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Der
Standard / Gerhard Fröhlich, 18.Dez. 1999
Langfassung mit Angaben zu den erwähnten Studien als GMD-Report 61
(Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, Sankt Augustin)
oder über den Autor.
Wie
sich die Wissenschaft selbst misst
"Hot papers", Zitationslisten, "High impact"-Zeitschriften
sind der Stoff, aus dem die Szientometrie ihre Daten nimmt und zu Modellen
formt. Aber was messen quantitative Evaluierer wirklich?
Gewöhnliche Szientometrie
ist eher fad. Sie untersucht quantitative Dimensionen wissenschaftlicher
Entwicklungen: Anzahl der Universitätsgründungen, der WissenschafterInnen,
der wissenschaftlichen Zeitschriften. Brisanter ist die "evaluative
Szientometrie". Sie gibt vor, unbestechlich den wissenschaftlichen
Output zu messen: Produktivität, Resonanz,
Qualität.
Zu den Pionieren dieser
Zunft zählen der Genetiker Sir Francis Galton, der Botaniker Alphonse
de Candolle, der Physiker Derek de Solla Price. Letzterer verglich die
Wissenschaft mit Gas. Ähnliche aus Naturwissenschaft
und Technik entlehnte Modelle finden sich auch heute in der - ansonsten
recht theorielosen - Literatur. Auch zeitgenössische SzientometrikerInnen
kommen vorrangig aus Natur- und Ingenieurwissenschaften und verwenden
Modelle aus dem eigenen "Stall": Für die einen entspricht
die Verbreitung wissenschaftlicher Informationen
der Diffusion von Hitze in Festkörpern. Andere halten sich
an mehrstufige Modelle der Übertragung ansteckender
Tropenkrankheiten: Parasiten benötigen einen Zwischenwirt
zur Entwicklung bzw. Übertragung. Wissenschaftliche Zeitschriften
entsprechen demnach ihrer Funktion nach Moskitofliegen bei der Ausbreitung
der Malaria - oder Wasserschnecken bei der Weiterentwicklung der Saugwürmer,
den Erregern der Bilharziose.
Gemeinsam ist diesen formalen Modellen, dass sie Formeln
zur mathematischen Modellierung und Extrapolation quantitativer Entwicklungen
bereitstellen, welche mitunter gar nicht so schlecht auf beobachtbare
Verlaufskurven passen. Für inhaltliche, praxisrelevante Fragestellungen
sind sie wenig geeignet.
Der soziale Charakter
der wissenschaftlichen Methoden (Karl Popper), die Machtstrukturen der
wissenschaftlichen Welt bleiben ausgeblendet:
Wie wird man Erstherausgeber, damit man von Szientometrikern überhaupt
gezählt werden kann?
In etlichen Datenbanken - Grundlage heutiger szientometrischer Auswertungen
- sind nämlich nur die ErstherausgeberInnen recherchierbar.
Die "Stars" unter den wissenschaftlichen Datenbanken produziert
das Institute for Scientific Information (ISI) in
Philadelphia (Gründer: Eugene Garfield). Sie sind online, als CD-ROMs
und als meterdicke Nachschlagewerke konsultierbar: je ein Citation
Index für Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften
und Künste. Der Clou dieser drei Datenbanken: Sie speichern von jedem
(in der Regel: Zeitschriften-) Artikel auch die Literaturliste, z. T.
bis auf die Zitatstelle genau.
Es ist daher möglich - mit gewissen Fehlerraten - zu eruieren, wer
z. B. Karl Poppers Betonung des sozialen Charakters der wissenschaftlichen
Methode im zweiten Band seiner "Offenen Gesellschaft" zitiert.
Terminologische Probleme bei der Recherche können durch Eingabe von
Schlüsselautoren oder -publikationen umgangen werden: Heinz-von-Foerster-Zitierer
dürften eher Radikal-Konstruktivistisches im Sinne haben, Pierre
Bourdieus "Feine Unterschiede" Zitierende eher Distinktionstheoretisches:
Denn zitieren heißt loben, Existenz
zusprechen. Nur wenige Zitationen sind kritisch. Abzulehnendes
wird zumeist "net amol ignoriert".
Die ISI-Banken bieten
interessante Zugriffs-und Auswertungsmöglichkeiten, z. B. zum Nachweis
hermetisch abgedichteter paradigmatischer Gemeinschaften:
Wer zitiert Niklas Luhmann, wer zitiert Norbert Elias, wer zitiert beide?
(Antwort: ein verschwindend geringer Prozentsatz.)
Es könnten "blinde Flecken" eruiert werden: Wo müssten
inhaltliche Bezüge vorliegen, finden sich jedoch keine Zitaten-Brücken?
Auch bei der Erstellung semantischer Netze könnten ISI-Banken nützen.
Doch die "kognitiven Szientometriker", die sich um inhaltliche
Fragestellungen kümmern, sind eine Minderheit.
Die Mehrheit der ISI-Konsultierer
interessiert sich für Rangreihen:
Wer ist produktiver, d. h. publiziert mehr?
Wer hat mehr Resonanz, löst stärkeren "Impact" (=
engl. (Geschoß-)Einschlag) aus, das heißt wird häufiger
zitiert?
Doch die Gleichsetzungen
von quantitativem Output mit wissenschaftlicher Leistung sowie von Resonanz
mit Qualität (vor allem in der Medizin) - sind äußerst
fragwürdig:
Beim Output
ignorieren die simplen Quantifizierer die Usance der Ehrenautorenschaften,
aufgeflogen bei Betrugsaffären: Koautoren der beiden Krebsforscher
Herrmann/Brach beteuerten, die gefälschten Papiere gar nicht gesehen
zu haben. Institutsleiter, Vermittler von Geld oder Material werden oft
bei allen resultierenden Artikeln als Koautoren angeführt, wichtige
MitarbeiterInnen dagegen als SubautorInnen in Fußnoten und Danksagungen
gesteckt.
Viel-"Schreiber" sind Leiter von Großinstituten: 948 Publikationen
zwischen 1981 und 1990 verzeichnen Yury Struchkow, Leiter des Instituts
für Elementorganische Chemie in Moskau, als Koautor - d. h. fast
zwei Publikationen pro Woche.
Wissenschafter aus der gesamten Sowjetunion mussten Substanzen zurStrukturbestimmung
an Struchkows Labor schicken. Je ein Mitarbeiter und Struchkow wurden
dafür jeweils als Koautoren genannt. Produktivitätskennziffern
sind somit eher Indikatoren für Macht, soziale Beziehungen und Finanzkraft
als für "reine" wissenschaftliche Leistung. Eine Längsschnittstudie
zeigte die Effekte der Forschungsfinanzierung und der Zusammenarbeit mit
KollegInnen auf die Produktivität: Viel Geld aus vielen Fonds für
viele AutorInnen erbringt viele Papers, auf denen man als KoautorIn steht.
Das ISI und Garfield haben die Wissenschaften verändert. Solcherart
Szientometrie beruht keineswegs, wie beansprucht, auf "nicht-reaktiven
Messverfahren". Die aggregierten "Mess"-Vorgänge zusammen
mit den vorwegnehmenden Aktionen der Betroffenen verändern das "Gemessene",
sie bringen das hervor, was sie zu messen vorgeben:
Artefakte - Kunstprodukte und Ergebnisverzerrungen.
Die szientometrische Logik des rein Quantitativen ist mit der sowjetischen
Planwirtschaftslogik verwandt: Bei Letzterer führte die Messung des
Plansolls von Weihnachtsbaumständern nach Tonnen zur Produktion möglichst
klobiger Exemplare,
Erstere verleitet dazu, möglichst viele, möglichst kurze Beiträge
in Journalen mit möglichst hohem Impact abzusondern, das heißt
den Forschungsertrag in möglichst viele, möglichst hauchdünne
Scheibchen ("Salamipublikationstaktik") zu zerteilen.
Die "least
publishable unit" beträgt in der Psychologie - unter
Abzug von Titelei, Abstract, Danksagungen und Literaturliste - inzwischen
eine Seite Text (inkl. Tabellen) für drei Koautoren, d. h. eine Drittel
Seite je Wissenschafter.
Bei der Resonanz
übersehen Ranking-Gläubige, dass Bekanntheit und Ansehen, Geräte,
Gelder und Beziehungen noch mehr Bekanntheit und Ansehen, Geräte,
Gelder und Beziehungen bringen.
"Hot papers" werden von mehr Autoren aus mehrteilnehmenden Institutionen
"verfasst" als durchschnittlich zitierte Papers. Je mehr Autoren,
je mehr Forschungsförderer, desto mehr Impact.
Bei der "Standardmethode"
der ISI-Impact-Bestimmung werden nur jene Zitate aus ISI-Banken
berücksichtigt, die auch wiederum in die ISI-Banken zurückführen,
d. h. nur in ISI-Banken erfasste(!) zitierte Journal-Artikel - keine Artikel
aus sonstigen Journalen, keine Buchzitate usw.
Bei der Resonanzbestimmung
von 258 früheren Professoren der Uni Ghent wurden hingegen alle in
den ISI-Banken erfassten Zitate ausgewertet, d. h. auch jene, die aus
dem ISI-Zitations-Pool hinausführen. Der Vergleich mit der Standardmethode
zeigt, wie willkürlich die Beschränkung auf ISI-Journale ist:
Der Impact von Monografien ist weitaus größer als jener von
Journalartikeln - in allen Disziplinen.
Die Begrenzung auf ISI-Publikationen reduziert
die Zahl der Zitationen auf bloße 16 Prozent aller gespeicherten
Zitationen.
Noch einmal: Dieses Ergebnis basiert auf ISI-Datenbanken, welche Journalartikel
extrem bevorteilen.
Eine Analyse auf Basis aller wissenschaftlichen Publikationen würde
für die ISI-Methode noch weitaus vernichtendere Resultate erbringen.
Das Institute for
Scientific Information bestimmt, welche Journale überhaupt in seine
Datenbanken aufgenommen werden, und betreibt Zeitschriften-Lobbying: Wissenschaftliche
Literatur jenseits der durch das ISI erfassten sei minderwertig, da nicht
durch das Sieb der ISI-Szientometrie gefiltert.
Doch dominiert in etlichen Disziplinen (z. B. in der Philosophie) immer
noch das Buch; in anderen bilden Patente und Graue Literatur primäre
Forschungsgrundlage (in den Ingenieurwissenschaften).
Zudem erwächst den etablierten Papierjournalen neue digitale Konkurrenz,
bunt und bewegt auf den WWW-Seiten wissenschaftlicher Institute und e-Journals,
aber oft verdeckt vom übrigen WWW-Infotainment.
Marktwert und Absatzchancen
der ISI-Produkte hängen vom Glauben an Wichtigkeit und Qualität
der ISI-Journale ab. Beide werden mit ISI-Methoden im ISI-Datenpool "gemessen".
Die Artefakte aufgrund der Erstselektion werden so aufrecht erhalten und
gefördert.
Alle übrigen (später gegründeten oder prosperierenden)
Journale und sonstigen Literatursorten sind "Immigranten", Bittsteller
- nur wenigen wird Einlass gewährt.
Aufgrund dreister Preissteigerungen (ein Jahresabo von Chemical Abstracts
etwa kostet eine Unibibliothek laut Auskunft der Linzer Uni zur Zeit öS
324.000,-) und stagnierender Bibliotheksetats finden zudem neue Journale
kaum mehr Aufnahme in Bibliotheken.
Auch hier verteidigen die Etablierten erfolgreich ihren Platz: Das Vorhandensein
von Papierpublikationen vor Ort ist ein wichtiger Faktor für ihr
Zitiertwerden. Der "Impact" etablierter Journale ist auch ein
Effekt ihrer auflagenstarken Omnipräsenz.
Gegen den Zeitschriften-Bias
des ISI (und anderer Datenbanken) kursiert der Vorschlag für eine
"Universal Citation Database",
für eine universale, Internet-basierte, bibliographische Datenbase,
welche alle wissenschaftlichen Arbeiten jeglicher Literaturgattung über
ihre Zitate verknüpfen würde.
Rankings unterscheiden
meist nicht zwischen Einzel- und Koautorenschaften, inhaltliche Redundanz
und Publikationslänge bleiben unberücksichtigt: Die Gewichtung
der Beiträge (nach Seitenzahl, Zahl der Ko- und SubautorInnen) sollte
unverzichtbare Minimalforderung sein.
Schwieriger dürften
ethische Autorenschaften durchzusetzen sein. Zu fordern und praktizieren
wäre auf jeden Fall eine wissenschaftstheoretisch aufgeklärte
und sozialwissenschaftlich geläuterte Szientometrie, welche die AutorInnen,
ihre Institutionen, Beziehungen und Produkte nicht mehr als Gase, Heizplatten,
Moskitos und Saugwürmer modelliert, sondern als menschliche, kulturelle,
soziale Einheiten.
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