Tagungsauftritte für Studierende 
im Rahmen des Forschungskolloquiums Systematische Musikwissenschaft
Richard Parncutt 2009-2012

Der Besuch einer internationalen Fachtagung gehört zu den spannendsten Erlebnissen eines universitären Studiums. Studierende erleben wie "Wissen" tatsächlich "geschaffen" wird.  Denn manche Ideen, die auf Tagungen entstehen oder zum ersten Mal präsentiert werden, werden im Lauf der Zeit als "Wissen" akzeptiert; andere werden abgelehnt oder vergessen.  Auf Tagungen kommen Studierende mit Menschen aus verschiedenen Ländern in Kontakt, die dabei sind, wesentliche aktuelle Forschungsfragen zu stellen. Studierende erleben eine Vielfalt an wissenschaftlichen Ansätzen, Meinungen und Persönlichkeiten. Sie haben die Möglichkeit, zur Entwicklung der Wissenschaft beizutragen.

Informationen zu Tagungen im Bereich der Systematischen Musikwissenschaft:

Nachdem eine Dissertation einen Beitrag zur internationalen Wissenschaft leisten soll, empfieht es sich, vor der Einreichung ein Referat auf einer internationalen Fachtagung abzuhalten bzw. einen Artikel bei einer internationalen referierten Fachzeitschrift einzureichen. Auch im Rahmen eines Masterstudiums kann ein Abstract bei einer Fachtagung einreicht werden: im Leitbild der Uni Graz heißt es: Im "Sinne einer forschungsgeleiteten Lehre binden wir unsere Studierenden in die Forschung ein." Infrage kommen alle Fachtagungen im Themenbereich der Arbeit (z.B. in der Musikpsychologie). Besonders interessant sind Tagung und Zeitschriften, die von Forschungsstudierenden für Forschungsstudierende organisiert werden, wie z.B. SysMus, ÖGMw Junge Muwi, DVSM, BPG.

Hauptziel wissenschaftliche Qualität. Empfehlenswert sind Fachtagungen mit guten Begutachtungsverfahren (Qualitätskontrolle durch anonyme ExpertInnen). Die Annahme eines studentischen Referats auf einer solchen Tagung kann als vorläufigen Beweis für wissenschaftliche Qualität betrachtet werden. Stellen Sie sich vor, Sie halten ein Referat auf einer solchen Tagung und mehrere internationale ExpertInnen reden mit Ihnen anschließend über den Inhalt.  Schreiben Sie dann eine Masterarbeit zum gleichen Thema, ist der Erfolg der Arbeit quasi im Voraus gesichert. 

Vorteile für den/die Student/in eines Tagungsauftrittes

Arbeitsaufwand. Ein Tagungsauftritt muss nicht bedeuten, dass Sie mehr als andere Studierende arbeiten. Es kann auch umgekehrt sein: indem Sie ein Abstract einreichen und ein Referat in 20 Minuten präsentieren, lernen Sie, sich kurzzufassen. Der Inhalt der Masterarbeit kann ähnlich sein wie der Inhalt des Referats. Die Arbeit ist nur ausführlicher und die Gliederung kann im wesentlichen gleich bleiben. Das gilt unabhängig davon, ob Sie die Arbeit auf Deutsch oder Englisch schreiben. Nach einem englischsprachigen Tagungsauftritt sind Sie besser in der Lage, eine Arbeit auf Englisch zu fassen, was Ihre Englischkenntnisse auf ein hohes Niveau bringt (mehr). (Eine Masterarbeit soll in einem Zeitraum von insgesamt sechs Monaten zu bewältigen sein. Dazu zählen alle Vorbereitungen wie z.B. die Literatursuche, die Planung und Durchführung einer empirischen Untersuchung und ein möglicher Tagungsauftritt. Wer nebenbei arbeitet, braucht freilich länger.)

Relevanz eines Tagungsreferats für die Benotung einer Abschlussarbeit. Um für eine Masterarbeit die Note "1" (sehr gut) zu bekommen, ist es nicht nötig, Inhalte auf einer Tagung zu präsentieren. In einer Empfehlung des Fakultätskollegiums betreffend die Vorgangsweise bezüglich der Diplomarbeiten an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der KFUG aus dem Jahr 2002 heißt es allerdings, dass "die Note 'sehr gut' nur für herausragende Arbeiten vergeben (wird), deren wissenschaftliche Publikation in ihrer Gesamtheit oder in gekürzter Form der Gutachter für würdig erachtet und ggf. unterstützen würde." Wer zeigen will, dass ihre/seine Masterarbeit publizierbare Inhalte hat, präsentiert am besten diese Inhalte auf einer Tagung mit einem guten Kreutzgutachtungsverfahren.

Anrechnung von Tagungsauftritten. Es ist prinzipiell möglich, Tagungsauftritte gegen LVn anzurechnen (z.B. ein Referat oder Poster = 1 Semesterwochestunde). Das ist empfehlenswert, weil kein Curriculum Interaktionen auf gleicher Augenhöhe mit verschiedenen internationalen ExpertInnen bieten kann. Nach Auskunft am 13.2.07 vom damaligen Gewi-Studiendekan Aigner möchte der Vizerektor für Lehre jeden einzelnen Fall entschieden haben und ggf. prüfen, ob eine bei einem Kongress erbrachte Leistung als Ersatz für eine Lehrveranstaltung mit dazu gehörender Prüfung gewertet werden kann (mit entsprechender ECTS-Punktezahl bzw. Stundentransfer). Eine generelle Ersatzregelung (LV für Kongressauftritt) ist vorläufig nicht vorgesehen. Es wird auf den herkömmlichen Anrechnungsweg für auswärts erbrachte Leistungen verwiesen (Antrag an Cuko-Vorsitzende + Dienstweg).

Finanzierung. Bei der Gewi-Fakultät kann man ein Förderungsstipendium beantragen. Das Land Steiermark kann unter Umständen Kosten übernehmen. Man erwartet im Übrigen nicht nur, dass Sie ein Referat abhalten oder Poster präsentieren, sondern auch, dass Sie die ganze Tagung besuchen. Sie werden selbstverständlich auch viele persönlichen Kontakte machen, die für ihre wissenschaftliche Laufbahn nützlich sein können. Weitere Informationen zu Geldquellen finden Sie hier und hier.

Betreuer/in als Zweitautor/in. Auf dem Programm einer typischen internationalen musikpsychologischen Tagung stehen in der Regel mehrere Referate von Studierenden. Ob sie ihre/n Betreuer/in als Zweitautor/in nennen, hängt vom inhaltlichen Beitrag des/der Betreuers/in zur Präsentation ab. Bei der ICMPC in Sapporo/Japan im Jahr 2008 bewarben sich 35 Studierende um den Young Researcher Award; 25 davon waren Studierende und 15 davon haben eine/n Betreuer/in als Mitautor/in genannt (Email von Mayumi Adachi am 1.4.09). Bei der ESCOM-Tagung in Jyväskylä/Finland im Jahr 2009 konkurrierten 27 Studierende um den Young Researcher Award; davon führten 18 mehr als eine/n Autor/in an und mindestens 10 nannten ihre/n Betreuer/in als Mitautor/in (Email von Paivi-Sisko Eerola am 23.2.09). Auch Tagungsauftritte, die direkt aus vom Forschungskolloquium Systematische Musikwissenschaft hervorgehen, haben in der Regel zwei oder mehr AutorInnen. Der/die Student/in ist in der Regel der/die Erstautor/in, weil er/sie in der Regel den größeren inhaltlichen Beitrag (d.h. z.B. Schlüsselideen und Arbeitsaufwand) gemacht hat. Zweitautor/in ist in der Regel der/die Betreuer/in (oder ein/e informelle/r Mitbetreuer/in). Die Reihenfolge der AutorInnen hängt nicht vom relativen Status der AutorInnen ab (ist gibt keine "Ehrenautorenschaft") und der/die Betreuer/in darf nur zu den AutorInnen zählen, wenn seiner/ihrer inhaltliche Beitrag wesentlich ist. Versucht man das Wort "wesentlich" in Zahlen auszudrucken, kommt man auf einen Anteil von ca. 1/3 oder zwischen 10% und 40%; für die Betreuung einer Abschlussarbeit halte ich einen Anteil von 20-25% für optimal - nicht weniger, weil Studierende auch lernen sollen, kollegial in einem wissenschaftlichen Team zusammenzuarbeiten. Jede solche Quantifizierung ist problematisch, weil man kaum Ideen mit Arbeitsstunden vergleichen kann; oft stammen wichtige Ideen von dem/der Betreuer/in und üblicherweise Arbeitet der/die Student/in viel länger am Projekt (mehr dazu: Grundsätze zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis der Uni Graz; APA-Artikel zum Thema). Das Referat wird in der Regel von dem/der ersten Autor/in präsentiert, es sei denn, der/die erste Autor/in will das Referat nicht abhalten, er/sie kann die Tagung nicht besuchen, oder das Referat wird gemeinsam von mehr als einer Person präsentiert.


Tipps für ein erfolgreiches Referat

Philip E. Bourne stellt in einem Video zehn einfache Regelen für das erste Referat vor internationalen ExpertInnen dar:

1. Sprechen Sie dem Publikum an. Der Inhalt darf für das Publikum weder zu einfach und noch zu kompliziert sein.
2. Bieten Sie nicht zu viel Stoff an. Weniger ist mehr.
3. Sprechen Sie nur, wenn Sie etwas Neues und Interessantes zu berichten haben. Sonst absagen. Die wertvolle Zeit des Publikums nicht verschwenden.
4. Die wichtigsten Schlussfolgerungen hervorheben. Das Publikum soll sich auch Wochen später an die Hauptpunkte erinnern können.
5. Erzählen Sie auch, wie die Forschung gemacht wurde. Nennen Sie die beteiligten KollegInnen.
6. Etwas Theater ist gut. Seien Sie authentisch und projizieren Sie die eigene Persönlichkeit.
7. Das Referat im Voraus vor einem kleinen Publikum üben, auf Tipps achten und das Ergebnis dann nicht mehr ändern.
8. Das Publikum soll möglichst alles auf jeder Folie verstehen können. Nie mehr als eine Folie pro Minute. Den Text auf Folien nicht vorlesen, sondern kommentieren.
9. Nehmen Sie sich selbst auf Video auf und bewerten Sie ihre Performance.
10. Bedanken Sie sich bei KollegInnen und Geldgebern.
Ihr Referat war ein Erfolg, wenn das Publikum mit Begeisterung reagiert und viele Fragen stellt.

Noch Fragen? Reden SIe entweder mit mir oder mit den ErstautorInnen folgender Tagungsbeiträge!


Tagungsauftritte von Studierenden im Forschungskolloquium Systematische Musikwissenschaft (veraltet! siehe auch Parncutt: Publications)

Tagungsauftritte mit Beitrag zum Tagungsband 


Prem, D., & Parncutt, R. (2008). Corporality in the timbre vocabulary of professional female jazz vocalists. In M. Marin et al. (Eds.), Proceedings of the First International Conference of Students of Systematic Musicology (SysMus08) (Graz, Austria, 14-15 November 2008). pdf

Grillitsch, D., & Parncutt, R. (2008). The effect of music listening on spatial skills: The role of processing time. In M. Adachi et al. (Eds.), Proceedings of the International Conference on Music Perception and Cognition (ICMPC10) (Sapporo, Japan, 25-29 August). pdf ppt

Prem. D., & Parncutt, R. (2007). The timbre vocabulary of professional female jazz vocalists. In A. Williamon (Ed.), Proceedings of the International Symposium on Performance Science (Porto, Portugal, 22-23 November). ppt 0.1 MB

Parncutt, R. & Marin, M. (2006). Emotions and associations evoked by unfamiliar music. In H. Gottesdiener & J. C. Vilatte (Eds.), Culture and communication: Proceedings of the International Association of Empirical Aesthetics (Avignon, France, 29 August - 1 September 2006). pdf 0.1 MB ppt 0.8 MB

Painsi, M., & Parncutt, R. (2006). Gender effects in young musicians' mastery-oriented achievement behavior and their interactions with teachers. In M. Baroni, A. R. Addessi, R. Caterina, & M. Costa (Eds.), Proceedings of the 9th International Conference on Music Perception and Cognition (Bologna, Italy, 21-26 August 2006). pdf 0.1 MB ppt 0.4 MB

Gasenzer, E. R., & Parncutt, R. (2006). How do musicians deal with their medical problems? In M. Baroni, A. R. Addessi, R. Caterina, & M. Costa (Eds.), Proceedings of the 9th International Conference on Music Perception and Cognition (Bologna, Italy, 21-26 August 2006). pdf 0.1 MB ppt 7 MB

Painsi, M., & Parncutt, R. (2004). Children's, teachers' and parents' attributions of children's musical success and failure. In D. Lipscomb, R. Ashley, R. O. Gjerdingen & P. Webster (Eds.), Proceedings of the 8th International Conference on Music Perception and Cognition (Evanston, Illinois, 3-7 August 2004) (pp. 344-348). Adelaide: Causal Productions. pdf 0.3 MB

Goebl, W., & Parncutt, R. (2003). Asynchrony versus intensity as cues for melody perception in chords and real music. In R. Kopiez, A. C. Lehmann, I. Wolther, & C. Wolf (Eds.), Proceedings of the 5th Triennial Conference of the European Society for the Cognitive Sciences of Music (Hannover, Germany, 8-13 September 2003) (pp. 376-380). Hannover: Institute for Research in Music Education. pdf 0.2 MB

Kessler, A., & Parncutt, R. (2003). Musical structure, listener orientation, and time perception. In R. Kopiez, A. C. Lehmann, I. Wolther & C. Wolf (Eds.), Proceedings of the 5th Triennial Conference of the European Society for the Cognitive Sciences of Music (Hannover, Germany, 8-13 September 2003) (pp. 344-348). Hannover: Institute for Research in Music Education. pdf 0.4 MB

Goebl, W., & Parncutt, R. (2002). The influence of relative intensity on the perception of onset asynchronies. In C. Stevens, D. Burnham, G. McPherson, E. Schubert, & J. Renwick (Eds.), Proceedings of the 7th International Conference on Music Perception and Cognition (Sydney, Australia, 2002) (pp. 613–616). Adelaide: Causal Productions. pdf 0.1 MB


Tagungsauftritte ohne Beitrag zum Tagungsband 

Dorfer, A., & Parncutt, R. (2008). The role of music in cultural integration (talk). First International Conference of Students of Systematic Musicology (SysMus08), Graz, Austria, 14-15 November. media echo

Taschler, A., & Parncutt, R. (2008). An intercultural study of ecstasy and trance in music (talk). International Conference on Music Perception and Cognition (ICMPC10), Sapporo, Japan, 25-29 August.

Marin, M. M., & Parncutt, R. (2007). Pre-schoolers' abstract knowledge of Western harmonic tonality (talk, abstract). International Conference on Music Communication Science, Sydney, Australia, 5-7 December.

Marin, M. M., & Parncutt, R. (2007). Sensitivity to musical emotion: Effects of gender and familiarity (poster, abstract). Evolution of Emotional Communication (EEC), Hannover, Germany, 27-29 September.

Parncutt, R., & Dorfer, A. (2007). The role of music in cultural integration (talk, abstract). Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM), Gießen, Germany, 14-16 September. media echo

Taschler, A., & Parncutt, R. (2007). Ekstase und Trance in der Musik: Ein interkultureller Vergleich (talk, abstract). Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM), Gießen, Germany, 14-16 September.

Marin, M., Parncutt, R., & Kaernbach, C. (2007). Emotion and unfamiliar music: Electrophysiological and psychological responses to Persian and Western music by Persian and Western listeners (talk 3 MB, abstract). Society for Music Perception and Cognition (SMPC), Montreal, Quebec, July 30 - August 3.

Kessler, A., & Parncutt, R. (2005). Die Rolle interpretativer Methoden bei der Erforschung musikalischer Bedeutung (talk, abstract). Fachgruppe Systematische Musikwissenschaft, Gesellschaft für Musikforschung, München, Germany, 5-8 October.

Painsi, M., & Parncutt, R. (2005). Motivation and anti-stress training for children and teachers in music schools (talk, abstract). Performance Matters, Porto, Portugal, 14-17 September. ppt 0.4 MB

Jost, K., & Parncutt, R. (2005). Wie lernen die Kinder am besten Notenlesen? Eine qualitative Studie der Strategien und Begrenzungen moderner Musiklehrer (poster, abstract). Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM), Würzburg, Germany, 9-11 September. pdf 0.1 MB

Marin, M. M., & Parncutt, R. (2005). The role of rhythm, syntax, and musical training in similarity judgements of series of words and letters (poster). The Neurosciences and Music II. From perception to performance, Leipzig, Germany, 5-8 May. pdf 0.4 MB

Lassnig-Walder, J., & Parncutt, R. (2004). Theorie und Praxis der Kreativität als Grundlage einer Didaktik der Improvisation im Instrumentalunterricht (talk, abstract). Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie (Paderborn, Germany, 3-5 September). doc 0.1 MB

Goebl, W., & Parncutt, R. (2001). Perception of onset asynchronies: Acoustic piano versus synthesized complex versus pure tones (talk, extended abstract). Society for Music Perception and Cognition (Kingston, Ontario, August 9–11) (pp. 21–22). pdf 0.1 MB

Parncutt, R., & Holming, P. G. S. (2000). Is scientific research on piano performance useful for pianists? (poster, abstract) International Conference on Music Perception & Cognition (Keele, England, July). pdf 0.1 MB

Parncutt, R., & Hutsteiner, T. (2000). Effect of temporal context on pitch salience in musical chords (talk, abstract). International Conference on Music Perception & Cognition (Keele, England, July).

Evans, W. S., & Parncutt, R. (1998). Ontogenesis of auditory perception and memory at 20 weeks' gestation. British Psychological Society (Brighton) (p.8).


Rechtliche Aspekte

Überraschenderweise kann man noch wissenschaftliche KollegInnen finden, die entweder (i) verhindern wollen, dass Masterstudierende auf internationalen Tagungen auftreten, oder (ii) meinen, dass Studierende nur allein ihre Forschung auf Tagungen bringen dürfen. Im zweiten Fall wird behauptet, der/die Betreuer/in darf nicht Zweitautor/in sein, weil eine spätere Abschlussarbeit mit ähnlichem Inhalt dann nicht mehr als "selbstständig verfasst" zu betrachten wäre. Stimmt nicht:

Das Recht zu publizieren. Im UG 2002 § 106 (1) heißt es, "Jede oder jeder Universitätsangehörige hat das Recht, eigene wissenschaftliche oder künstlerische Arbeiten selbstständig zu veröffentlichen." Das heißt, dass kein/e Betreuer/in, kein anderes Mitglied einer Universität, keine Studienordnung und keine andere Bestimmung eine/n Student/in davon abhalten darf, ihre Forschung zu publizieren, vorausgesetzt, dass er/sie sich auch an folgende weitere Bestimmung hält: "Bei der Veröffentlichung der Ergebnisse der Forschung oder der Entwicklung und Erschließung der Künste sind Universitätsangehörige, die einen eigenen wissenschaftlichen oder künstlerischen Beitrag zu dieser Arbeit geleistet haben, als Mitautorinnen oder Mitautoren zu nennen." In einem Papier des DFG zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis heißt es genauer: "Als Autoren einer wissenschaftlichen Originalveröffentlichung sollen alle diejenigen, aber auch nur diejenigen, firmieren, die zur Konzeption der Studien oder Experimente, zur Erarbeitung, Analyse und Interpretation der Daten und zur Formulierung des Manuskripts selbst wesentlich beigetragen und seiner Veröffentlichung zugestimmt haben, d. h. sie verantwortlich mittragen."

Die Frage des selbstständigen Arbeitens. Im österreichischen Studienrecht heißt es nicht, dass eine wissenschaftliche Abschlussarbeit zur Gänze selbstständig angefertigt werden muss. Vielmehr geht es um den Nachweis der Fähigkeit, selbstständig zu arbeiten. Im Universitätsgesetzt 2002 heißt es: "Diplom- und Masterarbeiten sind die wissenschaftlichen Arbeiten in den Diplom- und Masterstudien, die dem Nachweis der Befähigung dienen, wissenschaftliche Themen selbständig sowie inhaltlich und methodisch vertretbar zu bearbeiten. ... Künstlerische Diplom- und Masterarbeiten sind künstlerische Arbeiten, die dem Nachweis der Befähigung dienen, im Hinblick auf das Studienziel des Studiums selbstständig und wissenschaftlich fundiert künstlerisch arbeiten zu können. ... Doktoratsstudien sind die ordentlichen Studien, die der Weiterentwicklung der Befähigung zu selbstständiger wissenschaftlicher Arbeit sowie der Heranbildung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses auf der Grundlage von Diplom- und Masterstudien dienen. ... Dissertationen sind die wissenschaftlichen Arbeiten, die anders als die Diplom- und Masterarbeiten dem Nachweis der Befähigung zur selbstständigen Bewältigung wissenschaftlicher Fragestellungen dienen."

Die Frage bleibt also im UG2002 offen, welcher Anteil einer Abschlussarbeit direkt von dem/der Prüfungskandidat/in stammen soll. Klar ist im Gesetzt nur, dass dieser Anteil erheblich weniger als 100% sein muss - sonst hätte man im vorigen Absatz andere Formulierungen gewählt. Daher darf kein Curriculum verlangen, dass eine Abschlussarbeit 100% eigenständig verfasst wird (was ohnehin dem Sinn der Betreuung und des Forschungskolloquiums widersprechen würde).

Fazit: Der/die Student/in muss den überwiegenden Teil (d.h. eindeutig mehr als die Hälfte) der wissenschaftlichen Arbeit eigenständig leisten. Zur wissenschaftlichen Arbeit gehören Forschungsideen und -fragen, Analyse und Synthese der Literatur, methodische Planung und Durchführung, sowie Verfassung der schriftlichen Arbeit. Der/die Betreuer/in darf immer und in jedem Fall Zweitautor/in von Präsentationen und Publikationen aus der studentischen Arbeit sein, angenommen, dass der/die Studierende als erste/r Autor/in den überwiegenden Teil leistet. Der/die Betreuer/in soll nicht Erstautor/in einer Präsentation oder Publikation sein, deren Ausmaß und Inhalt ähnlich ist, wie der Ausmaß und der Inhalt der Abschlussarbeit des/der Studierenden.

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Anregungen zur Verbesserung und Ergänzung des Inhalts sind willkommen.

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