University of Graz

Institute of Botany

Josef HAFELLNER


Bioindikation mit Flechten

Grundwissen über die Ökologie von Flechten

Teil 1: Flechten und Luftverunreinigung

Teil 2: Flechten und ökologische Kontinuität in Waldökosystemen

Allgemeine Grundlagen

Flechten sind keine einheitlichen Organismen sondern „Doppelwesen" aus i. d. R. zwei Komponenten: 1 Pilz und 1 Alge

Doppelnatur äußerlich oft nicht erkennbar sondern die Flechte wirkt als Einheit. Diese ist meist keinem der aufbauenden Partner ähnlich.

Flechten sind über die gestaltliche Eigenständigkeit hinaus auch zu spezifischen Leistungen fähig, die nur durch die Symbiose der Partner möglich sind (z.B. Synthese chemischer Verbindungen)

Flechten haben auch erweiterte ökologische Möglichkeiten gegenüber den Einzelkomponenten (z.B. Überleben unter harschen Bedingungen)

Zur Substratökologie von Flechten

Flechten kommen an einer Vielzahl von Substraten meist unter recht spezifischen Standortsbedingungen vor

Die meisten Flechtenarten sind ökologische Spezialisten bei gleichzeitig weiter Verbreitung (Flechten i. d. R. mit großen Arealen).

Ausdruck der ökologischen Spezialisierung ist beispielsweise eine enge Bindung an Substrattypen.

Die Ursachen für diese Bindung an Substrate sind vielfältig (pH, chemische Erkennungsreaktionen, Wasserspeicherkapazität) und nicht bei allen Arten gleich.

Zur Substratökologie von Flechten (Forts.)

Klassifikation der Flechten nach den besiedelten Substraten (nur Grundtypen angeführt):

auf Gefäßpflanzen i.d.R. Gehölzen (epiphytisch):

borkenbewohnend (corticol)

holzbewohnend (lignicol, epixyl)

blattbewohnend (foliicol)

auf Gestein (saxicol):

auf Silikatgestein (silicol, silicicol)

auf Kalkgestein (calcicol)

auf dem Boden (terricol)

Zur Autökologie von Flechten (Forts.)

Viele corticole Flechten zeigen Präferenzen für bestimmte Baumarten bzw. -gruppen

Ursachen dafür sind chemisch-physikalische Eigenschaften der Borke

pH-Wert

Wasserspeichervermögen

Die meisten Flechten bevorzugen bestimmte Licht- und Feuchtebedingungen

Im Rückschluss können den einzelnen Arten Zeigerwerte zugebilligt werden (Wirth 1991).

für uns wichtig, weil über Zeigerwerte Aussagen über Licht-, Feuchte- und Temperaturbedingungen am Standort (sowie lufthygienische Situation) möglich sind

Zum Stoffwechsel der Flechten

Gefäßpflanzen sind ständig stoffwechsel-aktiv (Ausnahme: austrocknungsresistente Arten)

Flechten sind nicht ständig stoffwechsel-aktiv

Ursache: Flechten können Wasserhaushalt nicht regeln

können weder Wasser aktiv aufnehmen (haben keine Wurzeln)

können Wasserverlust bei Trockenheit nicht bremsen (haben keine Verdunstungsschutz)

Flechten verlieren bei trockenem Wetter allmählich das für die Aufrechterhaltung des Stoffwechseln notwendige Wasser und gehen in stoffwechsel-inaktiven Zustand über

Erst bei erneuter Wasserzufuhr (Regen, Tau, hohe Luftfeuchte) laufen die Stoffwechselvorgänge wieder an.

dabei für uns von Bedeutung: Flechten nehmen Wasser über ganze Oberfläche wie ein Schwamm in relativ kurzer Zeit auf

Zum Stoffwechsel der Flechten (Forts.)

Folge: Flechten leben in ständigem Wechsel zwischen Ruhepausen und kurzen Aktivitätsperioden

Ein instabiler Stoffwechsel ist an einigen Standorten (Gestein, Borke) ein Vorteil gegenüber einem stabilen S. (Gefäßpflanzen)

Gefäßpflanzen brauchen Wasserreserven im Wurzelraum für Aufrechterhaltung ihres stabilen Stoffwechsels.

Flechten können zusammen mit dem Substrat ohne Schaden austrocknen.

Zusammen mit der Wasseraufnahme erfolgt auch eine effektive Ionenaufnahme.

Das Wachstum von Flechten

Instabiler Stoffwechsel und häufige Ruhezeiten (neben der Symbiosenatur) einer der Gründe für langsames Wachstum

ca. 10% Algen müssen 90% Pilz miternähren

für Wachstum nur geringe Energiereserven übrig

jährlicher Zuwachs bei Laubflechten 1 - 2 mm radial (bis ca. 1-x cm bei Peltigera)

jährlicher Zuwachs bei Krustenflechten 0 – 0,2 mm

langsames Wachstum liefert Voraussetzung für Langzeituntersuchungen

Teil 1: Flechten und Luftverunreinigung

Luft als Lebensgrundlage von Flechten

Luft ist eine der Existenzgrundlagen aller Landlebewesen - im Verlauf der Evolution enge Bindung an gasförmige Umwelt

heutige Lebewesen an unsere Luft gebunden > Veränderungen bedeuten Verminderung der Überlebenschancen

erdgeschichtliche Veränderungen der Luftzusammensetzung langsam, mit Möglichkeit zur evolutionären Anpassung

rezente durch Menschen hervorgerufene Veränderungen rasch, ohne Möglichkeit zur Anpassung

wirksam sind nicht so sehr die Hauptkomponenten sondern die Spurengase und Stäube

Flechten und Luftverunreinigung

Konzentration der wichtigsten Luftschadstoffe kann mit technischen Analysen ermittelt werden

erfasste Parameter allerdings nur eine Auswahl aller in unserer Umwelt vorhandenen Schadstoffe

weil teilweise geeignete Messgeräte fehlen

weil in der Regel nicht bekannt ist, welche Immissionskomponenten im Untersuchungsgebiet zu erwarten sind, somit u. U. relevante (= schädigende) Schadstoffe nicht erfasst werden

aus Konzentrationen einzelner Schadstoffkomponenten können nicht zwingend Rückschlüsse auf die potentielle Gefährdung von Lebewesen gezogen werden, weil die Wirksamkeit von Immissionen durch Klima etc. stark verändert wird

Deswegen werden auch Organismen untersucht, die der Gesamtheit der Luftverunreinigungen ausgesetzt sind und auf den biologisch wirksamen Anteil von Immissionen reagieren = Bioindikatoren

Bioindikatoren

sind Organismen, die auf eine Veränderung der Umweltbedingungen mit einer deutlichen und eindeutigen Veränderung ihrer Lebensfunktionen antworten

als Bioindikatoren verwendete Organismen: Flechten, Fichte, Tabak, Mensch, etc.

mögliche Veränderung der Umweltbedingungen

Schadstoffbelastung

Veränderung der relativen Luftfeuchte (Stadtklima)

Veränderung ihrer Lebensfunktionen

Messbar: physiologische Parameter (z.B. Netto-Photosynthese)

Sichtbar als:

Krankheitsbilder

Absterben und sukzessives Verschwinden aus potentiellen Lebensräumen / Kulturen

Gesteigerte Wachstumsraten

Wieso Flechten als Bioindikatoren?

Ursachen für die Empfindlichkeit von Flechten gegenüber Immissionen

Symbiosenatur ein störungsanfälliges Gleichgewicht

Fehlen wirksam schützender Abschlussgewebe

als wechselfeuchte Organismen unmittelbar von Luftqualität abhängig

Flechten auch im Winter stoffwechselaktiv, d. i. in Zeiten mit erhöhter Schadstoffkonzentrationen

Akkumulationsvermögen für Ionen bedingt auch Anreicherung der Schadstoffe

Auf Flechten besonders stark wirkende Immissionen

saure Abgase und deren wässrige Folgeprodukte (z.B. Schwefeldioxid und schwefelige Säure – Hauptverursacher: Industrie, Heizungen)

Halogenide (z.B. F-Verbindungen – Hauptverursacher: metallerzeugende Industriebetriebe)

eutrophierende Luftverunreinigungen (z.B. Ammoniumion -Hauptverursacher: Verkehr, Landwirtschaft)

Bedeutung von Flechten als Bioindikatoren

Wegen der Langlebigkeit der Lager und des langsamen Wachstums sind Flechten besonders dazu geeignet, einen Überblick über die langfristige, durchschnittliche Gesamt-Immissionssituation sowie mikroklimatische Veränderungen zu vermitteln

Als Wirkungskriterium für ihre Belastung wird im allgemeinen eine Veränderung ihrer Vitalität herangezogen (verringertes Wachstum, Thallusverfärbungen bis hin zum Absterben und Verschwinden aus Gebiet / gesteigertes Wachstum von nitrophilen Arten an primär sauren Borken)

Grundlage für ihre Verwendbarkeit als Bioindikatoren ist außerdem die unterschiedliche Empfindlichkeit einzelner Arten

bei geringer Belastung verschwinden zunächst die empfindlichsten Arten

bei zunehmender Konzentration gehen die mittelempfindlichen zurück

bei hoher Konzentration verschwinden auch die unempfindlichen Arten (= toxitolerante Arten)

Wieso borkenbewohnende Flechten als Bioindikatoren?

Borken i. d. R. mit geringer Pufferkapazität

> Borkenflechten reagieren rascher und mit größerer Sensibilität

Borkenflechten wachsen i. d. R. rascher als Gesteinsflechten

> Veränderungen an Einzelthallus sind rascher erkennbar

Der Kolonisierungsprozess läuft bei Borkenflechten rascher ab

> rascher interpretierbare Daten zur Verfügung

> auf Luftverbesserungen reagieren Borkenflechten mit Rückeinwanderungen

Bioindikation

Ist die Dokumentation des Ist-Zustandes von Gesellschaften/Synusien mit dem Ziel, über die Umweltsituation etwas zu erfahren

erfordert Bioindikationsskalen

z. B. Flechten-Kartierung

Grundlage ist das Wissen über die unterschiedliche Empfindlichkeit verschiedener Flechtenarten auf Luftschadstoffe

aus dem (Noch-)Vorhandensein bestimmter Flechten im Untersuchungsgebiet wird im Abgleich mit einer vorhandenen Skala auf die Belastungssituation in der jüngeren Vergangenheit (Monate bis mehrere Jahre) rückgeschlossen

Biomonitoring

Ist die Dokumentation von Kurzzeit- oder Langzeitverän-derungen von Organismen oder Gesellschaften (z.B. Wachtumsraten, Artenzusammensetzung) mit dem Ziel, Informationen über Umwelteinflüsse zu erhalten

erfordert planmäßige, langfristige Beobachtungen bzw. wiederholte Untersuchungen

2 Verfahren

passives Monitoring

Datenerhebung unter Verwendung der im Ökosystem natürlich vorkommenden Organismen

Monitoring mit Flechten: z.B. wiederholtes Messen der Wachstumsraten, Verfolgen der Populationsentwicklung einzelner Arten ausgehend von einer Erhebung des Status quo

aktives Monitoring

Datenerhebung unter Verwendung von standardisiertem biologischem Material, das unter definierten Bedingungen im Freiland exponiert wird

z.B. Flechten-Exposition: Grundlage ist, dass mittelempfindliche Flechten (z.B. Hypogymnia physodes) nach Exposition in stark belasteten Gebieten in relativ kurzer Zeit sichtbar geschädigt werden (Reaktionsindikator)

Bioindikation mit Flechten

Bioindikation mit Flechten – methodische Ansätze samt Auswertung (1)

Artenbezogener (qualitativ floristischer) Ansatz

Prinzip: einzelne Arten, die gegen bestimmte Verunreinigungen empfindlich sind, werden als Zeigerpflanzen benutzt

Vorgangsweise: Punktgenaue oder gerasterte Erhebung des Vorkommens von Flechtenarten im Untersuchungsgebiet

liefert als Ergebnis Verbreitungskarten von Arten oder Karten der ermittelten Artenzahlen

für die Interpretation ist Kenntnis über die Autökologie (inkl. Toxitoleranz) der Arten von Nöten

aus Vergleich der Verbreitungskarten einzelner Arten im Untersuchungsgebiet u. U. eine Zonierung herauslesbar

Bioindikation mit Flechten – methodische Ansätze samt Auswertung (2)

Kalibrierte und nicht kalibrierte Skalen

Prinzip: Probenpunkte werden nach vorgegebenen Skalen bewertet

Nicht kalibrierte Skalen

z.B. Sernander 1912, 1926: Normalzone – Kampfzone (Laubflechten mit verminderter Artenzahl und Deckungsgrad) – Flechtenwüste (= keine Laubflechten)

Keine direkte Übereinstimmung mit bestimmten Immissionswerten

Kalibrierte Skalen

z.B. Hawksworth & Rose 1970: 10-stufige Skala

Übereinstimmung zwischen Vorkommen bestimmter Flechtenarten mit Wintermittelwerten von SO2-Immissionen

ergibt detaillierte Zonenkarten

Aus Thallusgrößen empfindlicher Arten können letztmalige Höchstwerte in den Wintermitteln von SO2 (oder SO2-Äquivalenten) ermittelt werden

Bioindikation mit Flechten – methodische Ansätze samt Auswertung (3)

Ökologischer oder phytosoziologischer Ansatz:

Prinzip: betrachtet Gesellschaften in belasteten Gebieten als „Verarmungsstadien" natürlicher Gesellschaften

Vorgangsweise: Erhebung der Flechtengesellschaften in definierten Aufnahmeflächen (Aufnahmeverfahren nach Braun-Blanquet)

analysiert die ganze Flechtensynusie inklusive von Interaktionen

versucht eine Zonierung des Untersuchungsgebietes nach Gesellschaftsdiversität sowie Verbreitungsgrenzen, Deckungsgrad, Vitalität und Empfindlichkeit einzelner Flechtenarten

Flechtengesellschaften und ihre Toxitoleranz

Bioindikation mit Flechten –methodische Ansätze samt Auswertung (4)

IAP-Methode nach LeBlanc & DeSloover (1970) (IAP = Index of Atmospheric Purity)

untersucht wird die Artmächtigkeit von Flechtenarten, ausgedrückt als Frequenzwert, der meist mittels Frequenzgitter ermittelt wird

Erhebung für IAP Bestimmung: Ermittelt werden mittels 100-Frequenzgitter die in der Aufnahmefläche vorkommenden Arten, deren Deckungsgrad

Das Schweizer Projekt

Herzig & Urech (1991) studieren Flechtenparameter und Immissionen (natürlicher Mix verschiedener atmosphärischer Luftverunreinigungen) im Raum Biel

testen verschiedene IAP-Modelle (20) auf Objektivität und Reproduzierbarkeit (Faktoren: Summe der Begleitarten Q, Frequenz F, Deckung C, Vitalität V, Schädigung S)

> Höchste Korrelation zwischen Luftverunreinigungscocktail (Jahresmittel von 8 Komponenten) und in bestimmter Weise ermittelten Frequenzdaten von epiphytischen Flechten eines reduzierten Sets von 40 Arten mit Indikatorwert) (IAP18)

Bioindikation mit Flechten –methodische Ansätze samt Auswertung (5)

Frequenzbestimmung nach VDI-Richtlinie 3799/1

Grundlage ist die von Herzig & Urech (1991) nachgewiesene direkte Korrelation von Frequenzwerten mit Konzentrationen verschiedener Schadstoffkomponenten

untersucht wird die Artmächtigkeit von Flechtenarten, ausgedrückt als Frequenzwert

Ermittelt werden mittels 10-Frequenzgitter mit Maschenweite 10 cm die Frequenzen der in der Aufnahmefläche vorkommenden Arten (reduzierter Set)

Der Luftgütewert wird errechnet und mit einer vorgegebenen Skala verglichen

Frequenzbestimmung nach VDI-Richtlinie 3799/1

Benötigt werden: Landkarte, Lupe, Maßstab, Busole, Frequenzgitter, Aufnahmeblätter

In der Planungsphase ist zunächst ein Messnetz für das Untersuchungsgebiet festzulegen

in Ballungsräumen empfohlene Messflächen: Quadrate mit 1 km Seitenlänge

Messnetzverdichtungen und -ausdünnungen sind möglich

In jeder Messfläche werden 6 geeignete Bäume auf ihren Flechtenbewuchs untersucht

Bäume sollen möglichst gleichmäßig über das Areal der Messfläche verteilt sein

Bäume sollen freistehend und nicht bis nur wenig geneigt sein, Mindestumfang über 60 cm

Wegen unterschiedlicher Borkeneigenschaften soll möglichst nur an einer Trägerbaumart, jedenfalls nur an einer Trägerbaumgruppe kartiert werden (sauer – mäßig sauer – subneutral)

Baumartengruppen, die gemeinsam als Substrat kartiert werden dürfen

Bäume mit subneutraler Borke: Fraxinus excelsior, Juglans regia, Populus spec., Malus spec.

Bäume mit mäßig saurer Borke: Acer pseudoplatanus, Pyrus communis, Robinia pseudacacia, Tilia cordata

Bäume mit saurer Borke: Alnus glutinosa, Prunus avium, Prunus domestica, Quercus robur, Betula spec.

Frequenzbestimmung nach VDI-Richtlinie 3799/1 (Forts.)

Vorgangsweise

Aufnahme erfolgt an der am stärksten von Flechten bewachsenen Seite des Stammes

Aufnahmegitter wird so angelegt und befestigt, dass seine Unterkante 1 m über dem Boden liegt

Zuerst erfolgt eine vollständige Erfassung der Arten in der Aufnahmefläche

Für die Berechnung der Luftgütewerte werden nur die Arten des Formblattes berücksichtigt

Dann wird notiert, in wie vielen der 10 Felder des Gitters jede Art vorkommt (Frequenzwert jeder Art: 1-10)

Arten, die nur außerhalb in der Nachbarschaft des Gitters vorkommen werden mit Frequenz 1 mitnotiert

Flechten der VDI-Richtlinie

Amandinea punctata, Anaptychia ciliaris, Bryoria fuscescens, Candelaria concolor, Candelariella reflexa/efflorescens, Evernia prunastri, Flavoparmelia caperata, Flavopunctelia flaventior, Hypocenomyce scalaris, Hypogymnia farinacea, Hypogymnia physodes, Hypogymnia tubulosa, Lecanora allophana/argentata/chlarotera, Lecanora carpinea agg., Lecanora conizaeoides, Lecanora expallens, Lecanora hageni agg., Lecanora pulicaris, Lecanora saligna, Lecidella elaeochroma agg., Lepraria spec., Melanelia exasperatula, Melanelia glabra, Melanelia glabratula/elegantula, Melanelia subargentifera, Orcholechia turneri/microstictoides, Parmelia saxatilis, Parmelia sulcata, Parmelina pastillifera, Parmelina tiliacea, Parmeliopsis ambigua, Pertusaria albescens, Pertusaria amara, Pertusaria coccodes, Pertusaria flavida, Pertusaria pertusa agg., Phaeophyscia orbicularis, Phlyctis argena, Physcia adscendens/tenella, Physcia aipolia/stellaris, Physconia distorta, Physconia enteroxantha, Physconia grisea, Physconia perisidiosa, Platismatia glauca, Pleurosticta acetabulum, Pseudevernia furfuracea, Punctelia subrudecta coll., Ramalina farinacea, Ramalina fastigiata, Ramalina fraxinea, Ramalina pollinaria, Usnea spec., Tuckermannopsis chlorophylla, Xanthoria candelaria/fallax, Xanthoria parietina, Xanthoria polycarpa

Frequenzbestimmung nach VDI-Richtlinie 3799/1 (Forts.)

Frequenzsumme des einzelnen Baumes ist die Summe der Einzelfrequenzen der VDI-Flechten

Luftgütewert (LGW) der Messfläche ist der Mittelwert der Frequenzsummen der einzelnen kartierten Bäume (entspricht etwa LDV – lichen diversity value einer EU-Initiative, in prep.)

LGWs werden nach einer Skala bestimmte Farben zugewiesen und können kartographisch dargestellt werden

 

Für eine beispielhafte Umsetzung siehe

http://www.bryologie.uni-bonn.de/deutsch/content/Forschung/Bioindikation/NRW%20Bericht.pdf

 

Bilder der VDI-Flechten und anderer Arten finden Sie auf der homepage von Kollegen Kirschbaum unter http://kmubserv.tg.fh-giessen.de/pm/kirschbaum/ - dort unter F & E

Literatur:
Kirschbaum, U. & Wirth, V. (1995): Flechten erkennen, Luftgüte bestimmen. - Ulmer, Stuttgart, 128 S.

 

Teil 2: Flechten und ökologische Kontinuität in Waldökosystemen

Grundlagen

Wie in anderen Landschaftstypen zeigt sich eine direkte Korrelation zwischen der Intensität des menschlichen Einflusses (Hemerobie) und Artenzahl bestimmter Organismengruppen, bzw. dem Auftreten oder Fehlen bestimmter Arten (Indikator-Arten)

Zahlreiche Studien zeigen > Flechten sind gute Zeiger für die Naturnähe von Waldökosystemen

Methodische Ansätze

Diversität borkenbewohnender Flechten als Indikator für die Naturnähe von Wäldern

Diversität und Häufigkeit von totholzbewohnenden Arten als Indikator für die Naturnähe von Wäldern

IEC (index of ecological continuity), RIEC (revised index of ecological continuity) und NIEC (new index of ecological continuity) nach Rose (1974, 1976, 1992) und Varianten davon

Bewertung von Waldparzellen unter Naturschutzaspekten

Phytomassebestimmungen

Diversität borkenbewohnender Flechten als Indikator für die Naturnähe von Wäldern

Grundlagen: Naturnahe Wälder sind artenreicher an Flechten als Forste. Die Gründe dafür sind :

Holzartenmischung ergibt eine größere pH-Amplitude

Spektrum an Altersklassen läßt Raum für Pionierarten und Spätansiedler

Bestände mit nischenreicher Struktur ermöglicht Ansiedelung/Überleben von Spezialisten

Besonders in der Jugend sind Fichtenforste für Flechten wenig geeignete Standorte. Die Gründe dafür sind:

Lichtmangel

ungünstige Feuchteverhältnisse

Auch in älteren Forsten findet man i.d.R. nur euryöke, weitverbreitete Arten

Maßzahlen für Naturnähe:

Artenzahl pro km2 bzw. ha Wald

Artenzahl pro m2 Stammfläche

Diversität und Häufigkeit von Totholz bewohnenden Arten als Indikator für die Naturnähe von Wäldern

Grundlagen: Totholz ist ein natürlicher Bestandteil naturnaher Wälder und Substrat für zahlreiche, auf bestimmte Abbaustadien spezialisierte Flechtenarten

Arten von Totholz:

Stehendes T. : Stümpfe (stumps), stehende Stämme (snags)

Liegendes T.:

liegende Stämme und dicke Äste (logs)

dünne Äste und Zweige in lichenologischer Hinsicht unbedeutend

Zerfallsstadien von Holz:

Holz unverletzt und hart, Borke ganz / teilweise / nicht vorhanden

Holz teilweise aufgeweicht und teilweise ausgebrochen

Holz aufgeweicht und zerbrochen

Ehemals vorhandenes Holz angezeigt durch Anhäufung von Moder/Mull ohne definiertem Umriß

Maß für die Naturnähe

Absolute Artenzahlen Totholz bewohnender Arten

Auftreten von lignicolen Indikatorarten, diese hauptsächlich auf stehenden Stämmen (Caliciales!)

IEC (index of ecological continuity), RIEC (revised index of ecological continuity)

Entworfen für Großbritannien (Rose 1974, 1976)

Grundlagen: Manche Flechtenarten findet man nur in Waldökosystemen, die über lange Zeit als Wald ohne größere Einschläge (Abholzungen) erhalten geblieben sind

IEC/RIEC-Wert gilt dann als Maßzahl für die ökologische Kontinuität von Waldstandorten (ZBVI-Wälder)

RIEC = n/20 x 100

n = </= 20, Zahl der Arten aus einer Referenzliste von 20 (IEC) bzw. 30 (RIEC) ausgewählten Arten

IEC/RIEC nimmt somit als Maximalwert 100 an = Urwald (old growth forest)

Die Referenzartenlisten für n werden aus vergleichenden Feldstudien von naturnahen Wäldern und naturfernen Forsten in einem Gebiet/in einer Höhenstufe abstrahiert und gelten nur für relativ eng begrenzte Gebiete

IEC / RIEC Arten

Indikatorarten für RIEC in Großbritannien, die auch in Mitteleuropa verwendet werden könnten (c – kollin, m – montan, s – subalpin):

Arthonia didyma (c, m), Catinaria atropurpurea (m), Dimerella lutea (m), Lobaria amplissima (m), Lobaria pulmonaria (c, m), Lobaria scrobiculata (c, m), Megalospora pachycarpa (m), Nephroma laevigatum (m), Pannaria conoplea (m), Parmeliella triptophylla (m, s), Parmotrema crinitum (m), Peltigera collina (c, m), Pyrenula nitida (c, m), Sticta limbata (m), Sticta sylvatica (m), Thelotrema lepadinum (m)

Weitere mögliche Indikatorarten für Mitteleuropa (Auswahl):

Alectoria sarmentosa (m, s), Arthonia leucopellaea (m), Arthothelium spectabile (c), Bactrospora dryina (c), Chaenotheca laevigata (m, s), Cyphelium karelicum (s), Elixia flexella (m, s), Gyalecta ulmi (c, m), Gyalecta truncigena (c, m), Lecanactis abietina (m), Leptogium saturninum (c, m), Lopadium disciforme (m), Loxospora cismonica (m), Mycoblastus affinis (s), Mycoblastus sanguinarius (m, s), Nephroma bellum (m), Nephroma parile (m, s), Nephroma resupinatum (m), Ochrolechia androgyna (m, s), Opegrapha vermicellifera (c, m), Parmotrema chinense (c, m), Pertusaria pupillaris (m, s), Pyrenula nitidella (c), Pyrrhospora elabens (s), Schismatomma pericleum (m, s), Usnea longissima (m)

Beispiele temperater Indikatorarten (1)

Beispiele temperater Indikatorarten (2)

NIEC (new index of ecological continuity)

Entworfen für Großbritannien (Rose 1992)

auf Basis umfangreicher Felderfahrung 70 Arten ausgewählt, die in Wirtschaftswäldern weitgehend oder vollständig fehlen

NIEC ist gleich der Artenzahl aus diesem vorgegebenen Artenkatalog ("Main species"), daher </= 70

Für Fragen der Schutzwürdigkeit werden zusätzlich Punkte für die Präsenz von Arten aus einer Bonus species-Liste vergeben

Die Summe beider ergibt den Wert T

Waldgebiete mit T-Werten < 20 werden als vom lichenologischen Standpunkt aus beschränkt schutzwürdig bzw. nicht schutzwürdig angesehen

ISIFC (indicator species index of forest continuity)

Entworfen für Schweden (Tibell 1992)

fußt auf IEC

auf Basis umfangreicher Vergleichsstudien 20 Arten ausgewählt, die in borealen Forsten weitgehend oder vollständig fehlen

Indikatorarten (C = Arten der Caliciales coll.): Arthonia vinosa, Bacidia igniarii, Calicium adaequatum (C), Catinaria atropurpurea, Chaenotheca laevigata (C), Chaenothecopsis haematopus (C), Chaenothecopsis nana (C), Chaenothecopsis viridialba (C), Cybebe gracilenta (C), Cyphelium karelicum (C), Elixia flexella, Micarea globulosella, Microcalicium arenarium (C), Mycoblastus affinis, Pertusaria pupillaris, Phaeocalicium populneum (C), Pyrrhospora cinnabarina, Pyrrhospora elabens, Schismatomma pericleum, Sclerophora coniophaea (C)

Boreale Indikatorarten

Bewertung von Waldparzellen unter Naturschutzaspekten

Grundlagen: Artenschutz von Kryptogamen ist praktisch nur über Biotopschutz möglich

Viele Arten der Wälder sind selbst in Reinluftgebieten wegen großflächiger Biotopzerstörungen (z.B. Kahlschläge) selten geworden, die Populationszahlen in starkem Rückgang begriffen, viele zumindest regional vom Aussterben bedroht und so manche tatsächlich bereits ausgestorben

Regional gefährdete Arten in Roten Listen aufgeführt (z.B. Rote Liste gefährdeter Pflanzen Österreichs, 2. Aufl.)

Mögliche Maße für die Schutzwürdigkeit:

Auftreten von Arten aus der Roten Liste

Zahl der Rote Liste-Arten in den jeweiligen Gefährdungsstufen

Rote Liste-Index (ITS = index of threatened species nach Tibell (1992): Zuweisung von Punkten an gefährdete Arten, Index definiert als Summe dieser Punktewerte

Bestimmung der Phytomasse

Grundlagen: Manche Lebensformen von Flechten (z.B. epiphytische Blaualgenflechten, alectorioide Flechtenarten) findet man besonders reichlich (hohe Individuenzahl, große Thallusdurchmesser) in Waldökosystemen, die über lange Zeit als Wald ohne größere Einschläge erhalten geblieben sind

Maß für die Naturnähe: deutlich erhöhte Phytomassen (Gewicht / Individuenzahl / Thallusgröße) bestimmter Lebensformen von Flechten gegenüber Forsten mit vergleichbarem Lokalklima

Flechtenarten für Phytomassebestimmungen

Andere sinnvolle Studienobjekte in Wäldern für deren ökologische Bewertung

Struktur des Waldes

Bestandeshöhe und Kronenschluss

Stammklassen

Menge und Klassifikation des Totholzes

wichtig ist CWD (coarse woody debris), weniger bedeutend ist FWD (fine woody debris)

Klassifikationsprinzip: Stümpfe (stumps), stehende Stämme (snags), liegende Stämme und dicke Äste (logs) in unterschiedlichen Abbaustadien

Maßzahlen für Menge: Gesamtvolumen, Einheiten (units), Biomasse

Artendiversität

der Gehölze

der krautigen Arten des Unterwuchses

anderer Indikatorgruppen

z.B. Käfer, u.a.

z.B. Holz abbauende Pilze

Planungsgrundlagen von Feldstudien

Besorgen von Unterlagen

geographische Karte / Luftbild

einschlägige Literatur über des Untersuchungsgebiet (auch Forstliteratur!)

Gestalt der Studienfläche festlegen

Auswahl einer Fläche ohne Randphänomenen (z.B. 1 ha im Inneren eines Waldes)

Transsekt-Studien (Festlegen eines Untersuchungsstreifens, mit kleinen Untersuchungsflächen in bestimmten Abständen)

Festlegen der Untersuchungsgegenstände

Flechten lebender Bäume einzelner Baumarten, davon Stammgrund, unterer Stammabschnitt, Kronenäste

Flechten auf Totholz (Baumart, Totholztyp, Zerfallsstadien)

Vorbereiten von entsprechenden Feldnotizbögen

Utensilien für Geländearbeit

Landkarte / Luftbild

Lupe

Sammelmesser, Stemmeisen, Hammer

Papiersackerl groß, Papiersackerl klein (Vorrat!)

Schreibunterlage, Schreibzeug (Bleistifte), Aufnahmeformulare (Vorrat!)

Maßband, Rollmaß, Geodreieck (als Hilfsmittel für die Ermittlung von Baumhöhen)

Kompass mit Hangwaage, Höhenmesser, allenfalls GPS

für Transektstudien

lange Schnur (100 m bzw. 200 m)

Holzpflöcke, einer mit Radiusschnur

Frequenzgitter + Gummizug

Pin-Nadeln + Plastikstreifen

Holzbohrer für Altersbestimmung

Einführende Literatur:

Nimis, PL/ Scheidegger, C/ Wolseley, PA (eds.) 2002: Monitoring with Lichens - monitoring lichens. - NATO Science Series. IV. Earth and Environmental Sciences, 7, Kluwer Academic Publishers, Dordrecht, The Netherlands. 408 pp.
 

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last modified: 9.4.2006