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Neu: Professur für Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der Uni Graz

Das Wintersemester 2005/06 setzt einen wichtigen Markstein für die Karl-Franzens-Universität Graz, weil am Institut für Soziologie die erste Professur für Frauen- & Geschlechterforschung eingerichtet wird. Die neue Professur, deren Schwerpunkte in der Soziologie und in den interdisziplinären Gender Studies liegen, wird ab Oktober 2005 von Frau Prof. Dr. Angelika Wetterer übernommen.

 

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Von Germanistik bis Soziologie

Die Universität Graz freut sich, mit Prof. Wetterer eine Wissenschaftlerin gewonnen zu haben, die seit vielen Jahren in der Frauen- & Geschlechterforschung tätig ist und ihr immer wieder wichtige neue Impulse gegeben hat.

Frau Wetterer studierte Germanistik und Soziologie an den Universitäten Hamburg und Frei-burg i.Br und promovierte 1979 zum Dr. phil. im Fach Germanistik. Nach wissenschaftlicher Tätigkeit bei der „Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Forschung in der Medizin“ in Frei-burg und am Institut für Soziologie der Universität Freiburg war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am „Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung“ und bei der „Interdis-ziplinären Arbeitsgruppe Frauenforschung“ der Gesamthochschule Kassel beschäftigt.

Einer Stellung als wissenschaftliche Koordinatorin der „Marie-Jahoda-Gastprofessur für In-ternationale Frauenforschung“ an der Ruhr-Universität Bochum folgte die Habilitation 2002 an der Universität Kassel und die Verleihung der Venia Legendi für das Fach Soziologie.

Prof. Wetterer ist als Lehrbeauftragte an den Universitäten Freiburg i.Br., Kassel, Hannover, Zürich, Wien und Linz tätig gewesen. Sie hat von 2000 bis 2003 die Professur für „Frauenfor-schung mit dem Schwerpunkt Qualifikation und Beruf“ am Institut für Soziologie der Univer-sität Dortmund vertreten und war im Sommer 2004 als Aigner-Rollett-Gastprofessorin zum ersten Mal in Graz. Ihre letzte Station vor der Rückkehr nach Graz war eine Gastprofessur für Feministische Theorie am soziologischen Institut der Universität Wien.

Die Forschungsschwerpunkte von Prof. Wetterer sind: Professionalisierung, Arbeitsteilung und Geschlechterkonstruktion; feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie; Mo-dernisierungsprozesse im Geschlechterverhältnis; soziale und diskursive Medien der Wirklichkeits- und Geschlechterkonstruktion; Frauen- und Gleichstellungspolitik in prakti-scher und theoretischer Perspektive.

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Weitreichendes Lehrveranstaltungsangebot

Die Lehrveranstaltungen von Prof. Wetterer im WS 2005/06 decken ein breites Spektrum ab. Während die Vorlesung „Geschlecht und Gesellschaft“ in die Grundlagen der sozialwissen-schaftlichen Geschlechterforschung einführen wird, steht in dem Seminar „Doing Gender“ die rekonstruierende Analyse von Geschlechterkonstruktionen in der alltäglichen Praxis im Mit-telpunkt, die den einen oder anderen Ausflug in die Grazer Alltagswirklichkeit einschließen wird. Mit den Anschlussmöglichkeiten zwischen soziologischer & feministischer Theorie wird sich das Seminar „Bourdieus Theorie der Praxis und die Soziologie der Geschlechter“ beschäftigen. Schließlich wird Prof. Wetterer ein Kolloquium zur sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung einrichten, das als Diskussionsforum für Studierende und Nach-wuchswissenschaftlerInnen konzipiert ist und ihnen die Möglichkeit bietet, ihre Abschlussar-beiten und Forschungsvorhaben vorzustellen, fachkundige Beratung einzuholen und wichtige Neuerscheinungen aus der Frauen- & Geschlechterforschung zu besprechen.

Näheres zu den Lehrveranstaltungen im WS 2005/06

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Interview mit Angelika Wetterer

In welche Richtung möchten Sie die neue Professur / die Stellung von Gender Studies an der Uni Graz entwickeln?

Die Universität Graz hat mit der Einrichtung der Professur für Geschlechterforschung Neu-land betreten, denn die neue Professur ist interdisziplinär ausgerichtet und sie ist zugleich in der Soziologie verankert. Diese ‚Zweigleisigkeit’ wird auch für meine Arbeit in Graz Rich-tung weisend sein.
Ein erster wichtiger Schwerpunkt wird in der Soziologie liegen, im Auf- und Ausbau der So-ziologie der Geschlechterverhältnisse als eines festen Bestandteils der Soziologie-Lehre. Ich habe aber auch vor, im Rahmen des ‚normalen’ Soziologie-Curriculums die gemeinsame Schnittmenge von soziologischer & feministischer Theorie herauszuarbeiten und zu zeigen, dass Geschlecht in nahezu allen sozialen Bereichen eine bedeutsame Rolle spielt.
Der zweite wichtige Schwerpunkt ist die Lehre in den interdisziplinären Gender Studies. Hier sehe ich meine Aufgabe vor allem darin, das Basiswissen und die Schlüsselqualifikationen zu vermitteln, ohne die Interdisziplinarität leicht als beliebig oder verwirrend erfahren wird. Die Disziplinen, aus denen die Studierenden kommen, unterscheiden sich ja in vielen Belangen, das beginnt schon mit der Sprache. Da sind Übersetzungshilfen nötig und da braucht es orien-tierende Wegweiser im 'Dschungel der Disziplinen’. Ich sehe mich da ein bisschen in der Rolle einer Pfadfinderin.
Zur Lehre kommt als dritter Schwerpunkt die Forschung hinzu. Ich komme nach Graz mit Plänen für einzelne Forschungsprojekte zur Soziologie der Geschlechter. Und ich komme mit dem festen Vorsatz, einen interdisziplinären Forschungszusammenhang ins Leben zu rufen: den Forschungsschwerpunkt „Geschlechterwissen, Professionalisierung, Organisationsent-wicklung“. Dazu wird es gleich im nächsten Jahr eine Vortragsreihe und eine Tagung geben, damit deutlich wird: Hier bewegt sich was.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als die erste Gender-Studies-Professorin an der Universität Graz? Bringt es etwas Besonderes mit sich, die Erste zu sein?

Natürlich ist es etwas Besonderes, die erste ‚Gender-Professorin’ hier in Graz zu sein: Es ist eine besondere Herausforderung und es eröffnet große Chancen, neue Schwerpunkte zu set-zen, neue Arbeits- und Kooperationszusammenhänge aufzubauen und das Profil der Grazer Geschlechter Studien auszubauen und zu schärfen.
Gleichzeitig sind die Geschlechter Studien in Graz aber auch alles andere als Neuland. Ich bin sogar sicher, dass es auch ‚meine’ neue Professur nicht geben würde, wenn die Frauen- & Geschlechterforschung nicht in Graz schon heute auf eine relativ lange und erfolgreiche Tra-dition zurückblicken könnte. Ich freue mich auf beides zugleich: Auf den Aufbau neuer Schwerpunkte und auf die Mitarbeit in laufenden Vorhaben, auf das Knüpfen neuer, auch internationaler Netzwerke und auf die Zusammenarbeit mit den KollegInnen hier vor Ort.
Das Eine geht nicht ohne das Andere, vor allem nicht im interdisziplinären Bereich. Interdis-ziplinär arbeiten kann man nicht alleine. Das geht nur im Dialog. Und der gelingt am besten in Lehr- & Forschungszusammenhängen, die sich aus der Sicht unterschiedlicher Disziplinen bearbeiten lassen und wo diese sich aufeinander beziehen, sich ergänzen und relativieren kön-nen.
Für mich liegt eine zentrale Aufgabe der neuen Professur darin, Impulse für die Entwicklung solcher Arbeitszusammenhänge zu geben. Von dem interdisziplinären Forschungsschwer-punkt, den ich ins Leben rufen möchte, war bereits die Rede. Ein weiterer wichtiger Ort für den Dialog der Disziplinen entsteht gerade mit den zwei neuen Gender-Studies-Studiengängen, die in Graz zur Zeit vorbereitet werden.
Beides sind die Vorhaben, die mir als erster Gender-Professorin in Graz ganz besonders am Herzen liegen. Ihr Gelingen wird aber nicht nur von mir abhängen, sondern davon, dass die vielen Kolleginnen, die schon lange vor mich hier waren, ihr Engagement, ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen.

Sind Gender Studies im Allgemeinen gut an Universitäten vertreten? Wie würden Sie ihre Stellung an der Universität Graz im Vergleich zu anderen Universitäten beschreiben (im deutschsprachigen Raum / weltweit)?

Über die Stellung der Gender Studies an den Universitäten ‚im Allgemeinen’ oder gar ‚welt-weit’ lässt sich nur sehr wenig sagen - zu groß sind die Unterschiede zwischen den Universitäten und Ländern, und auf die Frage, wann die Gender Studies denn nun „gut“ ver-treten sind, gibt es weit mehr als eine Antwort. Hinzu kommt, dass sich die Geschlechterfor-schung an den Universitäten heute in einer Umbruchsphase befindet und dass zeitgleich die Prozesse der Hochschulstrukturreform neue Rahmenbedingungen abstecken, die Anlass zu Optimismus und zu Pessimismus geben.
Viele der namhaften Gründerinnen der Frauen- & Geschlechterforschung haben in den letzten Jahren das Pensionsalter erreicht oder werden dies bald tun. Vielerorts sind damit die Stellen, die sie innehatten, zur Disposition gestellt. Auch an Universitäten, die in der Geschlechterfor-schung zu den ‚ersten Adressen’ gehörten, könnte so eine noch junge und sehr produktive wissenschaftliche Tradition des Nach- und Querdenkens zu Ende gehen, bevor sie an die nächste Generation weitergegeben werden konnte.
Gleichzeitig hat es noch nie zuvor so viele hoch qualifizierte Wissenschaftlerinnen gegeben, die sich auf die Geschlechterforschung spezialisiert haben. Die Fülle an weiterführenden Pub-likationen ist kaum noch zu überblicken. Und die Themen der Geschlechterforschung gewin-nen zunehmend an gesellschaftlicher und politischer Bedeutung, nicht zuletzt in Folge des demografischen Wandels. Es gibt also ein großes wissenschaftliches Potenzial und es gibt einen wachsenden gesellschaftlichen Bedarf. Aber was daraus wird in Zeiten der knapper werdenden öffentlicher Mittel, ist noch nicht entschieden.
Ich finde es deshalb ganz besonders erfreulich, dass an der Universität Graz wichtige Wei-chen für einen weiteren Ausbau der Gender Studies gestellt worden sind. Hier ist schon in der Vergangenheit ein gutes Fundament gelegt worden. Und hier hat die Universität mit der Ein-richtung der Gender-Professur und der Entscheidung, zwei neue Gender-Studies-Studiengänge ins Leben zu rufen, deutlich gezeigt, dass die Frauen- & Geschlechterforschung in Graz auch in Zukunft einen festen Platz haben wird.
Ich komme deshalb mit einer gehörigen Portion Optimismus nach Graz und mit vielen Plä-nen. Ich weiß aber auch, dass noch sehr viel zu tun ist und dass sich den genannten positiven Entwicklungen nicht minder gewichtige und sehr zählebige Defizite an die Seite stellen lie-ßen. Aber davon soll heute und für den Anfang ausnahmsweise einmal nicht die Rede sein.

(Text & Interview: Jaana Tapio)

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