; meine Lieblings­sorte ist eindeutig Bitter­schokolade mit starkem Honig­aroma und Cashew­nüssen. Ansonsten trifft es der Reiseführer ganz gut, wenn er von “over­development” spricht, denn irgendwie wirken die Bäckereien mit Schwarzwälder-Kirsch-Imitaten, die Cafés im Siebziger-Jahre-Stil und die von billigen Arbeitskräften per Reisigbesen saubergehaltenen Grünflächen in dieser Umgebung doch etwas lächerlich.

Shiva temple festival, Kotagiri  (Nilgiri hill station), Tamil Nadu (South India)

Der Tisch ist gedeckt — aber leider für Shiva und nicht für mich.

Shiva temple festival, Kotagiri  (Nilgiri hill station), Tamil Nadu (South India)

Die Auswerwählten auf dem Weg in die Berge

Shiva temple festival, Kotagiri  (Nilgiri hill station), Tamil Nadu (South India)

Tempelfest mit vielen Opfergaben

Sehr an­ge­nehm sind Spazier­gänge in der Um­gebung vor Kotagiri, etwa durch die Tee­plantagen, die zur Zeit leider nicht beerntet werden; daher stehen auch die Tee­fabriken still. In einem Vor­ort stolperte ich über ein Hindu-Fest zu Ehren Shivas, bei dem ich trotz meiner Wei­ge­rung, mir im schlam­migen und mit Holz­kohle be­streuten Tempel­vorgarten die Schuhe auszu­ziehen, als Ehren­gast geduldet wurde. Am Höhe­punkt fielen einige der Mit­wirkenden in Trance, was ziemlich er­schreckend wirkte. Nach dem Ende der Feierlich­keiten im Tempel zog die Prozession mit dem Medium und zwei Jünglingen, die einen ganz extremen Kopf­schmuck trugen, die halbe Nacht lang zu irgendeinem Berg­tempel, aber da war ich dann nicht mehr dabei.

Ich habe auch einen Ausflug zu einer Gewürzplantage am Fuß der Nilgiri-Berge gemacht, aber davon erzähle ich besser später, wenn ich in Kerala die klassischen Gewürz­anbau­gebiete erreiche.

Indian Food: Beef Biriyani

Beef Biri­yani

Tamil Indian Food: Purotta (folded bread) with Sambar (vegetable soup) und Tengai Togaiyal (coconut chutney)

Purotta mit Sambar und Tengai Togaiyal

Indian Food: Beef Fry

Beef Fry

Wie be­reits an­ge­deutet: Die kuli­nari­sche Sze­ne ist ein ziem­licher Graus. Mein Hotel hat ein einiger­maßen ak­zep­tab­les Restau­rant, wo man zu­min­dest den “beef biri­yani” gefahr­los essen kann — der schmeckt zwar nicht wirk­lich nach nord­indi­schem Bir­yani, aber dafür so feurig-scharf, daß mit erst einmal die Luft wegblieb. Ein zweites Restaurant hat nur sporadisch geöffnet, und dann gibt es nur noch ein paar ganz kleine Läden, wo man Purotta, (ein gefaltetes Brot) oder Dosa (der Fladen aus fermentiertem Reis–Bohnen-Teig) mit Sambar und Tengai Togayal, einem Chutney aus frischer Kokos­nuß, essen kann. Fast stets ge­schlos­sen ist übrigens auch eines der beiden Internet-Cafés, weswegen Dich dieser Brief mit Verspätung erreicht; das andere Internet-Café fällt für mich aus, weil die absurderweise ihren Kunden nicht erlauben, den eigenen Laptop anzustöpseln.

Falls Du Dich darüber wun­derst, daß man hier aus­gerech­net Rind­fleisch-Biri­yani bekommt: Ja, ich war auch etwas über­rascht, das einzige Rind bisher war mir ja in Hyderabad über den Teller gelaufen. Als Alternatve ist übrigens auch Beef Fry erhältlich, das ist zur Trockene eingedampftes Rind­fleisch und üblicherweise auch sehr scharf. Die Fleisch­qualität ist aber wirklich nicht berauschend, ich habe den Eindruck, daß man mir hier an Altersschwäche verstorbene pensionierte Zugochsen vorgesetzt hat, die mit einer Unmenge Chili in Joghurt weichgekocht und dann erst am Teller mit Reis geschichtet serviert werden. Jedenfalls kaute ich noch lange an den fasrigen Resten der Rindviecher, die noch Stunden später plötzlich in meinem Mund materialisierten.

Eine mögliche Erklärung für die aggressive Schärfe fand ich am Markt. Ich unterhielt mich mit einem Händler über verschiedene Sorten Chili, und plötzlich zeigte er mir eine lampionförmige rote Chilifrucht, die von ihrem Typus her an die schärfsten karibischen Chilies erinnerte, an Habanero und Co. Ein Biß bestätigte dann die Vermutung. Das Ungeheuer heißt hier Ney Milagai, was soviel wie „Fett-Chili“ bedeutet. Ney ist eigentlich das Butterschmalz, kann aber auch für andere Speisefette stehen. Warum er so heißt, weiß ich nicht; aber der Händler war jedenfalls richtig stolz, mir eine solche Schote zeigen zu können, offenbar sind sie nur beschränkt erhältlich.

Damit ist Tamil Nadu am Ende; nächste Woche melde ich mich aus Kerala.



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