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Das Kind als Leser

Ausstellung an der Universitätsbibliothek Graz 1984
gestaltet von Hans und Heidi Zotter

Der Begriff "Kinderbuch" löst viele Vorstellungen und Erwartungen aus; die Assoziationen laufen meist in die Richtung der eigenen Buchererfahrungen im Kindesalter. Aber "Kinderbuch" das ist viel mehr, viel komplexer, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Durchaus mit Absicht wurde das Wort "Kinderbuch" nicht im Titel der Ausstellung verwendet, um keine einseitigen Erwartungen, zum Beispiel in Richtung "Bilderbuch" zu erwecken. Damit aber kein Besucher, der sich solches erwartet, enttäuscht die Ausstellung verlässt, haben wir eine kleine Parallelausstellung eingerichtet, in welcher Bilderbücher und ähnliches aus dem 20. Jahrhundert gezeigt werden.

Was ist das nun eigentlich, ein "Kinderbuch"ä Vergleicht man die Meinungen der Fachautoren, wird man nicht unbedingt klüger, denn die Aussagen und Definitionen klaffen arg auseinander. Überhaupt steckt die Erforschung des "Kinderbuches" in vieler Hinsicht noch in den Kinderschuhen. Einerseits wurde es als "triviale" Literatur von der Literaturgeschichte lange vernachlässigt, andererseits ist der Nachweis des Vorhandenen nicht leicht durchführbar. Kinderbücher, seien sie zur Unterhaltung oder für die Schule bestimmt, waren immer Verbrauchsgut: unter dem liebevoll - kräftigen Zugriff unzähliger Kindergenerationen verschwand mancher Titel, ja ganze Auflagen auf Nimmerwiedersehen. Alte Kinderbücher sind ausgesprochene Raritäten, auch in großen Bibliotheken nicht immer auffindbar; die Seltenheit und die große Nachfrage von Liebhaberseite machen sie zu schützenswerten Zimelien. So entstanden an großen Bibliotheken eigene Abteilungen für Kinderbücher - die berühmteste ist wohl die Sammlung der Berliner Staatsbibliothek - die nur den Forschern zugänglich sind. Kinder sind als Benutzer nicht erwünscht: zu heikel sind diese Raritäten für Kinderhände. Doch voreilige Empörung ist nicht angebracht: so reizvoll und anziehend diese Bücher sind, entsprechen sie in keinem Falle dem, was man heutzutage als "kindgemäße" Literatur ansehen würde.

Wir haben uns zu dieser Ausstellung entschlossen, um einen Beitrag zum "Jahr des Kindes", das die UNESCO für 1985 ausgerufen hat, zu leisten. Darüber hinaus wollten wir den Angehörigen der Universität wie auch dem Grazer Publikum vor Augen führen was für Schätze, kaum benutzt (weil auch kaum bekannt), in den Magazinen der Universitätsbibliothek ruhen. Wie schon bei der Kochbuchausstellung vor etlichen Jahren machten wir die Erfahrung, dass die Universitätsbibliothek ungewöhnlich große Bestände in Bereichen hat, die man nicht unbedingt erwarten würde: so auch bei den Kinderbüchern. Es war diesmal eine besonders harte Entscheidung, was für die wenigen Vitrinen ausgewählt werden sollte - die ganze Breite des vorhandenen Materials zu präsentieren, ist unmöglich; so beschränkten wir uns auf einige wenige Schwerpunkte, die aber dann mit mehreren Exponaten dokumentiert wurden.

Die Ausstellung ist dreiteilig angelegt: als erste Gruppe kommen belletristische Schriften, die in der Hauptsache der Unterhaltung und Zerstreuung dienten; als zweite Abteilung wählten wir die sogenannten Moral- und Tugendbüchlein, die als Gruppe nicht leicht zu definieren sind. Einerseits in der Belletristik verhaftet, tritt andererseits der didaktische Charakter deutlich hervor, so dass die Abgrenzung zu den Büchern für Schule und Bildung, der dritten Gruppe, Probleme aufwirft.

Diese Dreiteilung wurde nach rein pragmatischen Gesichtspunkten vorgenommen - eine theoretisch fundierte Ordnung würden auch Fachleute nur nach längerem Nachdenken zustande bringen. Die Gruppe "Unterhaltende Schriften" ist wiederum zweigeteilt: Märchen und Bearbeitungen von Weltliteratur für Kinder. Sowohl Märchensammlungen, wie auch Werke wie Gulliver oder Robinson waren ursprünglich nicht für Kinder gedacht. Sie sind erst allmählich zur "Kinderliteratur" geworden, was nicht ohne mancherlei Verstümmelung abging. Zeigen die alten Märchensammlungen wie zum Beispiel Tausendundeine Nacht, Straparolas und Basiles Bücher noch unzensierte, urtümlich-drastische Erzählungen, in denen nichts von den natürlichen - für spätere Zeiten aber "unaussprechlichen" - Dingen des Lebens fehlt, beginnt etwa mit Perrault eine Entwicklung, das Märchen zu entschärfen und als harmlos-anheimelnde Erzählung für das Kinderzimmer zu adaptieren. Besonders die deutschen Märchensammler und Erzähler haben sich um "jugendfreie" Versionen verdient gemacht. Dass dennoch vieles von der ursprünglichen Grausamkeit stehen blieb und manche nicht erkannte Anspielung erotischer Natur übersehen wurde, ist auch heute nicht jedem Leser klar. Zu sehr hat die Verharmlosungstendenz um sich gegriffen; auch andere literarische Sparten, wie Sagen oder Fabeln, wurden kurzerhand als "Märchen" bearbeitet und so des ursprünglichen Kontextes beraubt.

Ähnlich arg sprang man mit vielen Werken der Weltliteratur um, die man durch rigoroses Kürzen und Verändern der ursprünglichen Brisanz entkleidete. Nur wenige Beispiele seien hier präsentiert: Äsops Fabeln, Sadi's Rosengarten, Defoes Robinson, die Robinsonaden anderer Autoren und Swifts Gulliver. Bei Aesop (der für nunmehr 2500 Jahre europäische Fabeltradition steht) und Sadi ist der pädagogische Aspekt von Anfang an beabsichtigt gewesen; beim "Robinson" wurde die Verwendbarkeit erst nachträglich entdeckt (Rousseau) und von besserwisserischen Pädagogen zu Tode bearbeitet. Die Qualitäten des Originals, der poetische Reiz des Inselmotivs, wurden von Generationen von Schulmeistern plattgewalzt und mit moralischen Maximen gepflastert. Was Wunder, dass heute keiner mehr die Bearbeitungen kennt und die Originalversion die allein herrschende ist.

Besonders grotesk war das Missverständnis bei Swifts Gulliver. Als beißende politische Satire im märchenhaften Gewande gedacht, blieb nach der Bearbeitung nur das Gewand über - bis heute. Nur Fachleute kennen das 3. und 4. Buch des Gulliver, die wegen ihrer pessimistischen und menschenfeindlichen Tendenzen keinem Kinde zugemutet wurden. Die Liste "ungeeigneter" Werke, die zu "Kinderlektüre" verharmlost wurden, ist noch länger, man denke etwa an Don Quixote, oder die Werke Coopers, die in kompletten Ausgaben erst in den letzten Jahren erschienen - trotz, oder wegen? - der großen Beliebtheit bei der Jugend.

Allein bei dieser ersten Abteilung könnte aus den Beständen der Universitätsbibliothek noch so vieles beigefügt werden, dass daraus eine eigene Ausstellung entstünde - dabei handelt es sich um "unechte" Kinderbücher, weil die ursprüngliche Konzeption das Kind als Leser nicht vorsah.

In der zweiten Abteilung liegen die Verhältnisse etwas komplizierter. Schon eine einheitliche Überschrift über dieses Kapitel fiele uns schwer. Jedenfalls erscheint in dieser Gruppe unterhaltende Literatur, für Kinder konzipiert, mit mehr oder minder deutlich ausformulierter Erziehungsabsicht, wobei die moralisch-sittliche Bildung im Vordergrund steht. Diese Absichten klangen etwa auch schon bei Sadi an - aber im Gegensatz zu den Autoren der 2. Abteilung ist er zweifellos zur Weltliteratur zu zählen.

Den Anfang macht Fenelon: er dichtete die Odyssee ein Stück weiter, um am Beispiel Telemachs ein Muster für die jungen Prinzen, die er zu erziehen hatte, zu besitzen. Man missverstand (oder begriff sehr gut) die pädagogische Schrift als politischen Angriff auf den Absolutismus, was zwar dem Autor nicht gut bekam, aber mit einer der Gründe für den weit über den Tod Fenelons hinaus wirkenden Erfolg war. Auch Madame Le Prince de Beaumont ist eine Pionierin der Jugendliteratur, speziell der Mädchenliteratur. Wenngleich sie keineswegs am herrschenden Gesellschaftssystem rüttelt, kämpft sie mit Vehemenz für die Verstandes- und Persönlichkeitsbildung der Mädchen und der jungen Frauen. Auch erscheint bei ihr zum erstenmal das Prinzip, durch abwechslungsreiche Darbietung das Interesse des Kindes anzuregen, es nicht zu drillen, sondern zu eigener Verstandes- und Erkenntnisleistung zu bringen.

Die deutsche Aufklärung brachte eine ganze Reihe großer Pädagogen hervor, die sowohl im Bereich der unterhaltenden Schriften mit erzieherischer Tendenz wie auch in dem der reinen Schulbücher tätig wurden. Campe begegneten wir schon als Robinson-Bearbeiter; Salzmann wurde zuerst mit seinen "Unterhaltungen für Kinder und Kinderfreunde" populär. Er konzipierte seine Schriften stets als unterhaltsamen Lesestoff, so dass zum Beispiel sein "Moralisches Elementarwerk" trotz des einschüchternden Titels angenehm zu lesen ist - er empfiehlt, das Buch nur zum Vorlesen zu benutzen, da die Kinder es sonst auf einmal verschlingen würden. Dem heutigen Leser bieten diese Autoren der Aufklärung neben vielen verblüffend modern anmutenden Aussagen auch unsäglich Verzopftes und Antiquiertes.

Neben diesen Zelebritäten der Erziehungsgeschichte werden etliche Epigonen ausgestellt, welche die von den beiden vorgegebenen Konzepte weiterbearbeiten. Einige von ihnen waren zu ihrer Zeit vielgelesene und beliebte Autoren wie zum Beispiel Christoph von Schmid, bei dem der pädagogische Impetus der Aufklärung schon biedermeierlich verniedlicht und in altgewohnte Bahnen umgeleitet erscheint. Trotz des immensen Erfolges zu seiner Zeit, sind Schmids Schriften heute nicht mehr lesbar.

In der dritten Gruppe "Bücher für Bildung und Schule" haben wir das Prinzip einer systematischen Ordnung dem chronologischen vorgezogen. Am stärksten vertreten sind Bücher von der Mitte des 18. Jahrhunderts - also beginnend mit der Aufklärung - bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Bis ins 18. Jahrhundert waren ja auch gedruckte Bücher nur einem kleinen Kreis von Gebildeten und Gelehrten zugänglich, ausgenommen Bibel und Katechismus, die als "Heilige Bücher", aber auch als erste und einzige Lesebücher einen größeren Leserkreis erreichten.

Mit der Aufklärung setzten in ganz Europa Reformbestrebungen in Richtung eines vom Staat getragenen Schulwesens ein; von den deutschen Vertretern der Pädagogik der Aufklärung sind Rochow und Gottsched zu nennen, besonders aber der Kreis der Philanthropisten (auch Philanthropinisten): hierher gehören Basedow, Campe, Salzmann, Gutsmuths, Villaume und Gedike, die durch eigene pädagogische Experimente und ihre theoretischen und didaktischen Schriften pädagogische Pionierarbeit geleistet haben. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch der preußische Minister Freiherr von Zedlitz, der von Friedrich II. beauftragt, die preußische Schulreform einleitete und in manchen Bereichen den rückständigen Monarchen überholte.

In der ersten Unterabteilung befinden sich Werke allgemeiner Unterrichtung: ein deutscher "Lucidarius" eines anonymen Verfassers in einem Druck aus dem Jahre 1482, der "Orbis pictus" des tschechischen Reformpädagogen Jan Amos Comenius (Pansophismus) und das "Elementarwerk" von Johann Bernhard Basedow verdienen besondere Erwähnung.

Die nächste Untergruppe präsentiert Fibeln, die zum Teil als Pflichtstücke in den Besitz der Universitätsbibliothek gelangt sein dürften. Sie verkörpern ein Stückchen politische und kulturelle Geschichte Österreichs im 19. Jahrhundert: neben den deutschsprachigen Exemplaren findet sich eine hebräische und eine slowenische Fibel; mit einer Lesefibel für taubstumme Kinder wurde das Anliegen an die Lehrer herangetragen, normalhörende Kinder gemeinsam mit taubstummen zu unterrichten. Es folgen Lesebücher und Lehrbücher für die deutsche und lateinische Sprache - letztere war lange Zeit die wichtigste Grundlage aller Bildung. Auch in dieser Gruppe gibt es zwei Besonderheiten: ein Blatt einer Handschrift der Grammatik des Aelius Donatus aus der Zeit um 1400 und die "Janua linguarum reserata", des Comenius.

Unter den Religionsbüchern fällt Markus Eschenlohers Büchlein "Kinderlehren" auf, ein ziemlich unbekannter Vorläufer der Kinder-Katechismen des 19. Jahrhunderts.

Es folgen die Gruppen Geschichte, Naturgeschichte Geographie, sowie Spiel und Sport; hier sind vor allem die bereits genannten Pädagogen der Aufklärung vertreten. Besonders ans Herz gewachsen ist uns jedoch der Benediktinerpater Anselm Desing; die Lektüre seiner beiden hier vertretenen Werke "Universal-Historie" und "Schul-Geographie" hat den manchmal doch recht trockenen Ton anderer Pädagogen vergessen lassen. Lange vor den Theorien der Aufklärung war ihm bewusst, dass Kinder Spaß haben müssen beim Lernen; sein farbiger Stil macht ihn besonders liebenswert - er könnte es auch als Lehrer gewesen sein.

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