Die Kurzlebigkeit von Informationen ist zum nicht mehr hinterfragten Klischee, die „Halbwertszeit“ (ein Begriff aus der Atomphysik) des Wissens ist zum anscheinend unverrückbaren Dogma geworden . . . dabei handelt es sich nur um eine Eigenschaft einer Eigenschaft des Wissens. Nur wenn man - entgegen jeder Erfahrung - Wissen auf seinen Warencharakter reduziert, macht die Wertung alt-neu, unverkäuflich-verkäuflich einen Sinn. Wissen, Ideen und Informationen sind aber höchst merkwürdige Besitztümer mit ganz anderen Eigenschaften als zum Beispiel Güter, Waren oder auch geheime Botschaften. Gibt man Wissen weiter, bleibt es natürlich auch im Besitz dessen, der es weitergab, Wissen wächst bei der Weitergabe, die Existenz von Wissen oder auch bloß die Vermutung seiner Existenz wirkt wie ein geheimnisvoller Magnetismus. Erklärt sich so der magische Reiz der großen Enzyklopädien? In denen man alles findet, jede Konsultation schnell zum Ziel führt, oder ist es vielleicht doch die leicht surreale Anordnung der Lemmata nach dem Alphabet, dass aus den zufällig aneinandergereihten Wissenspartikeln ein lesbarer Kontext wird, der zum Schmökern verlockt? Wenn z. B. auf „Mistbeet“ „Mitgift“ folgt (natürlich in einem „Frauenzimmer-Lexikon“). Die unwissenschaftliche Zerstückung des Wissens in kleine alphabetische Häppchen suggeriert eine absolute Gleichwertigkeit dieser Wissenspartikel, suggeriert den leichten Zugang – doch was soll man fragen? Bücher kann man unter vielen anderen Büchern unauffindbar verstecken – ebenso wie Wissen hinter Wissen verborgen werden kann. Diderot versteckte seine Philosophie hinter dem Lemma „néant“ : nichts . . . und prompt entging diese heiße Ware den suchenden Augen der Zensoren. Enzyklopädien, die alles vorhandene Wissen zusammenfassen und repräsentieren wollen, hat es immer gegeben, auch im Mittelalter und in der Neuzeit. Das vermutlich umfangreichste Lexikon überhaupt ist eine mittelalterliche chinesische Enzyklopädie Yung-lo-ta-tien mit mehr als 11.000 Bänden. Im europäischen Kulturkreis ist die griechische Suda (= Bollwerk des Wissens), abgefasst 1000 nach Chr. in Byzanz, ein einzigartiges Dokument der antik-mittelalterlichen Lexigraphie. Mit dem Buchdruck beginnt eine neue Blüte dieser Wissensmaschinen, das letzte Werk, das Johannes Gutenberg vor seinem Tode druckte, war eine Art Sachwörterbuch eines gewissen Johannes Balbus, genannt Catholicon, das erste in einer langen Reihe von gedruckten Nachschlagewerken. Vorerst meistens systematisch geordnet, wie Gregor Reischs erfolgreiche Margarita philosophica (Perle des Wissens), bald aber auch alphabetisch angelegt, wie die Florilegien des Domenico Nani Mirabelli und des Theodor Zwinger. Die Enzyklopädien des 15.-17. Jahrhundert waren noch sehr stark dem Bildungskanon von Antike und Mittelalter verhaftet, in der Regel in Latein abgefasst und für die Bildungselite konzipiert. Einen Durchbruch stellte dann der französisch abgefasste Dictionnaire des Louis Moréri dar, der trotz seiner offenkundigen Mängel zahlreiche Auflagen erlebte. Damit beginnt die Reihe der Enzyklopädien in modernen Sprachen, denn Pierre Bayle, ergrimmt über Moréri, schrieb seinen kritisch-aufklärerischen Dictionnaire, eine Art Anti-Enzyklopädie, natürlich auch auf Französisch. Er wurde ein paar Jahrzehnte später von Gottsched und seiner Frau ins Deutsche übertragen (und natürlich „entschärft“). Die monumentalste deutschsprachige Enzyklopädie, die etwa zur gleichen Zeit erschien, der „Zedler“, wirkt dagegen mit seinem abundanten Faktenreichtum altmodisch und verzopft. Der Höhepunkt der Entwicklung bleibt aber die berühmteste aller Enzyklopädien von Denis Diderot und Jean le Rond d'Alembert, die das vorhandene Wissen nicht nur komplett sammeln, sondern diese Fülle auch bewältigen wollten. Sie schufen einen neuen Kanon des Wissens, wie Diderot in seinem „Prospectus“ ausführte: . . . bei der lexikalischen Zusammenfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört, muss es darum gehen, deren gegenseitige Verflechtungen sichtbar zu machen, und mit Hilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrundeliegenden Prinzipien genauer zu erfassen und die Konsequenzen klarer herauszustellen; es geht darum, die entfernteren und näheren Beziehungen der Dinge aufzuzeigen, aus denen die Natur besteht und die die Menschen beschäftigt haben, ... ein allgemeines Bild der Anstrengungen des menschlichen Geistes auf allen Gebieten und in allen Jahrhunderten zu entwerfen . . Der Ruhm und die Bedeutung der Diderot’schen Enzyklopädie verdeckt den durch sie ausgelösten ungeheuren Erfolg der ganzen Buchgattung – abgesehen von den zahllosen illegalen Nachdrucken und Bearbeitungen der großen Enzyklopädie (das Verlagsgeschäft des 18. Jahrhunderts!) erschien eine Unzahl von weiteren Nachschlagwerken, heute meist unbekannt und ungenützt, spezialisiert auf Geographie, den Handel, den Haushalt, Warenkunde u. a. m. Diese Schätze in der Universitätsbibliothek besser sichtbar und nutzbar zu machen, haben wir eine Überblicksliste zusammengestellt, die wir natürlich auch noch weiter ergänzen und ausbauen werden – noch sind lange nicht alle Schätze entdeckt. Wir wollen unser Wissen teilen und so vermehren. Wissen hat keine Nullsummen-Eigenschaften. Im Gegenteil, Wissen ist ein Positivsummenspiel: alle können gewinnen. Für viele Bereiche des Lebens ist es durchaus sinnvoll, Wachstumsgrenzen zu setzen; für das Wissen hingegen scheint das nicht zu gelten. Dem Wachstum des Wissens sind praktisch keine Grenzen gesetzt. Hans Zotter | 
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