In meiner Lehre und Forschung fördere ich die deutsch-englische Zweisprachigkeit meiner Studierenden auf verschiedenen Wegen:
Alle meine Studierenden haben die Möglichkeit, ihre Abschlussarbeiten in Englisch zu verfassen. Alle haben auch die Möglichkeit, ihre Forschung auf internationalen englischsprachigen Tagungen zu präsentieren. In beiden Fällen erhalten Sie meine inhaltliche und sprachliche Unterstützung. (Selbstverständlich entscheiden meine Studierenden völlig frei, ob sie dieses Angebot annehmen oder nicht; es ist üblich und kein Problem, auf Deutsch zu schreiben oder zu präsentieren.)
Ist es realistisch, an
österreichischen Universitäten Zweisprachigkeit auf hohem
Niveau zu erwarten?
An österreichischen Universitäten bestehen meines Erachtens die bestmöglichen Voraussetzungen für die Förderung studentischer Zweisprachigkeit.
Welche Sprache ist besser - Deutsch oder
Englisch?
Ich habe von manchen englischsprachigen KollegInnen gehört, die englische Sprache sei präziser oder flexibler als andere Sprachen. Ist ein solcher Vergleich überhaupt möglich? Die Behauptung wirkt in erster Linie nationalistisch. Manche BritInnen sehnen sich noch immer nach dem Britischen Empire "where the sun never sets" (auch im deutschen Sprachraum gibt es leider noch genug Leute, die die Idee eines Großdeutschlands nicht aufgegeben haben). Dass eine deutsche Übersetzung im Schnitt etwas länger als ein englischer Text ist, kann kaum als Nachteil bezeichnet werden - wir haben mehr als genug Papier und Computerspeicherplatz. Man kann leicht Argumente erfinden, um zu belegen, dass die deutsche Sprache irgendwie besser ist (link), doch zum Schluss muss man erkennen, dass keine historisch etablierte Sprache grundsätzlich besser oder schlechter sein kann, als eine andere. Wenn es so wäre, wären vermutlich auch die Leute, die die Sprache sprechen, grundsätzlich besser oder klüger sind!
Wie fördert man heute Deutsch als Wissenschaftssprache?
Sprache ist Kultur, und Kultur ist jedenfalls wertvoll. Jede Sprache verdient es, gefördert zu werden - nicht nur für sich allein, sondern auch, damit die entsprechende Kultur langfristig überlebt und sich weiterentwickeln kann. Die deutsche Sprache soll in allen ihren Varianten gefördert werden - nicht nur als Alltagssprache, sondern auch z.B. als Wissenschaftssprache.
Wie macht man das am Besten? Manche denken, dass Lehre und Forschung an deutschsprachigen Universitäten ausschließlich in der deutschen Sprache erfolgen muss. Das ist eine eindeutig kontraproduktive Strategie, weil die englische Sprache seit Jahrzehnten in fast allen Fächern (Ausnahme: Philologien) als globale Sprache der Wissenschaft betrachtet wird. Diesen Umstand mag man bedauern, er ist leider nicht zu ändern. Schließlich kann eine englischsprachige Arbeit von der überwiegenden Mehrheit der WissenschaftlerInnen der Welt verstanden werden, eine deutschprachige dagegen nur von einer kleinen Minderheit.
Im Mittelalter war Latein die internationale Sprache der Wissenschaft. Im 19. Jahrhundert war die internationale Sprache in vielen Fächern Deutsch - auch z.B. in der Musikwissenschaft. Diese Zeit ist leider längst vorbei und wird nicht wieder kommen. Es nützt nichts, dem goldenen Zeitalter der deutschsprachigen Wissenschaft nachzuweinen. Um Deutsch als Wissenschaftssprache im 21. Jahrhundert zu fördern, dürfen wir nicht den fatalen Fehler machen, Forschung ausschließlich in Deutsch zu publizieren, denn auf diese Weise wird der deutschsprachige Raum zu einem vom Rest der Welt isolierten wissenschaftlichen Ghetto.
Heute können nur englischsprachige Schriften von der (überwiegenden) Mehrheit der weltweit führenden WissenschaftlerInnen im entsprechenden spezifischen Bereich gelesen werden. Das heißt, dass nur englischsprachige Texte von internationalen ExpertInnen im gleichen Fach evaluiert werden können. Wer also die Qualität der Wissenschaft im deutschsprachigen Raum fördern will, hat keine Wahl, als seine/ihre Forschungsergebnisse in Englisch zu präsentieren. So müssen z.B. alle FWF-Anträge auf Englisch verfasst werden, damit die beste österreichische Forschung gefördert werden kann. Was die WissenschaftlerInnen selbst betrifft, können sich Zweisprachige besser auf globalen Tagungen und in globalen Zeitschriften behaupten, was schließlich auch die deutschsprachige Forschung fördert.
Wenn wissenschaftliche Zweisprachigkeit im deutschen Sprachraum gefördert wird, wird die globale Sichtbarkeit und Relevanz der deutschsprachigen Forschung gefördert. Die Forschung wird für möglichst viele InteressentInnen zugänglich machen. Deutschsprachige ForscherInnen nehmen sichtbar und erfolgreich am internationalen Geschehen teil. Fazit: Wer im 21. Jahrhundert Deutsch als Wissenschaftssprache fördern will, muss zwangsläufig die deutsch-englische Zweisprachigkeit fördern. Einen anderen Weg gibt es meines Wissens nicht.
Warum ist die Zweisprachigkeit für deutschsprachige Studierende
wichtig?
Wer Musikwissenschaft studiert, kann sich nicht darauf verlassen, in der Forschung oder in einem musikalischen Bereich einen Job zu finden. Fremdsprachen können aber immer nützlich sein. Wollen Sie nach dem Studium Geld verdienen? (Wer will das nicht?) ArbeitgeberInnen in allen Ländern und Bereichen suchen MitarbeiterInnen, die gute englische Sprachkenntnisse haben.
Warum ist die Zweisprachigkeit für
mich als Lehrer wichtig?
Ich will die Interessen meiner Studierenden fördern. Ich will das Leitbild der Uni Graz realisieren. Ich will möglichst viele internationale KollegInnen über die Forschung meiner Studierenden informieren können. Ich will meinen Studierenden die Möglichkeit geben, von Feedback durch internationalen ExpertInnen im gleichen spezifischen Bereich zu profitieren.
Hängt Sprache vom
erkenntnistheorischen Ansatz ab? Die englische Sprache wird im
Rahmen der Natur- und Sozialwissenschaftenden häufiger als
internationale Wissenschaftssprache verwendet, als in den Geistes- und
Kulturwissenschaften:
In den Geisteswissenschaften ist die Sprache selbst häufig Gegenstand der Forschung. Folglich haben GeisteswissenschaftlerInnen oft bessere Fremdsprachenkenntnisse und können besser mit sprachlicher Vielfalt umgehen.
In geisteswissenschaftlichen Schriften ist die Formulierung von Ideen oft wichtiger als in naturwissenschaftlichen Schriften. Wer Kunst oder Literatur bewerten will, schreibt am besten in der Muttersprache, weil sie differenziertere Ausdrucksmöglichkeiten bietet. In den Naturwissenschaften geht man eher davon aus, dass Forschungsergebnisse und Theorien unabhängig von Sprache sind. Sie sollen in allen Sprachen ausgedrückt werden können.
Deutschsprachige (Geistes-) WissenschaftlerInnen weisen oft mit Recht darauf hin, dass ihre Forschung in erheblichem Maße vom deutschen Idiom bestimmt wird. Viele Begriffe können nicht übersetzt werden. Es stimmt, dass eine Übersetzung nie mehr als eine Annäherung an die ursprüngliche Bedeutung sein kann; so gesehen ist jede Übersetzung auch eine Interpretation. Dagegen werden die Übersetzungen von AutorInnen wie Adorno, Dahlhaus und Kant im Lauf der Zeit immer besser, denn wer eine Übersetzung kritisiert, kann sie in der Regel auch verbessern. Aus hermeneutischer Sicht ändert sich aber auch die Bedeutung eines jeden Textes, ohne dass er übersetzt wird. Denn mit der Zeit können sprachliche Begrifflichkeiten sich allmählich ändern. Vor diesem Hintergrund kann eine Übersetzung sogar als Vorteil betrachtet werden: man setzt sich gründlich mit der Bedeutung des Textes aus und versucht sie entweder in alter oder moderner Sprache zu rekonstruieren.
Hat Zweisprachigkeit auch Nachteile?
Ein Nachteil der Zweisprachigkeit besteht darin, dass der sprachliche Ausdruck in der Fremdsprache in der Regel ein niedrigeres Niveau hat, als in der Muttersprache. So haben englischsprachige Abschlussarbeiten im deutschsprachigen Raum in der Regel ein niedrigeres sprachliches Niveau als deutschsprachige Abschlussarbeiten. Um die oben dargelegten Ziele zu erreichen, muss man diesen Nachteil in Kauf nehmen, denn Übung macht den/die Meister/in. Schließlich hängt die Gesamtqualität einer wissenschaftlichen Arbeit eher vom Inhalt als von der sprachlichen Oberfläche ab. Dieses Prinzip gilt meines Erachtens in allen Fächern, auch in den Geisteswissenschaften, wo es oft darum geht, interessante Ideen zu formulieren. Selbstverständlich ist eine sprachlich gute Formulierung anzustreben, doch wenn die Idee selbst nicht gut ist, nutzt eine schöne Formulierung auch nichts.
Wie können Studierende ihre englischen Sprachfähigkeiten
verbessern?
Wie kann die Zweisprachigkeit der Lehrenden gefördert werden?
Es liegt im Interesse der Studierenden in den meisten Fachrichtungen, wenn Lehrende zweisprachig sind. Um dieses Ziel langfristig zu erreichen, sollten Berufungskommissionen im deutschsprachigen Raum von allen KandidatInnen solide deutsche und englisch Sprachkenntnisse fordern - konkret, einige Publikationen in guten deutschsprachigen Fachzeitschriften und einige Publikationen in guten englischsprachigen Fachzeitschriften. Diese Bedingung sollte für alle Fächer außer Philologien gelten und nicht davon abhängen, ob der/die Kandidat/in aus dem deutschsprachigen Raum stammt oder nicht. mehr
Zur Zweisprachigkeit des Autors
An dieser Stelle möchte ich meine LeserInnen um Nachsicht für mein nicht ganz fehlerfreies Deutsch bitten. Ich habe in der Schule Französisch und Latein gelernt und erst im Alter von 22 Jahren angefangen, Deutsch zu lernen. Aus der psychologischen, pädagogischen und sprachwissenschaftlichen Literatur geht hervor, dass ich mit deutschen MuttersprachlerInnen kaum konkurrieren kann. Österreichische Studierende, die ihre Referate auf Englisch präsentieren und ihre Arbeiten auf Englisch schreiben, haben dieses Problem nicht, weil sie in der Regel schon mit 6 Jahren begannen, Englisch zu lernen. Wenn sie konsequent daran arbeiten, wird man sie kaum von Native SpeakerInnen unterschieden können.
Nützliches: Online-Wörterbücher