Mobbing,
Opfermentalität und Nationalsozialismus
© Richard
Parncutt 2005-2011
Als deutschsprachiger Begriff ist "Mobbing" erst seit den 1990er Jahren geläufig. Die entsprechenden englischen Begriffe sind bullying und harassment.
Obwohl der deutsche Begriff relativ jung ist, ist das Phänomen uralt, denn Mobbing wird auch unter Tieren beobachtet (DeWaal, 1992; Lancaster, 1986; Lorenz, 1983). Aus der sicht der evolutionären Psychologie gehört Mobbing sogar zur Natur des Menschen und besteht aus mehreren Komponenten wie z.B.:
Aus
der vorhergehenden Analyse
könnte man schließen, dass Mobbing gut ist, weil es
natürlich ist. Ein solcher naturalistischer
Fehlschluss (G. E. Moore) war
eine Grundlage des Sozialdarwinismus.
Vielmehr handelt es sich um eine Art Tierverhalten, die unter Menschen
noch stark ausgeprägt ist. Wenn wir wollen, können wir dieses
Verhalten bewusst und
gemeinsam unter Kontrolle bringen.
Mobbing und Nationalsozialismus
Die Verfolgung der Jüdinnen und Juden im zweiten Weltkrieg - wie jede Art gewalttätiger Minderheitenverfolgung - war nach gängigen modernen Auffassungen eine extreme, aber sonst typische, Form von Mobbing (Literatur). Mehrere Personen wurden von mehreren anderen Personen, die politisch überlegen waren, systematisch und während längerer Zeit direkt oder indirekt angegriffen mit dem Ziel und dem Effekt des Ausstoßes. Das ist eine gängige Definition von Mobbing. Die Opfer wurden willkürlich für allgemeine Probleme der Gruppe (in diesem Fall des Staats) verantwortlich gemacht. Zahlreiche MitläuferInnen (MitbürgerInnen) trugen zum Mobbing bei, indem sie die Angriffe bzw. die "Endlösung" aktiv oder passiv unterstützten. Auch die alliierten Streitkräfte im zweiten Weltkrieg können im Nachhinein als "Mitgeläufer" bezeichnet werden, da sie den Massenmord nicht verhindert haben, obwohl dies etwa durch Zerstörung der Bahnverbindungen zu den Konzentrationslagern möglich gewesen wäre.
Die Judenverfolgung war nicht die einzige Form von Mobbing, die unter Nationalsozialismus gefördert wurde. Auch Denunziation (eine Anzeige, die aus unehrenhaften Beweggründen erfolgt und zu einer Strafe führt) stellt eine Art von Mobbing dar. Rassismus, Antisemitismus und Denunziation gehören zu den bestimmenden Eigenschaften des Nationalsozialismus. Unter Nationalsozialismus wurden generell "Nichtarier" und Andersdenkenden gemobbt. So kann Faschismus als "Mobbing auf Staatsebene" betrachtet werden.
Entnazifizierung im weitesten Sinne
Nach dem zweiten Weltkrieg versuchten die Alliierten, den Nationalsozialismus vollständig zu zerstören (Potsdamer Abkommen). Um eine Entnazifizierung zu erreichen, wurden zahlreiche NaziverbrecherInnen vor Gericht gestellt und verurteilt. Obwohl die Alliierten auch versuchten, die deutsche Bevölkerung "umzuerziehen", wurden in erster Linie die Symptome des Nationalsozialismus behandelt - nicht seine soziopsychologischen Ursachen. So wird noch heute Wiederbetätigung rechtlich verhindert, nicht jedoch die Denk- und Verhaltensweisen, die dazu führt.
Von einer Entnazifizierung im weitesten Sinne wird man erst reden können, wenn die soziopsychologischen Ursachen des Faschismus verstanden und sinnvolle Gegenstrategien entwickelt worden sind. Dazu gehören nicht nur Mobbing, sondern auch Opfermentalität. Zwischen den Kriegen waren die Deutschen Opfer der unfairen Entscheidungen, die im Versailles im Jahr 1919 getroffen wurden, sowie der internationalen Wirtschaftskrise, die 1929 in den USA begann. Die sich daraus ergebende Opfermentalität trug wesentlich zur Entstehung des Nationalsozialismus bei.
Mobbing und Opfermentalität
Opfermentalität und Mobbing sind offenbar miteinander verbunden, denn MobberInnen halten sich oft selbst für Opfer ("Täter-Opfer-Umkehr"). Wie kommt diese Verbindung zustande?
Eine Person mit Opfermentalität (im Folgenden: ein "Opfer") übernimmt nicht die Verantwortung für das eigene Tun und die daraus entstehenden Probleme, sondern ist überzeugt, dass andere daran schuld sind. Ein "Opfer" betrachtet sein Leben als eine Geschichte von Pech, Unrecht und Leiden. Ein klassisches Beispiel dieser Geisteshaltung ist Hitlers "Mein Kampf", in dem nicht nur der Autor, sondern auch das ganze "deutsche Volk" als Opfer dargestellt werden. Dabei fällt es dem "Opfer" nicht auf, dass jedes Menschenleben genau so willkürlich als Serie von Glücksfällen, erfüllenden Herausforderungen und faszinierenden Erlebnissen nachkonstruiert werden kann. Jede Person kann zwei Geschichten über das eigene Leben erzählen: einmal als Held/in, einmal als Opfer.
Unser Verhalten wird stark durch unsere personliche Identität motiviert. Wir identifizieren uns mit den verschiedenen Gruppen, zu denen wir gehören (Familie, Geschlecht, Beruf, Staat, Sprache, Aussehen usw.). Wir sind oft von der Unterstützung anderer Gruppenmitglieder abhängig. Da "Opfer" sich angreifbar fühlen, wollen sie diese Unterstützung keinesfalls gefährden und halten ungern Mitglieder der eigenen Gruppen für Gruppenprobleme verantwortlich, auch wenn sie es offensichtlich sind. Sie sind zu feig, die Wahrheit auszusprechen. Stattdessen werden Mitglieder anderer Gruppen gesucht, die verantwortlich gemacht werden können. Je größer ist die empfundene Differenz zwischen dem "Opfer" und einer verdächtigen Person, desto größer ist die empfundene Wahrscheinlichkeit, dass diese Person die Probleme, unter denen das "Opfer" "leidet", verursacht hat. Nach dieser bewussten oder unbewussten Logik macht eine Person mit Opfermentalität andere Personen, die ihr unähnlich sind, zum Sündenbock.
Um seine Probleme zu lösen, versucht das "Opfer" den Sündenbock loszuwerden, indem es ihn aus der Gruppe ausgrenzt. Um dieses Ziel zu erreichen, greift das "Opfer" den Sündenbock wiederholt und systematisch an. Das "Opfer" konstruiert Argumente und Indizien, die beweisen sollen, dass der Sündenbock schuldig ist. Dabei glaubt das "Opfer", andere Mitglieder seiner Gruppe quasi heldenhaft vom Sündenbock zu schützen. Dies motiviert das "Opfer", trotz der offenbar problematischen Natur seines Tuns weiterzumachen, bis eine entsprechende "Endlösung" (im weitesten Sinne einer endgültige Entfernung des Sündenbocks) erreicht worden ist.
Diese Ideen entsprechen weit gehend der Individualpsychologie von Alfred Adler (1870-1937). Adler nahm an, dass jeder Mensch Minderwertigkeitsgefühle hat. Um diese zu kompensieren, strebt er nach Anerkennung und Geltung. MobberInnen versuchen, ihre/seine Minderwertigkeitsgefühle und Opfermentalität durch Überlegenheit und Macht zu kompensieren.
Also was tun?
Aus den Thesen, dass Mobbing und Faschismus miteinander verbunden sind und dass Mobbing aus Opfermentalität entstehen kann, geht hervor, dass die soziopsychologischen Ursachen des Faschismus wie folgt angesprochen und die Entstehung von extrem rechts- oder linkspolitischen Systemen oder Diktaturen wie folgt proaktiv und langfristig verhindert werden können:
Die Verbindung zwischen Mobbing und Faschismus unterstreicht die Notwendigkeit, in jedem Land der Welt Mobbingvorwürfe ernst zu nehmen und konsequent gegen jede Form von Mobbing vorzugehen, z.B.:
Schlussbemerkung
Wohlwollende Menschen haben mich beraten, die Ideen auf dieser Seite nicht zu veröffentlichen. Ich habe das trotzdem getan, weil der Vergleich zwischen Faschismus und Mobbing offenbar zutreffend und einleuchtend ist und weitreichende Implikationen hat. Sechzig Jahre nach Kriegsende müsste es an der Zeit sein, offen über alle Aspekte des Nationalsozialismus zu reden. Dafür sind die Universitäten ein bestens geeignetes Forum. In diesem Sinne bestehe auf Meinungsfreiheit im Rahmen meiner Universität und bitte um Verständnis.
Die Tatsache, dass das Thema im deutschsprachigen Raum noch stark tabuisiert ist, deutet darauf hin, dass das soziopsychologische Grundproblem noch nicht gelöst ist. Ich habe aber auch argumentiert, dass Mobbing zur Natur des Menschen gehört. Der Soziologe Kenneth Westhues erzählt Horrorgeschichten über Mobbing in der Wissenschaft in verschiedenen Ländern. In jedem Land der Welt wären institutionalisierte Strategien gegen Mobbing nötig.
Aufgrund ihrer besonderen Geschichte sind die deutschsprachigen Universitäten am besten in der Lage, solche Strategien zu entwickeln. Stattdessen werden Mobbing und die Verbindungen zwischen Mobbing und Nationalsozialismus weitgehend ignoriert.
Literatur
DeWaal, F. (1992). Peacemaking among primates. London: Penguin.
Lancaster, J. G. (1986). Primate social behavior and ostracism. Ethology and Sociobiology, 7, 215-225.
Lorenz, K. (1983). Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
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