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Herwig Wakonigg, 2002-03-01
   
  Geographische Reisenotizen zu den Azoren (1. Teil)
  Die Azoren umfassen 9 bewohnte Inseln, dazu einige kleinere Eilande und Riffe
   
 

Einführung

Azoren? Das sind doch die mit dem Azorenhoch! Irgendwelche Inseln "weit draußen" im Atlantik, zu Portugal gehörend. Und sonst noch?..... Bei kaum einer anderen Inselgruppe ist die Diskrepanz zwischen der guten Geläufigkeit des Namens und der geringen Kenntnis der tatsächlichen geographischen Bedingtheiten größer als bei den Azoren.

Sie umfassen 9 bewohnte Inseln, dazu einige kleinere Eilande und Riffe mit insgesamt 2304 km² Fläche. Das entspricht einem Quadrat mit 48 km Seitenlänge oder fast genau der Fläche der Weststeiermark, verstanden als Summe der politischen Bezirke Voitsberg, Deutschlandsberg und Leibnitz. Gegliedert in 2 West-, 5 Mittel- und 2 Ostinseln mit einer ungefähren Anordnung von NNW nach SSE liegen sie verteilt auf einen Raum zwischen 36° 55´ und 39° 43´Nord bzw. 25° und 31° 7´West mit einer Entfernung von Portugal zwischen 1370 km (Santa Maria) und 1890 km (Corvo). Damit liegen die Inseln selbst bis zu 500 km voneinander entfernt, doch beträgt der Abstand zwischen den beiden benachbarten Inseln Faial und Pico vergleichsweise nur 6 km.


Abb. 1: Die Lage der Azoren

Die Azoren werden von rund 237 ooo Menschen (1990), bewohnt, was etwa der Einwohnerzahl von Graz entspricht und eine Dichte von 103 Ew/km² ergibt, doch ist die Bevölkerung recht ungleich verteilt und konzentriert sich im wesentlichen auf die beiden Hauptinseln São Miguel und Terceira, die mit 126 5oo bzw. 59 3oo Einwohnern allein 78% der Menschen auf sich vereinen. Entsprechend heterogen ist auch die Bevölkerungsdichte mit einer Spannweite zwischen 21 (Corvo) und 166 (São Miguel).

Alle Inseln sind vulkanischen Ursprungs, somit also echte "ozeanische" Inseln in dem Sinn, dass sie sich seit ihrer Entstehung immer in isolierter Lage befunden haben und niemals Kontakt zu einem Kontinent hatten oder von diesem losgetrennt wurden, was wesentlich für die Besiedlung durch Pflanzen und Tiere ist und in beiden Fällen die Ausbildung endemischer Arten fördert.

Ihre Entstehung hängt mit der aktiven Azoren- Gibraltar-Linie zusammen, die nicht nur die Funktion eines Transform-Faults erfüllt, sondern als Haupt-Plattengrenze zwischen den hier ozeanischen europäischen und afrikanischen Platten anzusehen ist. In ihrem Westteil, unmittelbar östl. an den Mittelatlantischen Rücken anschließend (die Inseln liegen also nicht auf dem Mittelatlantischen Rücken!) zeigt sich dieses Lineament bis in die Gegenwart als tektonisch und vulkanisch hochaktiv, was immer wieder zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen führt. Der Vulkanismus ist also alles andere als erloschen, sondern im Gegenteil recht "lebendig". Dieser Beziehung entsprechend sind die Inseln auch parallel zur genannten Störung angeordnet und eigentlich nur als höchste Erhebungen von submarinen, lang gestreckten Horsten, welche durch tiefe Gräben getrennt sind, aufzufassen.

Innerer und äußerer Bau entsprechen dabei offensichtlich einem auf allen humiden und semihumiden vulkanischen Inseln der Tropen und Subtropen feststellbaren Grundmuster: Nach der submarinen Phase des Vulkanismus folgt die subaerische mit reichlicher Förderung basischer Laven des Basalttyps, wodurch ausgedehnte Decken und Schildvulkane aus "Plateaubasalten" entstehen und den Inseln auch ihre Grundgestalt, die Form flacher Schilde, Kuppeln oder Schildkrötenpanzer verleihen. Spätere Aktivitäten fügen dem noch die Aufbauformen von steilen Schichtvulkanen, ganzen Scharen oder Reihen von kleineren Aschenkegeln als Folge von mehr sauren und gasreichen Ausbrüchen des Stromboli- und plinianischen Typs hinzu. Schließlich sind auch noch Calderen als Ergebnis des Einbruchs teilweise entleerter Magmakammern zu nennen.

Bei den Zerstörungsformen ist zwischen der linear-erosiven fluvialen Tätigkeit des Inselinneren und der Brandungserosion an der Küste zu unterscheiden. Ihr jeweiliges Stadium ist dabei abhängig von der Dauer ihrer Einwirkung und damit indirektes Indiz für das Alter der Inseln oder wenigstens die Dauer der inaktiven Phase.

Die lineare Zerschneidung schafft zuerst seichte Barrancos, d.h. mehr oder weniger radiale schluchtartige Kerben, die sich später immer mehr zu mächtigen, mehrere 100 Meter tiefen Schluchttälern vertiefen und ausweiten, wobei sich diese Täler schließlich an ihrem Oberlauf stärker weiten als an ihrem Unterlauf und solcherart die typische Form der Kesseltäler erhalten, für welche hier der portugiesische Ausdruck "Ribeira" verwendet wird. Schließlich werden die Rücken zwischen den Tälern aufgezehrt, zu bizarren Felsburgen zurückerodiert und allmählich eingeebnet. Auf den Azoren haben die reifsten Formen gerade das Stadium zwischen Schluchttälern und Ribeiras erreicht.

Entsprechend den Lagebedingungen ist das Klima natürlich hochozeanisch-subtropisch, d.h. bei nur 8 bis 9 K Jahresschwankung bewegen sich die Durchschnittstemperaturen zwischen milden 14-15° im Februar und angenehmen 22-23° im August. Das vielzitierte Azorenhoch ist bestenfalls im Sommer länger wirksam, während ansonsten und vor allem im Winter die wechselhafte zyklonale Witterung der ektropischen Westwindzone mit häufigem und reichlichem Regen vorherrscht. Demnach sind nur auf den beiden südöstl. Inseln die beiden Sommermonate Juli und August als "arid" anzusprechen, weshalb auch Bewässerung in der Landwirtschaft nirgends nötig wird. Das augenfälligste Kennzeichen des Klimas ist aber eine in allen Jahreszeiten hohe Luftfeuchtigkeit im immer ozeanisch geprägten Luftkörper der Grundschicht, die zum Leidwesen der Besucher eine hohe Neigung zu niedriger Bewölkung, Nebel und sogar sommerlicher Schwüle zur Folge hat.

Was die natürliche Pflanzenwelt anlangt, so sind die Azoren floristisch gemeinsam mit Madeira, den Kanaren und Kapverden der Makaronesischen Florenregion zuzuordnen, wobei die ursprüngliche Flora nur etwa 170 Arten umfasste, von denen ein Drittel als Azoren-Endemiten gelten kann. Bis in die Gegenwart ist die Zahl der Arten durch eingeschleppte Neophyten auf etwa 800 angewachsen. Als typische Vertreter der Baumschicht gelten die Vertreter der Lorbeergewächse, dazu Myrica und Erica. Die einst flächendekkenden Lorbeerwälder sind heute nur mehr in bescheidenen Resten erhalten; sie mussten überwiegend Kulturland Platz machen, örtlich auch Aufforstungen mit landfremden Arten.

Als natürliche Vegetation war bis ca. 600 m die Lorbeerwaldstufe entwickelt, darüber bis 1000 m eine Strauchstufe mit Vaccinum, Erica und Juniperus-Arten und noch höher oben eine niedrige Strauch- und Zwergstrauchstufe bestehend aus den selben Gattungen wie darunter, dazu aus reichlich Farnen und Gräsern. Der Deckungsgrad dieser Formation nimmt oberhalb 1500 m, d.h. nur auf dem Vulkan Pico auf der gleichnamigen Insel, mehr und mehr ab, kleine Spaliersträucher (Vaccinien) sind aber bis wenigstens 2200 m anzutreffen.

Die Bevölkerung besteht durchwegs aus Nachkommen von seit dem 15. Jh. eingewanderten Portugiesen, dazu einigen anderen Westeuropäern; entsprechend ist die Amtssprache Portugiesisch, desgleichen die Umgangssprache, wenn auch mit inseltypischer Dialektfärbung.

Die Wirtschaft ist immer noch stark auf den primären Sektor orientiert, wobei nach einer recht bunten, immer wieder auf Monokulturen (Getreide, Färbepflanzen, Zuckerrohr, Wein, Orangen) ausgerichteten Wirtschaftsgeschichte der Schwerpunkt heute auf der Viehwirtschaft (Rinder) liegt, hinter welcher der Feldbau (Mais, Tabak, Wein, Batate, Bananen, Ananas) an Bedeutung deutlich zurücksteht. Der sekundäre Sektor ist nur wenig und bestenfalls im Bereich der Bauwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung präsent, beim tertiären Sektor ist der Tourismus gerade so weit entwickelt, dass man als Reisender durchwegs ausreichende Infrastrukturen vorfindet, nirgends jedoch Auswüchsen eines Massentourismus begegnet, was den Aufenthalt auf den Azoren besonders angenehm und reizvoll macht.

Übervölkerung zusammen mit der begrenzten landwirtschaftlichen Ertragslage und den wenig entwickelten sonstigen Wirtschaftssektoren führte immer wieder und besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jhs. zu Auswanderungswellen, wodurch die Azoren schon um 1960 mit knapp 337 ooo Einwohnern den Höhepunkt der Bevölkerungsentwicklung erreicht hatten und in den nächsten drei Jahrzehnten einen Rückgang um 100 ooo Menschen hinnehmen mussten. Für 2000 kann eine Bevölkerungszahl von ca. 252 ooo angenommen werden.

Reiselogistik

Die Azoren sind nicht so einfach zu erreichen wie die "Tourismusinseln" der Kanaren oder Madeira. Zuerst muss man über Frankfurt oder von Wien aus nach Lissabon fliegen, von dort mit einer portugiesischen Monopolgesellschaft nach Ponta Delgada auf die Hauptinsel São Miguel und dann nochmals mit kleineren Maschinen zu den einzelnen Inseln, wobei man diese Flüge aber wenigstens schon in Graz buchen kann. Diese etwas umständliche Anreise ist wohl der Hauptgrund, warum die Inseln noch nicht vom Tourismus überschwemmt worden sind. Trotzdem ist die Infrastruktur ausreichend entwickelt, man findet in allen Inselhauptorten (ausgenommen die winzige Insel Corvo) Hotels mit ausreichendem Standard, Autovermietungen und Gasthäuser oder Restaurants, dazu ist das Straßennetz gut bis zufriedenstellend ausgebaut. Geradezu überraschend ist das kartographische Angebot, neben einer F&B Karte 1:75 000 ist sogar in Graz die amtliche Karte 1:50 000 in mehreren Blättern erhältlich.

"Tourismusindustrie" mit allen ihren Auswüchsen gibt es bislang noch nicht; für Ideen und Aktivitäten hat man schon selbst zu sorgen, doch sind die Möglichkeiten zum Wandern, Bergsteigen (Pico), Radfahren, Baden und Whale-Watching ausgezeichnet bis gut und für Atlantik-Sportsegler sind die Inseln ein Muss. Als Besonderheiten können interessante botanische Gärten und Parks sowie die Fumarolen und Kochquellen auf São Miguel und natürlich die Besteigung des Pico genannt werden. Dazu kommen noch einige kleinere "Feinheiten" und "Highlights".

Ich habe die Azoren zusammen mit meiner Familie im Sommer 2000 besucht, wobei wir nach reiflicher Überlegung den Inseln Flores, Faial, Pico und São Miguel unterschiedlich lange Besuche abstatteten.

Flores

Flores ist die westlichste Insel der Azoren und beherbergt auf 143 km², ca. 44oo Einwohner, was eine Dichte von 31 ergibt. In dem an der Ostküste gelegenen Hauptort Santa Cruz das Flores wohnt allein ein gutes Drittel der Inselbevölkerung.

Morphologisch läßt sich die Insel in zwei Einheiten gliedern: Das Inselinnere zeigt noch recht gut die flach gewölbte Kuppelform der primären Anlage mit zahlreichen aufgesetzten Schlacken- und Schichtvulkanen, Verflachungen und sanften Muldentälern. Die auffälligste Besonderheit sind aber wenigstens 7 Kraterseen mit 100-300 m Durchmesser und bis 100 m Tiefe, die allesamt keinen oberflächlichen Abfluss haben, deren steile Innenflanken von dichtem Buschwerk bewachsen und die durchwegs völlig unerschlossen sind. Mit ihrem schwarz-grünen Wasser machen sie zumal bei Nebelwetter einen recht abweisenden und düsteren Eindruck.

Demgegenüber zeigt der periphere Teil der Insel durchwegs Züge weit fortgeschrittener Erosion und die erwähnten typischen Zerstörungsformen: Insbesondere an der Ostseite ist in einigen Fällen bereits das Übergangsstadium zwischen tiefen Schluchttälern und Ribeiras erreicht, in der größten, der Ribeira Fazenda, ist der obere Talquerschnitt schon etwas breiter als der untere und wird durch eindrucksvolle, von hohen Wasserfällen durchzogene Steilwände als direkte Indizien der rückschreitenden Erosion eingefasst.

Auch die Küsten sind überwiegend als Steilküsten ausgebildet, wobei vielfach Kliffhöhen von 100 m, im NW sogar bis 400 m erreicht werden. Landschaftlich am reizvollsten ist aber der W der Insel mit seinen Steilabstürzen, wobei im Mittelteil sogar an eine Großgleitung im Sinne der nischenförmigen Täler von Orotava und Güimar auf Teneriffa zu denken ist. Dadurch ergibt sich ein vergleichsweise flacher Küstenhof, der etlichen kleinen Dörfern in reizvoller Lage Platz geboten hat und von einem Steilabsturz mit rund 400 m Höhe im E begrenzt wird.

Diese landschaftliche Szenerie, dazu die weithin intakte Bedeckung mit dichtem Lorbeerwald, dazwischen ganze Bestände blau blühender Hortensien und etliche Silberfäden von Wasserfällen, die vielfach noch vor Erreichen ihrer Tosbecken in eine Wolke dichter Regentropfen zerstieben, die Abgeschiedenheit, Unerschlossenheit und Ursprünglichkeit der Bauerndörfer mit ihren weiß getünchten Häusern bescheren ein besonderes Reiseerlebnis, doch darf diese scheinbare Idylle nicht über die Strukturschwächen dieses Landstriches wie der ganzen Insel hinwegtäuschen, die zwischen 1860 und 1991 zu einem Bevölkerungsschwund von fast 60% geführt hat.

Im winzigen Weiler Ponta mit seiner kleinen Kirche kann man sich dem Gefühl hingeben, am "westlichsten Punkt Europas" zu stehen, an einem Strand aus fast schwarzem Basaltgeröll, welches von den Winterstürmen bis zu 10 m hoch aufgetürmt wurde bis zur äußersten von zahlreichen Trockenmauern reicht, mit denen hier die Parzellen des Kulturlandes eingefasst sind.

Die Kulturlandschaft der Insel wird im sanfter geformten Inselinneren weithin von Weideland, dazwischen aber auch von größeren Aufforstungen mit Cryptomeria japonica (Japanische Sicheltanne) eingenommen, Siedlungen gibt es keine. Im nördl. Teil des im Morro Alto bis 914 m aufragenden Hochlandes mit seinen 2000 mm sicher überschreitenden Niederschlägen und häufigen Nebellagen gibt es noch Bestände eines Nebel-Buschwaldes mit Lorbeer- und Erika-Gewächsen und reichlich Farnen und Moosen, welche örtlich zu nässetriefenden Bülten aufgetürmt sind.

Auch das Kulturland der tieferen Lagen wird heute längst von Rinderweiden dominiert, Ackerflächen sind die Ausnahme und dienen nur mehr dem häuslichen Bedarf. Allenthalben findet man kleine Parzellen mit "Yams", bei dem es sich tatsächlich aber um Taro (Colocasia esculenta), ein aus Ostasien stammendes Knollengewächs aus der Familie der Arazeen, handelt. Man hat Flores nicht wirklich beschrieben, wenn man nicht auf die üppig blühenden, die Parzellengrenzen bildenden Hortensienhecken, auf den reichen Blumenschmuck in den pittoresken kleinen Ortschaften mit ihren weißen Häusern, auf die allgemeine Sauberkeit, Stille und Harmonie dieser Landschaft hingewiesen hat.

Ist Flores eine Reise wert? Wenn man schon eine Fahrt auf die Azoren plant auf jeden Fall! Sicher, für einen "Aufenthalts-Urlaub" gibt die Insel zu wenig her, Baden im Meer ist praktisch nicht möglich, aber an Aktivitäten ist außer der Erkundung mit genügend geographischer Neugierde und Freude am Entdecken und Erleben vor allem an Wanderungen zu denken, wobei man insbesondere den "Klassiker" über den Steilabstürzen der Nordwestküste von Ponta nach Ponta Delgada an die Nordspitze einplanen sollte. Einen Abstecher für 3 bis 4 Tage zu diesem Kleinod "am Rande Europas" wird man sicher nicht bereuen!

Faial

Welch ein Kontrast zu Flores! Faial ist als eine der 5 mittleren Inseln mit 172 km2 zwar nur um ein Fünftel größer als Flores, beherbergt aber mit ca. 14 8oo Menschen fast dreimal so viele Einwohner. Auch die Hauptstadt Horta ist mit angeblich 8ooo Einwohnern und ihrer engen, geschlossenen Verbauung eine "richtige" Kleinstadt und nicht nur eine zufällige Ansammlung von Häusern, wie z.B. Santa Cruz das Flores.

Bau und Formenwelt von Faial sind vergleichsweise einfach: Alles beherrschend ist der inaktive und von dichtem Grün überzogene Zentralkrater "Caldeira" in der Mitte der Insel, der wohl keine echte Caldera, sondern nur ein ausnehmend großer Krater mit immerhin 2 km Durchmesser am Oberrand, 1 km am Kraterboden und einer mittleren Tiefe von 400 m ist. Der höchste Punkt, der 1043 m hohe Cabezo Gordo befindet sich südl. des Kraterrandes und wird von etlichen Sendemasten gekrönt. Der Kraterrand ist von Horta aus bequem mit dem Auto auf einer asphaltierten Straße erreichbar, nicht weniger einfach und bequem ist die Fußwanderung auf den nur 140 m höheren Gipfel. Vom Kraterrand fallen die Hänge in alle Richtungen mehr oder weniger konkav und gleichmäßig ab und sind von einem radialen Gewässer- bzw. Talnetz nur mäßig tief, d.h. in Form der schon genannten Barrancos zerschnitten.

Außer dem beherrschenden Zentralvulkan, der etwa die Hälfte der Inselfläche beansprucht, gibt es im W einen weiteren auffallenden Kegel, den Cabezo da Fonte (488 m) und am Westkap den erst 1957/58 letztmals aktiven Vulkan Capelinhos, dessen Ascheund Schlackenförderung damals etlichen Landgewinn bedeutete, von dem aber seither vieles wieder durch die Brandung abgetragen worden ist. Nach W fallen seine Flanken heute etwa 140 m fast senkrecht zur Küste ab. Eine Begehung dieser urweltlichen Landschaft lohnt sich auf jeden Fall, sie gehört zu den angesprochenen Highlights der Inseln, auch wenn heute keinerlei vulkanische Aktivitäten mehr zu beobachten sind.

Abweichend von diesem Bauplan ist der E, insbesondere der SE. Dort gibt es reifere, tiefer eingeschnittene, z.T. aber auch sanfte, muldenförmige Täler mit Streichrichtung ESE, und die Umgebung von Horta bzw. ihres südl. Stadtteils Angustias wird durch etliche jüngere Kegel als Aufbauformen gestaltet. Besonders markant sind der Monte Carneiro (267 m) und der die südöstlichste Landspitze bildende Monte da Guía als vom Inselblock abgesetzte Halbinsel mit ihrem vom Meer erfüllten Doppelkrater "Caldeira do Inferno".

Die wesentlich flacheren und sanfteren Oberflächenformen sind letztlich die Ursache der viel stärkeren Rodung und Transformation zu Kulturland und der damit einhergehenden größeren Bevölkerungsdichte gegenüber Flores. Richtiger Wald bedeckt kaum noch 10 % der Insel; im W zwischen Cabezo da Fonte und Cabezo do Fogo (529 m), die schon als Parasitärkrater der Caldeira anzusprechen sind, liegt der mit 6 bis 7 km² größte erhalten gebliebene, urig-beeindruckende Lorbeerwald, der aber örtlich schon reichlich von Cryptomeria japonica und teilweise von Pinus (pinaster?) durchsetzt ist. Dort an der Nordwestküste in der Baia da Ribeira das Cabras gibt es einen schönen, recht einsamen Strand, bestehend aus feinem, fast schwarzem vulkanischen Sand mit hohem grünlich- goldig glänzendem Olivin-Anteil.

Reine Aufforstungen mit Cryptomeria japonica finden sich vor allem noch in 700 bis 900 m an der SE-Flanke der Caldeira; der überwiegende Teil der Insel ist aber Kulturland mit vorherrschenden Rinderweiden, wobei die Hortensien - die Charakterblumen der Azoren - hier weniger beherrschend sind als auf Flores. Andererseits finden sich, wohl bedingt durch weniger reichliche Niederschläge bereits etwas trockenheitsliebendere Zierpflanzen und Exoten wie Drachenbäume, Kakteen, Palmen, Bougainvilleen und Agaven, besonders die dornenfreie und weiche Agave attenuata, die etwa auf Madeira als erstrangige Zierpflanze gelten kann.

Die Überlegung, wie weit man Faial in sein Reiseprogramm einplanen sollte, muss daran gemessen werden, dass diese Insel nur einen Katzensprung, d.h. eine dreiviertelstündige Schiffspassage von Pico, dem absoluten Muss der Azoren entfernt ist. Neben dem Besuch der Caldeira gibt es das Abenteuer des Capelinhos, einige schöne Strände, darunter die knapp nördl. von Horta liegende Praia de Almoxarife und den etwas belebteren "Stadtstrand" Porto Pim sowie natürlich die Hauptstadt selbst mit ihrem berühmten, von tausenden Malereien verzierten Yachthafen und ihrem dezenten Charme eines Hafenstädtchens, dessen "bessere Zeiten" längst Vergangenheit sind. Einige solide ausgestattete Hotels und eine ausreichende gastronomische Infrastruktur lassen auch einen "Aufenthalts- Urlaub" im Umfang von einer Woche durchaus erstrebenswert erscheinen.

(Fortsetzung im Heft 31)

   
 
Erschienen in den Grazer Geographischen Mitteilungen Heft 30, Graz, März 2002
 
 
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