Eigenständigkeit und Eigenverantwortung
im Rahmen eines universitären Studiums

© Richard Parncutt 2008

In seiner Funktion als preußicher Erziehungsminister reformierte Wilhelm von Humboldt (1767-1835) das preußische Schul- und Universitätswesen nach humanistischen Prinzipien. Zu seinem Konzept gehörte, dass Studenten und Professoren (damals nur männlich) als autonome Weltbürger zu betrachten und ganzheitlich (d.h. interdisziplinär) auszubilden sind.

Dementsprechend heißt es noch heute im Leitbild der Uni Graz:

Unsere Universität ist Ort der Bildung von Studierenden zu eigenständig und interdisziplinär denkenden, kritischen AbsolventInnen mit hoher fachlicher und sozialer Kompetenz. ... Wir anerkennen die Eigenverantwortung der Studierenden für ihre Lernprozesse und vertreten das Prinzip der Mitgestaltung und Mitbestimmung bei der Weiterentwicklung der Lehre.

Warum wollte Wilhelm von Humboldt und warum will die Uni Graz, dass Studierende eigenständig denken? Ist es realistisch zu erwarten, dass Studierende für die eigenen Lernprozesse die Verantwortung übernehmen? Sollte eine Universität nicht für alle wissenschaftlichen Lehrinhalte und Lernprozesse verantwortlich sein?

Zu diesen Fragen gibt es meines Erachtens klare Antworten. Erstens kann eine Universität nicht für die inhaltliche Richtigkeit der Lehrinhalte haften. Die Lehre ist frei - und wird hoffentlich immer frei bleiben. Eine Universität darf die detaillierten Inhalte einer Lehrveranstaltung nicht beeinflussen; sie darf lediglich kontrollieren, dass Lehrinhalte im Rahmen des entsprechenden Curriculums oder der entsprechenden Lehrbefugnis bleiben. Die Universität hat auch die Möglichkeit, die Qualität der Lehre fördern. Zweitens besteht die Wissenschaft zum großen Teil aus Thesen, die infrage gestellt und widerlegt werden können. Eine forschungsgeleitete Lehre besteht zum großen Teil aus solchen Thesen. Wenn es nicht so wäre, wären die Inhalte weniger interessant.

Es folgt daraus, dass Studierende im Laufe ihres Studiums lernen müssen, Lehrinhalte kritisch zu betrachten und infrage zu stellen. Studierende müssen aber auch lernen, konstruktiv mit fraglichen Thesen umzugehen, denn es hilft niemandem eine These infrage zu stellen, ohne auch eine bessere These zu formulieren und diese auch verständlich und überzeugend zu begründen. In diesem Sinne freue ich mich immer, wenn Studierende Thesen aus meiner Forschung und Lehre infrage stellen und konstruktiv kritisieren.


Ist Österreich anders?

Mappes-Niediek (2001) beschwerte sich wie folgt über die österreichische Bildungsmentalität:

Lehrer, die von Deutschland nach Österreich ziehen, bestätigen, daß hier noch viel mehr auswendig gelernt wird. Dozenten klagen über die Mitschreibewut und die mangelnde Kritikfähigkeit der Studierenden. Krönung einer Bildungskarriere ist die Promotion «sub auspiciis Praesidentis rei publicae» («unter der Führung des Präsidenten der Republik»), eine Ehre, die einem dann zuteil wird, wenn man von der neunten Schulklasse an bis zur Doktorprüfung immer nur Einsen bekommen hat - eine glänzende Einübung in die Kriecherei. Wer aus Deutschland kommt, vermißt in Österreich die Spuren der Studentenbewegung. Eine Erziehung und Selbsterziehung zum Ungehorsam, wie sie in Deutschland lage en vogue war, hat in Österreich nicht stattgefunden. (S. 155)

Inwieweit solche Behauptungen begründet werden können, weiß ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass Deutschland oder etwa die USA diesbezüglich viel besser sind. Sicher ist, dass "Mitschreibewut" an einer Universität nichts verloren hat. "Fakten" sollen in erster Linie in Einführungsveranstaltungen unterrichtet werden. Studierende sollen in der Folge über die Vor- und Nachteile von Positivismus und Reduktionismus nachdenken. Die Prüfungen der späteren Semester eines Bachelorstudiums (und aller Semester eines Masterstudiums) sollen nicht in erster Linie Faktenwissen prüfen, sondern zunehmend die Fähigkeit, interessante Fragen, Thesen und Argumente für und gegen Thesen zu formulieren, zu erklären und infrage zu stellen.


Metakognition

Eine wichtige Komponente der wissenschaftlichen Eigenständigkeit ist die Metakognition: die Fähigkeit, über das eigene Tun und das eigene Vorhaben nachzudenken und zu berichten. ForscherInnen im Bereich des musikalischen Übens berichten über die wichtige Rolle der Metakognition für das Lernen eines Stücks (Hallam, 2001). Wenn Studierende im Rahmen einer Lehrveranstaltung prozessorientiert lernen sollen (prozedurales Lernen, learning by doing), ist eine prozessorientierte Lehre nötig; dazu gehört das gezielte Trainieren metakognitiver Fähigkeiten (1, 2, 3).

In meiner Lehrerfahrung spielt die Metakognition in der Planung und Entwicklung eines Forschungsprojekts eine wichtige Rolle. Wer den Stand eines Projektes und die nächsten Schritte und Probleme klar erklären kann, kommt schneller und effizienter voran. Aus diesem Grund fordere ich in meinen projektorientierten LVn (Proseminar Empirische Methoden, Seminaren, Forschungskolloquium...) meine Studierenden immer wieder auf, über den aktuellen Stand Ihrer Projekte (Erfolge, Pläne, Probleme...) zu berichten (Formulierung der Hauptfrage, Details der Methode, wer in der Gruppe welche Aufgabe übernimmt usw.).


Literatur

Mappes-Niediek, N. (2001). Österreich für Deutsche. Einblicke in ein fremdes Land. Berlin: Links.

Hallam, S. (2001). The development of metacognition in musicians: Implications for education. British Journal of Music Education, 18, 27-39.


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