Präambel Vor fünfzehn Jahren, im Dezember 1984, gestalteten Heidi und Hans Zotter und die Mitarbeiter der Abteilung für Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Graz eine Ausstellung zum Thema: "Das Kind als Leser. Märchen und Geschichten, Wissenswertes und Erbauliches aus verschiedenen Jahrhunderten." Es war dies ein Beitrag zum Jahr des Kindes, das die UNESCO für 1985 ausrief. Ja, so lange ist das schon her. Schwerpunkt der Ausstellung war es, die Entwicklungslinie des Kinderbuches als spezifische Literaturgattung, samt ihren diversen Verzweigungen, nachzuzeichnen. Vom "Lucidarius" aus dem Jahre 1482 über eine Ausgabe des "orbis sensualium pictus quadrilinguis" des tschechischen Reformpdagogen Johann Amos Comenius (1592-1670) aus dem Jahre 1679 bis hin zu den Erbauungs- und Abenteuergeschichten des Joachim Heinrich Campe (1746-1818) spannte sich der bunte Bogen der dargebotenen Werke. Wir erinnern uns noch gut daran, wie erstaunt wir damals über den reichen Fang an Literatur für Kinder waren, den wir aus den Magazinen der Universitätsbibliothek Graz zogen. Diese Ausstellung nun versteht sich gewissermaßen als Weiterführung der oben genannten, vor allem was die Prsentation an nicht nur historisch wertvollen Zimelien aus der im entstehen befindlichen Spezialsammlung für Kinder- und Jugendbücher betrifft. Autonomie beansprucht sie hingegen, was ihre Zielsetzung anbelangt: sie versucht den Spagat zwischen der Bemühung, einen nicht allzusehr subjektiv gefräbten Querschnitt durch die sentimentale, bebilderte Bücherwelt für das junge und junggebliebene Gemüt zu bieten und dem Bestreben, in den begleitenden Legenden dennoch informativ und unterhaltend zu sein. Es war dem Ausstellungsgestalter auf Kosten einer dieserorts ohnehin nicht anzustrebenden zwanghaften Vollständigkeit ein Anliegen, dem geneigten Betrachter nach Möglichkeit keine schon gezeigten Exponate vor Augen zu führen. Kostbare Kinderbücher aus den Bestnden der Universitätsbibliothek GrazIntroductio Sie sind unumstritten beliebt: illustrierte Kinderbücher, Bilderbücher und neuerdings animierte CD-ROMs.Virtuelle Welten sind uns heute selbstverständlich, aber schon lange vor der computergenerierten Bilderflut regten kleine Kunstwerke die Phantasie von Generationen romantischer Geister an. Was unseren Großeltern, Eltern und vielleicht auch uns noch gefallen hat, rückt jedoch in Vergessenheit oder wird gar als unzeitgemäß abgelehnt. Haben die alten Geschichten und Bilder ihre Kraft verloren? Schon der Verfasser des "orbis pictus" (s.o.) vor mehr als dreihundert Jahren war sich über die Bedeutung des Bildes für das Kind bewußt. Illustrationen erläutern, informieren, provozieren, veranschaulichen, helfen beim Verstehen, wirken auf vielfältige Weise und dienen nicht selten ideologischen Strömungen. Gerade dieser letzte Punkt wird uns schaurig-eindrucksvoll bei der Betrachtung des "Bumster Nazi" (einer Beigabe für Kinder im "Kleinen Volksblatt") demonstriert. Für manche der darin enthaltenen Bilderstories ist der Vorwurf des Rassismus noch eine Schmeichelei. Nicht zuletzt deswegen ist das Büchlein aus den vierziger Jahren von kulturhistorischem Wert. Ähnliches gilt auch für den zu seiner Zeit vielgelesenen "Hatschi Bratschi Luftballon" des Grafen Ginzkey. Mindestens ebenso drastisch in der Darstellung, wenn auch auf andere Art, sind Hoffmanns "Struwwelpeter" (gezeigt wird ein Reprint der Ausgabe von 1891) und die besonders wertvolle, gerade im Rahmen der Recherchen für diese Ausstellung "wiedergefundene" Erstausgabe von Collodis: "Le avventure di Pinocchio". Die Bilder Joseph Hämards zum: "Krieg der Knöpfe" von Louis Pergaud in einer seltenen, besonders aufwendig gestalteten Edition lassen vor Lachen kein Auge trocken. Aber nicht nur inhaltlich, sondern auch formal, sei es nun als Scherenschnitt, als Lithographie, als Kupferstich oder Holzschnitt berraschen die Exponate durch ihre Vielfalt. Illustrationen sind in Kinder- und Jugendbüchern, ausgenommen in reinen Bildergeschichten, jedoch meist eine Zugabe und können deren Inhalt und Sinn bereichern oder auch verzerren. Wir müssen erst Abstand gewinnen, vielleicht erwachsen werden, um die speziellen Funktionen, denen sie unterworfen sind, zu erkennen. Trotzdem, fallen wir nicht auch heute gerne noch, freiwillig oder nicht, beim Betrachten dieser Kleinode in sentimentale Lesewelten? |