"Ein anderes ist es, ein lebendiges Bild der europäischen Japankenntnis zu zeigen, die sich ja nicht in solchen strengen Linien vollzieht, sondern durch das bunte (zum Teil durchaus kunterbunte) Treiben der voneinander abschreibenden, eigene und fremde Vorurteile fort- und festschreibenden oder auch die bekannten Fakten durch neue Fragestellungen auf eine höhere Ebene führenden Autoren überhaupt erst zustandekommt, wobei keineswegs die Richtigkeit der Fakten, deren Neuheit oder die Stringenz des Urteils allein entscheidend dafür ist, was von nachfolgenden Generationen übernommen wird." Peter Kapitza Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde der westlichen Hemisphäre die Bedeutung Asiens für die weltpolitischen Fragen bewußt. Bis dahin haftete, nach europäischem Verständnis dem fernen Orient ein exotischer Mythos an. Außergewöhnlicher Wagemut trieb einzelne Abenteurer schon seit der Antike bis in die, aus ihrer Perspektive gesehen, entlegensten Winkel des Globus. Die beeindruckende Kunde fremder Kulturen beflügelte die Phantasie und die Neugierde der Zurückgebliebenen; aber spätestens seit den Berichten der Familie Polo war bekannt, daß es eine noch viel geheimnisvollere Welt gäbe, nämlich das sagenhafte, hermetische Inselreich Zipangu (Japan). Die ersten Europäer, die regelmäßig über das Meer in das Kaiserreich gelangten, waren die Portugiesen, die Holländer und bald darauf die Jesuitenmissionare. Einer ihrer berühmtesten, Franz Xaver, sandte 1552 zwei getaufte Japaner, Matteo und Bernardo zum heiligen Vater nach Rom. Seit dem Beginn der sogenannten missionarischen Bemühungen, bis hin zur Gefangennahme des Vassily Mikhailovich Golovnin, war die Vermittlung abstrakten Wissens über Japan immer auch mit den Schicksalen einzelner Persönlichkeiten wie etwa Joáo Rodrigues oder William Adams verbunden. Manche von ihnen gelangten zu großem Reichtum, die meisten wurden jedoch Opfer gegenseitigen Unverständnisses. Während die von den Seefahrern und Kaufleuten, die oftmals den Eindruck unhygienischer Barbaren hinterließen, vermittelten Kenntnisse interessiert aufgenommen wurden, sah man im monotheistischen Christentum eine politische Gefahr; schwere Auseinandersetzungen waren die Folge und das Bakufu (militär. Zentralregierung) begann gegen 1600 mit der Abschließung des Landes. Die anfänglich recht großzügige Behandlung der Ausländer wich einer strengen Kontrolle und Überwachung. Die wenigen, geduldeten Fremden mußten ihre Niederlassungen im Landesinneren auflassen und auf eine kleine, künstlich aufgeschüttete Insel (Deshima) vor der Bucht von Nagasaki ziehen. Die breite japanische Bevölkerung vergaß Europa, das "literarische" Europa jedoch nicht jenes geheimnisvolle Land im Osten. Erst mit der gewaltsamen Öffnung Japans durch amerikanische Kriegsschiffe in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde man sich über den eigenen (kriegs-) technologischen Rückstand klar und schnell wurden erste Schritte zur Modernisierung eingeleitet. Die Ausstellung zeigt anhand älterer Werke, wie zum Beispiel dem "Amoenitatum Exoticarum" des Engelbert Kämpfer von 1712, und jüngeren Bild- und Textdokumenten, wie zum Beispiel der "Reise um die Erde nach Japan" von Wilhelm Heine von 1856, die variierenden jedoch überwiegend tendenziösen Perspektiven des europäischen Blicks nach dem fernen Osten. Aus den reichhaltigen Beständen der Universitätsbibliothek Graz sind des weiteren Kupferstiche und Lithographien zu sehen, die Genredarstellungen, Kostüme und Kunstgegenstände aus dem japanischen Alltagsleben zeigen. Highlight der Ausstellung ist aber ein Unikat ersten Ranges, nämlich die aus acht Bänden bestehende, reichhaltig illustrierte Handschrift von Johann Stephan Keil, die japanische Landesgeschichte, Geographie, Medizin (Akupunktur, Moxakunde), Botanik und Kulturgeschichte betreffend, aus dem Zimelientresor der Abteilung für Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Graz. Es handelt sich bei diesem Manuskript um eine Kompilation aus verschiedensten älteren Quellen, denn Herr Keil, ein Kind des 18. Jahrhunderts, konnte das Land seiner Träume nie selbst besuchen. |