Mord mag noch so sehr geächtet sein, er mag von der Gesellschaft mit noch so harten Sanktionen bedroht worden sein, doch er ist schon bei flüchtiger Betrachtung der Menschheitsgeschichte, ja selbst der Göttergeschichte immer präsent. – In diesem Museum, in dem ich heute, dieses freundliche Publikum vor mir, die dräuende Waffenwand hinter mir, zu sprechen die Ehre und das Vergnügen habe, haben wir sozusagen private Mordfälle versammelt und konserviert – ich verweise allfällig hier sitzende Interessenten auf die Führung im Anschluss an meinen Vortrag – mein Thema ist jedoch der Mord in den obersten Etagen der Gesellschaft, der Mord in den Kreisen der Regierenden oder vielleicht öfter noch der Regierenwollenden, in den Kreisen der Kaiser und Könige und der Päpste oder ähnlich hochgestellter offizieller Persönlichkeiten, die einen sitzen schon auf den Thronen, bereit den schon eroberten Platz mit allen Mitteln zu verteidigen, die anderen sind gierig, selbst darauf Platz nehmen, koste es, was es wolle.
Müßig festzustellen, welche oft traumatische Umwälzungen private Morde im Leben einzelner Betroffener bewirken. Man sollte nun glauben, dass parallel dazu politische Morde auch zu gravierenden politischen Umwälzungen führen müssten; doch bei näherer Betrachtung enttäuscht diese Erwartung: Der Mord geschieht, doch geht die politische, soziale Entwicklung davon unbeeindruckt unerbittlich ihren Gang weiter, kein einzelner kann die dominanten Zeitströme anhalten oder umleiten, sowie kein einzelner sich einem Orkan oder einer Flutwelle mit Erfolg entgegenstellen kann, er wird bloß mitgerissen oder im besten Fall kann er obenauf mitschwimmen.
Unzählig sind die Morde, die ich hier erzählen könnte, man könnte ganz früh beim griechischen Göttervater Zeus beginnen, der Kronos und die Titanen umbringen muss, um sich seinerseits der Herrschaft zu bemächtigen. Doch Kronos war auch kein Guter, hat er doch seinen Vater Uranos mit einer Sichel entmannt, während dieser mit seiner Frau Ge, der Mutter des Kronos, schlief, und dann hat Kronos die Geschwister des Zeus, Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon, aufgefressen. Nur mit knapper Müh und Not und durch List ist Zeus selbst diesem schauerlichen Schicksal entgangen. Ja und warum diese Greueltat? Kronos war von seinen Eltern gewarnt worden, er werde von einem seiner Kinder der Herrschaft beraubt werden – Herrschaftsnachfolge war also hier das Thema. – Aber alles bleibt im Grunde wie es war: Als Zeus von Ge gewarnt wird, seine göttliche Liebschaft Metis würde als 2. Kind einen Sohn gebären, der den Himmel beherrschen also ihn selbst absetzen werde, fraß Zeus, ganz in Tradition seines Vaters, die erst vom ersten Kind schwangere Metis, so dass Zeus selbst das Ungeborene anstatt der doch so stark in ihrer Mutterrolle behinderten Metis austragen musste. Nun, dieses Baby kam dann mit der Geburtshilfe von Prometheus und Hephaistos als die uns wohlbekannte Göttin Athene gleich in voller Kriegsrüstung zur Welt. Die Geburt selbst war dann relativ einfach wenn auch genug blutig verlaufen: Die beiden männlichen Hebammen machten es sich leicht; sie spalteten Zeus kurzerhand mit einer Axt den Schädel!
Gehn wir ans andere Ende der Zeitskala: Wenn vor 3 Wochen in Abu Dhabi Mahmûd al-Mabhûh, ein hoher Führer und – nach israelischer Lesart – ein Terrorist der Hamas, angeblich/möglicherweise von Agenten des Mossad ermordet worden ist, diese obendrein im Besitz von österreichischen Telephonen – für alle Beteiligten gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung –, dann glauben wir ja auch nicht, dass damit gottlob die Lösung des Palästinenserproblems nur einen Schritt weiter gekommen wäre. Nichts, aber schon garnichts hat sich damit am Problem Israel/Palästina geändert.
Bleiben wir noch ein bisschen bei den Juden und erinnern wir uns an die Geschichte von Judith und Holofernes, nachzulesen im Buch Judit des AT. Judit becirct Holofernes, den allerdings nur fiktiven General Nebukadnezars II., der sich angeschickt hat, im Namen seines Herrn Israel und Jerusalem zu erobern. Wir sind im Neubabylonischen Reich, in der sog. Chaldäerzeit, knapp nach 600 v.Chr. 597 fällt Jerusalem. Judit gelingt es gottseidank im sittlichen Gefahrenbereich des heidnischen Holofernes ihre weibliche Sittlichkeit zu bewahren – ganz unversehrt ist sie ja als Witwe des Manasse wohl nicht mehr gewesen, doch kommt sie Holofernes immerhin im Schlafzimmer so nahe, dass sie ihm bequem den Kopf abschneiden kann. – Ich verweise auf das überaus sinnlich-blutige Gemälde in unserer Alten Galerie im Schloss Eggenberg! – Die Mannen des Holofernes fliehen im Anblick des blutigen Kopfes ihres Feldherrn, und werden von den Juden verfolgt und niedergemacht. Doch dies ist leider nur eine ein nationales Gefühl begründen sollende Legende aus der viel späteren Makkabäerzeit. Die Wirklichkeit kennen wir: 2 Generationen lang dauert die Babylonische Gefangenschaft, die Juden werden erst von Kyros II. ab 538 v.Chr. schübchenweise wieder befreit und in ihre Heimat Israel zurückgeführt.
Machen wir einen großen Sprung zu den Römern. Ich erspare es mir von Cäsar zu erzählen. Ach welch edle Motive hatten doch seine Mörder, die Republik zu retten! Ein jeder aus guter Familie und ein wackerer Streiter gegen Tyrannei und Königtum! Und wie sehr und wie schnell haben sie doch durch ihren Mord zu den Iden des März 44 v.Chr. – Ironie der Geschichte – gerade die Etablierung eben dieses ihnen verhassten Königtums befördert. Es bedurfte nur weniger Jahre Bürgerkrieges und Augustus saß spätestens ab 27 v.Chr. neben seiner Ehefrau Livia fest im Sattel des Prinzipats.
Denke ich an die römischen Kaiser des 1. Jahrhunderts n.Chr. und dann noch mehr an die römischen Kaiser ab dem 3. Jahrhundert, so frage ich mich ernstlich, bedenkt man die oft so kurze Spanne der Herrschaftszeit und das häufige Eintreten eines gewaltsamen Todes, was dieses Kaiseramt gar so attraktiv gemacht hat, dass diese vielen Thronaspiranten nicht vor der Gefahr zurückschreckten, dass sie, totgeweiht, manche nur wenige Wochen, andere nur ein paar Monate, ganz wenige nur etliche Jahre auf dem Thron des Imperium Romanum saßen. Doch jeder, mag seine Regierungszeit noch so kurz und gefährdet gewesen sein, prägte stolz die eigenen Münzen aus, verkündend die Gloriole seines Kaisertums. Vielleicht kann ich Machtloser mir einfach nicht vorstellen, welchen Genuss es bietet, uneingeschränkte Macht über den Staat ausüben zu können und auch zu dürfen. Und alle Bewohner dieses Staates sind nur mehr gefügige Untertanenschafe!
Aus der Überfülle der Morde in römischer Kaiserzeit greife ich recht willkürlich die Ermordung Agrippinas der Jüngeren durch ihren Sohn Nero im Jahre 59 heraus.
In letzter Konsequenz geht es einem ängstlichen Nero hier um schnöden Machterhalt. Nero erträgt die Dominanz seiner Mutter nicht mehr. Diese leidet unter der söhnlichen Zurückweisung. Sie reagiert in ihrer Verletztheit fatal. Erstens droht sie Nero, Britannicus, ihren Stiefsohn, den Sohn des Claudius und der Messalina, anstatt Neros mithilfe der Eloquenz Senecas und der Gewalt des Prätorianerpräfekten Burrus auf den Thron zu heben; zweitens droht sie, die Umstände von Claudius Tod öffentlich zu machen, nämlich dass sie ihn vergiftet habe, um ihrem leiblichen Sohn Nero zum Kaiserthron zu verhelfen; drittens startet sie eine sexuelle Initiative, sie zieht ihren Sohn in eine inzestiöse Beziehung hinein, macht ihn damit zwar einerseits abhängig, andererseits gefährdet sie mit dieser Sünde aber aufs gefährlichste seine Reputation in der römischen Öffentlichkeit. Aus dieser hässlichen Sünde rettete ihn die schöne damals noch verheiratete Poppea Sabina, deren Verführungskünsten Nero mit Haut und Haaren verfällt. Das war das Todesurteil für die Mutter Agrippina. Unter dem Vorwand der Versöhnung lockte Nero Agrippina nach Baja in der Campania zum Fest der Minerva, die beiden gaben sich ganz und gar wie ein Herz und eine Seele, ganz wie in früheren Zeiten, spät in der Nacht brachte Nero seine Mutter auf das von ihm bereitgestellte Schiff, das sie nach Antium zurückbringen sollte. Zum Abschied umarmte sie der Sohn inniglich und küsste sie verliebt auf ihre Brust: Dies war der Beweis, dass er sich über die Gerüchte des kaiserlichen Inzests hinwegsetzte oder aber, dass er sie öffentlich bestätigen wollte. Glücklich lag Agrippina in der Gewissheit, wieder Einfluss auf ihren Sohn gewonnen zu haben, in dieser lauen mondhellen Nacht in ihrem großen Prunkbett an Deck, über ihr der hohe purpurne Baldachin. Plötzlich erbebte das Schiff unter einem gewaltigen Stoß, es brach in der Mitte auseinander, Wasser drang in einem großen Schwall ein. Gleichzeitig war der Baldachin über dem Bett, heimtückisch mit Bleiplatten beschwert, zusammengebrochen, er verfing sich durch einen Zufall an der Reling, sodass er Agrippina und ihre Dienerin nicht erschlug und ins Wasser mithinunter riss, bevor sich das Schiff durch einen feinen Mechanismus wieder von selbst schloss. Geistesgegenwärtig sprang Agrippina ins Wasser, ihre Dienerin mitziehend. Unter Wasser verloren sich die beiden. Die Dienerin war eine schlechte Schwimmerin, als sie endlich außer Atem wieder an die Oberfläche kam, schrie sie ihn ihrer Verzweiflung, wie sie meinte, um ihre Chancen gerettet zu werden, zu erhöhen: "Ich bin Agrippina, rettet mich! Rettet die Mutter des Cäsar!" Kaum hatte die Schiffsmannschaft diese Worte vernommen, stürzten sich die Matrosen auf die Unglückliche und töteten sie, indem sie ihr den Schädel mit den Rudern und anderen Bordgeräten einschlugen. Agrippina erfasste sofort die Situation, tauchte unter und schwamm unbemerkt ans nicht allzuferne Ufer. Einen ihrer Sklaven schickte sie nun zu Nero mit der vielsagenden Botschaft, die Gunst der Götter und das Glück des Cäsar, der über seine Mutter gewacht habe, hätten sie aus tödlicher Gefahr gerettet. Wollte Nero der Anklage wegen Muttermordes entgehen, wollte er einem Aufstand der Prätorianer zuvorkommen, musste er sofort handeln. Unter der Vorspiegelung, seine Mutter hätte einen Mordanschlag auf ihn verüben lassen, ließ er seine Mutter noch in der gleichen Nacht von seinen Soldaten umbringen. Ihre letzten Worte an die Mörder sollen gewesen sein: "Stich doch in den Bauch! Denn dort habe ich meinen Nero getragen!" Doch 9 Jahre später, im Jahre 68, ereilt auch Nero das Schicksal, von allen verlassen begeht er, ehe er von seinen eigenen Soldaten ermordet wird, nicht gerade heldenhaft Selbstmord, mit tätiger Hilfe eines seiner Freigelassenen, und verfällt der damnatio memoriae.
Ich nähere mich dem christlichen Mittelalter.
Wenn wir uns vorher doch noch kurz dem Nibelungenlied zuwenden, stellt sich natürlich sofort die Frage: Gehört es in die Völkerwanderungs- oder doch in die Stauferzeit? Das erinnert uns natürlich sofort an Homer, mykenische oder griechische Welt? Hier 500 Jahre, dort 700 Jahre dazwischen.
Ich verorte das Nibelungenlied kühn in die germanische Welt am Ausgang der Antike, in den Aufruhr der Völkerwanderung, wo ein unkonventioneller, überstarker, heimatloser Recke wie Siegfried, der die herkömmliche Sozialordnung in Frage stellt, der sie zu sprengen droht, der am ehernen Rahmen der bedingungslosen germanischen Gefolgstreue und am Wert des Hergebrachten rüttelt, dem Ehe keine Konvention, sondern Liebe ist, der sich so gefährlich hoch über alle anderen erhebt, eine unerträgliche Herausforderung und Verunsicherung bedeutet. Ein solcher kann vom noch herrschenden, aber sich schon bedroht fühlenden konservativen System nur beseitigt werden; dem Exekutor der alten Welt Hagen gelingt dies nur mehr im hinterlistigen Meuchelmord, dies allein schon ein Hinweis auf die Schwäche des alten Systems, doch er hält damit den Siegeszug der neuen Zeit nicht auf, nein er beschleunigt in Wirklichkeit nur den Untergang des Herkömmlichen, hier durch die Burgunder und die Hunnen verkörpert; wir wissen die neue Welt gehört unentrinnbar dem Christentum.
Doch auch die christliche Welt ist nicht gerade ein Paradies auf Erden. Ich erspare mir all die grässlichen Meuchelmorde der fränkischen halbkatholischen Merowinger auch nur zu erwähnen, sondern schreite frohen Muts gleich zu den Päpsten des späten 9. und des frühen 10. Jahrhunderts, da mag es ja schon viel gesitteter zugegangen sein, da wird sich ja schon die christliche Nächstenliebe allgemein durchgesetzt haben.
Die gut 40 Jahre zwischen dem Papst Formosus (891- 896) und dem Papst Johannes XI. (931-935) saßen 15 Päpste (diese beiden mitgezählt) auf dem Stuhl Petri, 6 von ihnen wurden ermordet, meist mit Gift, 4 starben schon nach so kurzer Amtszeit, dass man wohl auch an eine gewaltsame Beseitigung denken muss. Aus diesem “Dunklen Jahrhundert" der Papstgeschichte will ich exemplarisch bloß die Geschichte von der "Leichensynode" erzählen.
Papst Formosus war infolge innerrömischer und inneritalischer Rivalitäten abgesetzt worden, er hatte sich an König Arnulf von Kärnten um Hilfe gewandt, dieser in den Augen der Römer nichts als ein teutonischer Barbar, der furor germanicus setzte sich durch, Formosus wurde wieder zum Papst eingesetzt und er machte Arnulf zum caesar augustus romanorum, die Römer allerdings verspotteten ihn nach seinem Abzug aus Rom nur als caesar teutonicus; aus den Quellen bleibt unsicher, ob er durch einen Giftanschlag geschwächt sich fluchtartig nach Norden zurückgezogen hat, oder ob er, wie andere meinen, durch die Liebeskraft der römischen Kurtisanen im Bett darniederliegt, nicht einmal mehr fähig zu reiten, sodass er bei seinem überstürzten Rückzug in einer Sänfte getragen werden musste. Der Spott über den kaiserlichen Barbaren färbte auch auf Formosus ab. Der Spruch lief um: "Als Nächster muss Formosus unter der Masse weiblicher Schenkel ersticken." Und tatsächlich starb Formosus bald darauf am 4. April 896. 9 Monate später wurde über den Toten Strafgericht gehalten. der neue Papst Stephan VI. ließ den halbverwesten Formosus aus der Gruft zerren, in päpstlichen Ornat kleiden und auf einen Thron im Konziliensaal setzen. Unerträglicher Leichengeruch erfüllte augenblicklich den Saal, als die Anklage gegen das madenzerfressene, augenlose Gesicht des Formosus geschleudert wurde. Der Verteidiger des Leichnams brachte nur mit zittriger Stimme eine Antwort hervor. Der Ankläger schnitt ihm das Wort ab und beschimpfte den Leichnam, der immer wieder zusammenfiel und aufgerichtet werden musste, mit unflätigen Worten. Schließlich fällten die 3 Richter ihr vernichtendes Urteil. Formosius wurden die Kleider vom Leib gerissen, bis schließlich der halbverweste nackte Formosus vom Thron kippte und als stinkende, graue Masse am Boden liegen blieb. Die Henkersknechte hatten ihre Arbeit noch nicht gänzlich erledigt. Sie richteten den Leichnam wieder halbwegs auf, hielten seine rechte Hand hoch und schnitten ihm die 3 Finger der rechten Hand ab, mit denen der Papst den Segen erteilt hatte. Dann wurde der Leichnam hinaus und durch die Straßen geschleift und in den Tiber geworfen. – Warum dieser unbändige Hass auf Formosus? Im Wesentlichen deshalb, weil er Rom an die Deutschen ausgeliefert hatte. Doch die römische Opposition gegen die Deutschen ging nur ein halbes Jahrhundert später unter dem Papst Agapet II. (946-955) endgültig und für lange Zeit unter, denn mit ihm gewinnen die sächsischen Ottonen die Herrschaft über das Papsttum und damit auch über Rom und große Teile Italiens.
Wenden wir uns dem mittelalterlichen Orient zu. Auch hier ist die Mordrate unter den Kalifen erschreckend hoch. Die politischen Morde beginnen mit dem 3. Kalifen Othman (656), setzen sich fort mit dem 4. Kalifen Ali (661), dann muss Alis Sohn Husain (680) dranglauben – so begründet sich bleibend das schiitische Märtyrertum. Die Morde kulminieren dann in der Beinahe-Ausrottung der Umaiyaden beim Herrschaftswechsel zu den Abbasiden (750). Selbst die Gräber der Umaiyaden in Damaskus werden geschändet! An den gewalttätigen Zuständen ändert sich unter den Abbasiden in Bagdad nichts. Ich kann also nur ganz willkürlich wenige Mordfälle herausnehmen, die mir vielleicht auch durch die speziellen Umstände hier erzählenswert scheinen.
Ich beginne mit einem Mord, der allerdings in der historischen Literatur als normaler Todesfall geführt wird; aber wenigstens mir scheint er nicht ganz so normal zu sein. – Zur Erinnerung: Der Kalif Harûn ar-Rashîd, uns bestens bekannt aus 1000 und 1 Nacht, regierte in Bagdad von 786 bis 809. Sein 4. Nachfolger war der Kalif al-Wâtiq, der von 842-847 regierte. Die goldenen Zeiten der Kalifen im blühenden Bagdad waren längst ferne Vergangenheit. Die Hauptstadt der Kalifen war nun Samarra, und in dieser neugegründeten Kalifenresidenz waren die Kalifen nicht viel mehr als Gefangene und Marionetten der türkischen Söldner, die sich, wenigstens haben sie sich vorher zum Islam der sunnitischen Richtung bekehrt, von militärischen Hilfskräften zu den faktischen Herrschern des Abbasidenreiches aufgeschwungen haben. Unser al-Wâtiq war ein feinsinniger, gelehrter Herr, in Literatur bewanderter als im politischen Tagesgeschäft, lieber war er in der Gesellschaft schöner, sanfter, williger Sklavinnen in seinem Harem, als in der Gesellschaft seiner ungeschlachten, herrschsichtigen, seinem Willen unwilligen türkischen Offiziere im Kriegsministerium. Und wenn diese bedenken, dass jener ja eigentlich einen gewiss viel fügsameren und gar nicht so gescheiten Bruder hat, können sie ja mit diesem al-Wâtiq gar keine rechte Freude haben, und da passt es ja wunderbar, dass al-Wâtiq schon seit Monaten die Wassersucht plagt, und ein tüchtiger, den Türken ergebener Leibarzt ist auch gleich zur Hand, und dem fiel auch gleich eine praktikable Methode ein, das Wasser aus dem Körper zu vertreiben: Er wollte es verdunsten, ausschwitzen lassen. Deshalb wurde der Kalif am 10. August 847 in den aufgeheizten Backofen gesteckt. Das Feuer im Ofen aber war zu stark. Al-Wâtiq erstickte jämmerlich. Nun, ist er freiwillig in den Backofen gestiegen? – wir denken gleich an die Hexe in Hänsel und Gretel der Gebrüder Grimm – ich glaube es nicht. Wenige Tage später sitzt sein Bruder Dscha‘far auf dem Kalifenthron, er gibt sich den Kalifennamen al-Mutawakkil, d.h. der (auf Allâh) Vertrauende, und verbleibt dort bis 861. Obwohl ihn die türkischen Garden auf den Thron gesetzt haben, wird er ihnen gegenüber immer undankbarer und störrischer, so beschließen sie seinen ältesten Sohn al-Muntasir auf den Thron zu hieven, und dieser macht bereitwillig bei der Verschwörung mit. Auch hier verabreden die Verschwörer, gemeinsam auf den Kalifen einzustechen – wir denken an den Tod Cäsars. In der Nacht vom 9. zum 10. Dezember 861 ist es soweit. Der Kalif ist nach einem Festgelage bereits schwer betrunken, deswegen schickt der Kommandant der türkischen Offiziere, Boga, alle Mitzecher, die nicht zum engsten Kreis des al-Mutawakkil gehören, nach Hause. Das Fest ist vorbei! Doch als der Anführer den Dolch zieht und zustechen will, zögern die anderen Verschwörer; Boga schreit sie an: "Wenn er am Leben bleibt, seid ihr genauso verloren wie ich. Ihr habt alle gewusst, was heute Abend geschehen soll!" Die Verschwörer begreifen endlich ihre Lage – alle stechen gleichzeitig zu und al-Mutawakkil stirbt schnell. Der neue Kalif al-Muntasir ist völlig in der Hand der Turkgarden. Die Bagdader spotten über ihn: "Der Kalif sitzt in einem Käfig, links von ihm steht Wasif, der Türke, rechts der Türke Boga. Er spricht, was die beiden ihm vorsagen. Er ist nichts als ein Papagei." Und einige Monate später, wir schreiben schon 862, wird er auch schon auf Befehl des türkischen Kommandeurs vom Hausarzt gegen eine Zahlung von umgerechnet 15 000 Euro vergiftet.
Zur Abwechslung jetzt ein Beispiel der doch eher seltenen Art, nämlich, dass ein Mord auch zu etwas "Gutem" führen kann. Gehen wir dazu von Bagdad nach Kairo.
Der 3. Fatimidenkalif in Kairo al-Hâkim (996-1021) war als Kalif schon eine reichlich bizarre Figur: Sein Tätigkeitsbereich erstreckte sich von, wir würden jetzt sagen, fundamentalistischen religiösen Anwandlungen wie Alkohol- Rosinen-, Honig - und Weingärtenverbot bis zur äußerlichen Stigmatisierung von Juden und Christen, die ersteren mussten sich sogar in den Bädern splitternackt Glöckchen, die zweiteren mussten sich Kreuze umbinden. Die Frauen durften sich nur mehr voll verschleiert und auch nur mehr in Begleitung männlicher Verwandter außer Haus bewegen. (Da brauchen wir aber auch nur nach Saudiarabien schauen!) Und weil man Frauen ja generell misstrauen muss – ich denke da auch zustimmend an unseren Museumsvater Professor Hanns Gross – verbot er auch gleich den Schustern einige Jahre lang die Herstellung von Frauenschuhen – wenn man sich die damals doch noch recht schmutzigen Straßen in Kairo vorstellt, ist das doch eine recht wirkungsvolle Durchsetzung des weiblichen Ausgangsverbotes! Und alle Übertretungen hatten gleich die Todesstrafe zur Folge! Ja und die christliche Grabeskirche in Jerusalem ließ er auch abreißen; gescheitert ist er dann im Abreißen der Cheopspyramide, da hat der religiöse Arbeitseifer nur für die unterste Reihe der heidnisch-pharaonischen Steinblöcke gereicht, wie jeder Besucher jetzt noch sehen kann. Große Entscheidungs- und Tatkraft hat er auch in der Frage der Kampfhunde entwickelt; da hat er sich nicht zimperlich mit so lächerlichen Debatten wie über den Hundeführerschein aufgehalten, wie der Bürgermeister Häuptl in Wien, nein, da ihn schon in der Nacht das dauernde Gekläff und ewige Gebell der städtischen Köter gestört hat, hat er kurzerhand befohlen, überhaupt alle Hunde in Ägypten umzubringen. (Da fällt mir unpassenderweise natürlich gleich der herodische Kindsmord ein!) Nun, das könnte man jetzt so auch nicht mehr machen!
Aber so einer macht sich schon viele Feinde. Aber die Zahl seiner Feinde vermehrte sich noch gewaltig, als religiöse Sektierer im Umfeld al-Hâkims öffentlich die schriftliche und mündliche Einleitungsformel zu verwenden begannen: "Im Namen Gottes, al-Hâkims, des barmherzigen Erbarmers." Am 13. Februar 1021 kam er von einem seiner gewohnten Ausritte in die Wüste nicht mehr zurück, er blieb bis jetzt verschwunden. Gefunden wurde nur sein Reitesel und seine von Dolchstichen zerfetzten Gewänder. Die Drusen des Libanons und Syriens aber begründen auf dem Verschwinden al-Hâkims ihre (aus Sicht des orthodoxen und des schiitischen Islam) häretische geheime Heilslehre, nämlich: Der Schöpfergott al-Hâkim hat die Erde abermals verlassen und sich erneut verhüllt. Und sie sind unermüdlich im Warten auf seine Wiederkehr. So ist aus einem für uns offensichtlichen Mord eine Entrückung geworden – wieviele schiitische Imame sind doch sowieso entrückt, 5, 7, 12? – und diese Entrückung hat sogar für die derzeit etwa noch 200 000 Drusen eine neue Religion begründet!
Für das 12. Jahrhundert (doch der Anfang liegt noch im 11. und das Ende erst im 13. Jahrhundert) ist die ismailitisch-schiitische Terrorgruppe der Assassinen (aus Hashîshîyûn) erwähnenswert. Sie selbst nennen sich Fidâ’îyûn = die sich Opfernden. Unter ihrem Führer Hasan-i Sabbâh wurde die persische Burg Alamût südlich des Kaspischen Meeres das Zentrum dieser religiösen Terrororganisation, von dem aus politische Attentate auf sunnitische, fatimidische und christliche Herrscher und Würdenträger im Iran, in Syrien und in Ägypten verübt worden sind. Unter den Opfern waren der seldschukische Wesir Nizâm al-Mulk (1092), der Fatimidenkalif al-AAmir (1130) und der König von Jerusalem Konrad von Montferrat (1192). – Viele der Attentäter versuchten nicht einmal ernsthaft zu flüchten und nahmen so ihren Tod gleichgültig in Kauf, doch ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, sie alle hatten ein ganz konkretes Ziel, einen Wesir oder wen immer, den und nur den wollten sie töten, und damit unterscheiden sie sich himmelhoch von den jetzigen islamischen Selbstmordattentätern, die wahllos töten, auch ganz unschuldige Frauen und Kinder und Männer, und vor allem auch gläubige Muslime – und dies ist ein gewaltiges Verbrechen vor Allâh, das mit ewigem Höllenfeuer bestraft wird, wie uns der Heilige Koran unzweifelhaft lehrt.
Der großartige kurdische Held der Kreuzzugszeit Saladin (stirbt 1193), ar. Salâh ad-dîn ibn aiyûb, inzwischen natürlich schon ein arabischer Held – man denke an das prächtige Denkmal vor dem Sûq al-Hâmidîya in Damaskus – also nach seinem Tod geht es mit dem Glanz der Aiyubiden rasch bergab, und unter seinem Großneffen as-Sâlih Aiyûb (1240-1249), dem letzten Aiyubiden, werden die Mamluken, das sind gekaufte Militärsklaven aus Südrussland, etwa Tscherkessen, zum politischen Machtfaktor. Nach dem plötzlichen Tode as-Sâlihs wird sein dein Mamluken völlig unbekannter Sohn Tûrânshâh vom fernen Tigris eilends nach Ägypten gerufen, in Damaskus wird ihm als Sultan gehuldigt und die Kapitulation des in al-Mansûra eingeschlossenen Kreuzzugsheeres des französischen Königs Ludwig wird zu seinem persönlichen Triumph; doch er macht den schweren Fehler und setzt seine Günstlinge aus dem Osten auf die besten Posten und Pfründe. Deshalb bringt ihn der Mamlukenführer al-Fâris Aqtây am 1. Mai 1250 persönlich um – ein Hinweis auf das schon im 10. Jh. belegte und in der frühen Mamlukenzeit als spezifisch türkisch formulierte Prinzip, dem Königsmörder gebühre die Herrschaft. Dass man dann ausgerechnet einer Frau, der tatkräftigen Witwe as-Sâlih Aiyûbs, Shadschar ad-durr, huldigte und Mühe hatte, ihr einen verantwortlichen Heereskommandeur zur Seite zu stellen – zwei Kandidaten winkten ab, bis man sich auf den kriegerisch nicht weiter hervorgetretenen Aybak einigte –, illustriert die Planlosigkeit der mamlukischen Revolte. Aybak heiratet Shadschar ad-durr, legt sich den Thronnamen al-Malik al Mu‘izz zu und lässt sich zum Sultan proklamieren. Aus dieser rein politischen Verbindung wird zumindest von Seite Shadschar ad-durrs eine Liebesbeziehung, die allerdings fatal endet. (Dazu fällt mir die nach dem Brauch der Zeit und der Habsburger durchwegs politische Ehe unseres Ferdinand I. mit seiner polnischen Frau Anna ein, die sich auch zu einer Liebesehe auswuchs. Das ging soweit, dass er sie auf allen Dienstreisen mitnahm, was natürlich Kosten verursachte. Auf diesbezügliche Vorhalte der Hofschranzen hielt er entgegen: "Einem frommen Herrn gebührt, seinen Ehebund zu halten; es ist besser, einige Unkosten auf seine Gattin zu wenden als auf Buhlerei.") Zurück nach Kairo: Der also so schon glücklich verheiratete Sultan Aybak plant noch eine politische Ehe mit einer Tochter des Atabegs von Mossul einzugehen. Da lässt die "Sultanin von Ägypten" Shadschar ad-durr im April 1257 ihren Mann Aybak kurzerhand aus Eifersucht umbringen. Shadschar ad-durr findet ihrerseits wenige Tage später durch rächende Mamlukenhand ihr gewaltsames Ende. – Damit ist das einzige eh nur kurze weibliche Zwischenspiel in meinem Vortrag auch schon wieder unglücklich zu Ende.
Schon um des Kontrastes willen ist hier, bevor ich zum nächsten Kapitel komme, von einem unglücklichen Habsburger zu berichten, nämlich von Johann Parricida. Der Beiname "Vatermörder" blieb als ewiges Schandmal an ihm hängen, weil der jugendliche Hitzkopf sich, gekränkt durch einen Erbschaftsstreit mit seinem Onkel Albrecht, in eine Adelsverschwörung hineinziehen ließ, der König Albrecht am 1. Mai 1308 im Angesicht der Habsburg, die er gerade besuchen wollte, zum Opfer fiel. Die Verschwörer und gleich auch ihre ganzen Familien wurden mit unerhörter Grausamkeit ausgerottet; treibende Kraft dabei war vor allem Albrechts Tochter, die verwitwete Königin Agnes von Ungarn. Johann selbst, gerade unerfahrene 18 Jahre alt, entkommt ungeschoren nach Italien. Er hat sich dann 1312 freiwillig dem neuen Kaiser Heinrich VII. in Pisa zu Füßen geworfen und um Begnadigung gebeten, die ihm auch in Form lebenslänglicher Haft zuteil geworden ist; nach anderen Quellen ist er Mönch geworden, was ja vielleicht auch so etwas Ähnliches ist. – Nun, so geächtet ist der Mord im Verwandtenkreis und der Mörder im Herrschaftsbereich der Habsburger, offensichtlich eine sehr milde, humane, im besten Sinne christliche Herrschaft. Konsequenterweise kommt es dann auch gottlob innerhalb unseres Kaiserhauses bis zu dessen jähem Ende 1918 innerhalb der Familie zu keinem einzigen Mord mehr. Da passieren anderswo schon ganz andere Dinge und niemand regt sich dort darüber groß auf.
Und damit komme zum Osmanischen Reich und zu einer Erscheinung, die uns nach unseren christlich-abendländischen Maßstäben besonders seltsam anmutet, um es einmal euphemistisch auszudrücken, nämlich zum sultanlichen Brudermord. Bayezit I. (Sultan von 1389-1402) ließ gleich nach seiner Thronbesteigung seinen Bruder Yakup hinrichten und entledigte sich damit eines potentiellen Rivalen. Und damit hat er eine Praxis eingeführt, die noch lange weiterleben sollte. Mehmet II. Fatih (1451-1481), uns vor allem bekannt für seine Eroberung von Byzanz am 29. Mai 1453, lässt gleich nach seiner Thronbesteigung seinen noch in den Windeln liegenden kleinen Bruder Ahmet im Bad ersticken, und er ist es, der das Gesetz des Brudermords, das in der Folgezeit noch Jahrhunderte hindurch bei jedem Sultanswechsel Anwendung findet, herrschaftsideologisch legitimiert. In seinem berühmten Gesetzbuch qânûnnâme heißt es ausdrücklich: "Wem immer von meinen Söhnen die Sultansherrschaft zufällt, dem geziemt es, im Interesse der Ordnung der Welt seine Brüder zu töten. Auch haben die meisten Rechtsgelehrten das gebilligt. Danach also sollen sie handeln!" Wollen wir ihm zugute halten, dass nicht noch im Nomadentum angelegte angeborene Barbarei der Osmanen d.h. der Türken das Motiv für diese grausame Maßnahme ist, sondern einzig und allein die Staatsräson: Die Gewährleistung eines reibungslosen Thronwechsels, der Wunsch, die staatliche Einheit nicht durch Bruderkriege zu gefährden. Doch noch so gut gemeinte und treffliche Gesetze können in Zeiten des Niedergangs auch beinahe zur Katastrophe führen, wenn sie von einem degenerierten Sultan wie Murat IV. (1623-1640) äußerst unüberlegt und falsch angewendet werden: Er wollte noch auf dem Totenbett seinen einzigen, aus welch seltsamen Gründen immer überlebt habenden Bruder Ibrahim töten lassen. Da Murat IV. keine Söhne hatte, hätte diese Maßnahme das Aussterben des Hauses Osman bedeutet. Angesichts dieser Gefahr stellten auch die Osmanen die Erbfolge auf das Prinzip des Seniorats um, wonach der Thron dem jeweils ältesten Osmanenprinzen zufiel. Dieser Grundsatz hat dann auch bis zum Ende des Osmanischen Reiches Gültigkeit. – Naja, auch das hat seine Tücken und Nachteile: Denken wir nur an unsere österreichischen Kaiser Franz I. und Ferdinand I. den Gütigen, in Hof- und Diplomatenkreisen aber unverblümt nur "der Kretin" genannt, und denken wir an den hochbegabten Erzherzog Johann, der in der fraglichen Zeit von den Regierungsgeschäften in Wien kleinlich und eifersüchtig ausgeschlossen worden ist, zum Schaden der Gesamtmonarchie, doch zum Nutzen der Steiermark, das sollten wir dankbar auch nicht vergessen!
Weil wir nun schon bis zum Ende des Osmanischen Reiches gekommen sind und wir wieder den Orient verlassen müssen, seien mir ein paar Gedanken zum Unterschied Orient und Okzident erlaubt; es bietet sich hier der Vergleich von 1001 Nacht mit den Grimmschen Märchen an. Schauen wir uns die Rahmenhandlung von 1001 Nacht an: Nachdem König Schehridschâr von seiner Frau betrogen worden ist und er dieser und ihrem schwarzen Liebhaber Mas‘ûd und ihren 20 Sklavinnen und 20 Sklaven, die sich ebenfalls der Unzucht hingegeben hatten, die Köpfe abgeschlagen hatte, nahm er sich 3 Jahre lang jede Nacht eine Jungfrau zu sich, schlief mit ihr und tötete sie dann, bis im ganzen Reich die Jungfrauen ausgegangen waren. So blieben nur mehr die zwei Töchter des Wesirs selbst übrig, die ältere Schehrezâd und die jüngere Dinazâd. Schweren Herzens schickt der Wesir, der selbst bei Nichterfüllung seines Auftrags um sein Leben fürchtet, Schehrezâd zum König. Als der ihr nach seiner Gewohnheit beiwohnen wollte, begann sie zu weinen. Auf des Königs Frage nach dem Grund ihrer Tränen, sagt sie, sie habe eine kleine Schwester, von der wolle sie noch Abschied nehmen. Dinazâd darf kommen, die beiden umarmen sich und die kleine Schwester setzt sich ans Fußende des königlichen Lagers. Der König wohnt nun Schehrezâd bei – die kleine Schwester darf/muss offensichtlich zuschauen – und bevor der König der großen Schwester den Kopf abschlagen kann, bittet die kleine ihre große Schwester, noch schnell eine Geschichte zu erzählen. Bevor die Geschichte zu Ende ist, graut der Morgen. Der König lässt Schehrezâd am Leben, weil er neugierig ist, wie die Geschichte zu Ende geht; in der nächsten Nacht soll sie die Geschichte fertig erzählen, und dann schlägt er ihr aber unverzüglich den Kopf ab. Doch mit den vielen beim Morgengrauen immer noch halbfertigen Geschichten werden aus der 1 Nacht 1000 und 1 Nächte, an deren Ende Schehrezâd dem König ihre 3 Kinder vorstellt, die sie während der 3 Erzähljahre von ihm empfangen hat. Und sie fleht ihn an: "O größter König unserer Zeit, dies sind deine Kinder, und ich flehe dich an, dass du mir den Tod erlässt um dieser unmündigen Knaben willen. Wenn du mich tötest, so sind diese Kleinen ohne Mutter." Da weinte der König Schehridschâr vor Mitleid und drückte die Knaben an seine Brust, und er lebte von da an ehelich und glücklich mit Schehrezâd zusammen, und er lebte auch mit dem Volk seines Reiches in Glück und Seligkeit, in Freuden und Fröhlichkeit, bis der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt und die Freundesbande zerreißt, nämlich der Tod.
Wenn ich mir die weit über 1000 Morde Schehridschârs an der der ehelichen Untreue schuldigen Ehefrau und an den unschuldigen geschändeten Jungfrauen vorstelle, so sind die Grimmschen Märchen wahrhaftig Kleine-Kinder-Bücher. Ist eine Strafe schon ganz unausbleiblich, wie die Hänsels und Gretels an der bösen menschenfresserischen Hexe, so wird halt gerade sie und nur sie im Ofen verbrannt, aber sonst niemand Unschuldiger. Oder im Märchen die Gänsemagd, ihr erinnert euch: "O du Falada, da du hangest ... o du Jungfer Königin, da du gangest, wenn das deine Mutter wüsste, ihr Herz tät ihr zerspringen." Und wie sich alles aufgeklärt hat mit der echten Königstochter und der falschen Braut, spricht sich diese unbedacht und verblendet ihr eigenes Todesurteil: "Die ist nichts Besseres wert, als dass sie splitternackt ausgezogen und in ein Fass gesteckt wird, das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist; und 2 weiße Pferde müssen vorgespannt werden, die sie Gasse auf, Gasse ab zu Tode schleifen." Und das ist ja auch die angemessene und gerechte Strafe für eine betrügerische Kammerjungfer, die sich die Rolle einer Königstochter anmaßt, die echte Königstochter beinahe um die Hochzeit mit dem schönen Königsohn bringt und die echte Königstochter zu niedriger Arbeit wie Gänsehüten verdammt. – Aber auch hier trifft die Strafe nur diese 1 betrügerische, schuldige Kammerjungfer und nicht etwa weitere 1000 unschuldige Kammerjungfern, von denen ja auch die eine oder andere noch auf die schiefe Bahn geraten könnte. Wer weiß das schon!
Zurück in die Wirklichkeit, wieder nach Europa, ins Abendland. Ich komme zu meiner letzten Mordgeschichte. Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger Erzherzog Ferdinand samt seiner Frau Sophie in Sarajevo von einem bosnischen Studenten namens Gavrilo Princip erschossen. Dies mag der äußere, allerletzte Anlass zu Ausbruch des Ersten Weltkrieges gewesen sein. Doch es wäre schon viel zu viel der Ehre für diesen eher doch dilettantischen Attentäter und seine noch viel dilettantischeren Mitverschworenen, zu glauben, ohne ihre Mordtat wäre der Erste Weltkrieg nicht ausgebrochen. In Deutschland und Österreich hatten die Kriegsparteien ein solches Übergewicht gewonnen, dass sie wohl einen anderen Kriegsgrund gefunden hätten, wenn auch halt dann ein bisschen später. In Russland warnte vor allem der ominöse, jedoch hier weit-und klarsichtige Rasputin den Zaren Nikolaus II. vor einem Kriegseintritt Russlands als für den Zarenthron und das Zarenreich verderblich, der ungarische Ministerpräsident Graf Stefan Tisza warnte vor unbesonnenem Vorgehen, denn der Angriff auf Serbien müsse unweigerlich einen bewaffneten Konflikt mit Russland und damit einen Weltkrieg auslösen. Und der Kaiser Franz Joseph I. hatte überhaupt einen ganz anderen, jedenfalls gänzlich unkriegerischen Aspekt. Auf die Nachricht von der Ermordung seines Thronfolgers rief er mit dem Gedanken an die unstandesgemäße Heirat Ferdinands mit der Sophie Chotek: "Entsetzlich. Der Allmächtige lässt sich nicht herausfordern. Eine höhere Gewalt hat wieder jene Ordnung hergestellt, die ich leider nicht zu erhalten vermochte." Und gegenüber seiner Tochter, Erzherzogin Marie Valerie, äußerte er diesbezüglich ganz einfach: "Es ist für mich eine große Sorge weniger." – Aber der Krieg wurde von anderen Leuten schon lange geplant und diese setzten sich durch und so kam es im Sommer 1914 zur verhängnisvollen Kette gegenseitiger Kriegserklärungen der europäischen Mächte, und der Erste Weltkrieg war unversehens in vollem Gange. Den Anfang hatte am 28. Juli 1914, genau ein Monat nach dem Attentat, Österreich mit seiner Kriegserklärung an Serbien gemacht. Und so "gingen", um mit den Worten des britischen Außenministers Grey zu sprechen, "in Europa die Lichter aus". Heute würde er wohl etwas simpler sagen: "Die Sonne ist vom Himmel gefallen."
Damit bin ich am Ende meines Vortrags. Ich danke Ihnen für Ihre liebevolle und nachsichtige Aufmerksamkeit.
Literaturliste zum Mord als politisches Instrument
Franz Babinger, Mehmed der Eroberer. München. 1953
Heinz Bellen. Grundzüge der römischen Geschichte. Bd.2. Darmstadt. 1998
Frederik Berger, Die heimliche Päpstin. Berlin. 2008
Carl Brockelmann, Geschichte der islamischen Völker und Staaten. München. 1939
Die Erzählungen aus tausendundein Nächten. Übertragen von Enno Littmann. 6 Bände. Insel Verlag. Wiesbaden 1953.
Rudolf Fischer-Wollpert, Lexikon der Päpste. Regensburg. 1988
Fischer Weltgeschichte, Bd.14, Der Islam I; Bd.15, Der Islam II
Ernst J. Görlich u. Felix Romanik, Geschichte Österreichs. Wien. 1995
Ulrich Haarmann (Hg.), Geschichte der arabischen Welt. München. 1987
Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Stuttgart.O.J.
Gerhard Konzelmann, Die großen Kalifen. München. O.J.
Lutherbibel für dich. O.O.O.J.
Josef Matuz, Das Osmanische Reich. Darmstadt. 1985
Das Nibelungenlied. Bremen. 1959
Propyläen Weltgeschichte, Bd.2, Hochkulturen des mittleren und östlichen Asiens. Frankfurt a.M. 1962
Reclams Lexikon der antiken Mythologie. Stuttgart. 1974
Jacques Robichon. Nero. Kaiser, Poet, Tyrann. München. 2004
Gustav Schwab, Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. Köln. 2000
Sueton, Cäsarenleben. Stuttgart. 1957
Jörg von Uthmann, Attentat. Mord mit gutem Gewissen. O.O.OJ.
Stephan Vajda, Felix Austria. Eine Geschichte Österreichs. Wien. 1980
Oskar von Wertheimer, Kleopatra. Die genialste Frau des Altertums. Wien. 1947