Pico
Unmittelbar östlich gegenüber von Faial gelegen ist diese Insel mit 483 qkm die zweitgrößte des Archipels und 2,8 mal so groß wie Faial, beherbergt aber nur etwa 15 ooo Einwohner, was die bescheidene Dichte von 31 ergibt. Die diesbezüglichen Ungunstfaktoren sind in der physiogeographischen Sonderstellung dieser Insel zu suchen: Gut zwei Drittel der wie eine plumpe, nach W gerichtete Keule geformten Insel werden vom gewaltigen Zentralvulkan Pico beherrscht, der mit seinen 2351 m nicht nur der höchste Berg des Archipels, sondern ganz Portugals ist.
An seinen konkav nach W auslaufenden Flanken, die sich schließlich bis in Küstennähe auf etwa 5 % Gefälle abflachen, finden sich etwa zwei Dutzend aufgesetzte Parasitärkrater, von denen sich der Cabezo das Cabras (1231 m) durch seine besonders makellose Kegelform mit Zentralkrater ohne jegliche Erosionsformen hervorhebt. Aber auch sonst sind reifere, ja überhaupt Zerschneidungsformen die Ausnahme, wie allgemein Armut an fließenden Wasserläufen den W der Insel kennzeichnet. Ursache ist die Jugendlichkeit der vulkanischen Ablagerungen, die offenbar noch keine tiefgründige Bodenbildung gestattete, wodurch die Insel weithin als petrographisch trocken gelten kann.
Nur im S wird die fast perfekte Kegelform des Pico gestört: Dort haben sich, wohl durch meeresabrasive Unterschneidung bedingt, einige Massenbewegungen ereignet, die zu enormen Hangversteilungen im Sinne richtiger Kegelschnitte geführt haben. In diesen praktisch unbegehbaren Steilhängen befinden sich auch die auffallendsten schluchtartigen Erosionskerben, wobei sich am Fuß des größten Barrancos sogar ein schöner Murkegel gebildet hat. Diese Steilhänge sind immer noch mit dichtem Lorbeerwald bewachsen, ausgenommen nur plaikenartige Anrisse.
Abweichend von der beschriebenen Struktur zeigt sich der etwa ein Drittel der Inselfläche umfassende und den "Griff der Keule" bildende Ostteil von Pico. Dort ist das Innere als sanftwelliges Hochland mit einer Unzahl aufgesetzter Kegel und etlichen kleineren Kraterseen ausgebildet. Bei einer Durchschnittshöhe um 800 bis 900 m erreicht die höchste Erhebung gerade 1076 m. Dieses Hochland fällt relativ steil nach N und S zu einer etwas flacheren Küstenlandschaft ab, welche Platz für einige Ortschaften bietet. In die Steilhänge dieses Ostteils haben sich schon einige Schluchten eingeschnitten, ein richtiges Gewässernetz wie z.B. auf Flores ist aber noch nicht entwickelt.
Auch die Küstenkliffs erreichen durchwegs nur 10 bis 20 m Höhe und sind mit all den anderen beschriebenen unübersehbare Indizien für das geringe Alter der Insel wenigstens in ihrem Hauptteil, in welchem die Aufbauformen bei Weitem dominieren. Gerade der Vergleich mit Flores oder dem Ostteil von São Miguel zeigt, wie unterschiedlich gestaltet die Inseln letztlich sind und wie wenig man "die Azoren" wirklich kennt, wenn man nur eine von ihnen besucht hat.
Was das Kulturland anlangt, sind alle höheren Teile der Insel (mit Ausnahme der immer noch den in 800-900 m auch als regelrechten Nebelwald ausgebildeten Lorbeerwald tragenden) Steilflanken Rinder-Weideland, während die Küstenzone eher agrarisch genutzt wird, wobei hier nach der allgemein wichtigsten Nutzpflanze Mais der Wein an zweiter Stelle zu nennen ist. Dieser wird durchwegs auf von Trockenmauern eingefassten, meist recht kleinen Parzellen angebaut, wo er mit einem reichlichen Unterwuchs an konkurrierenden Kräutern zu kämpfen hat. Örtlich bestimmen diese Weingärten durchaus das Gepräge der Kulturlandschaft, doch von einer richtigen "Agrarlandschaft" kann nicht wirklich die Rede sein. Zu seicht und zu steinig ist die Bodenkrume, um die Bestellung von größeren Flächen mit dem Pflug zu gestatten.
Nicht unerwartet sind auch die Ortschaften auf Pico vergleichsweise bescheiden. Es gibt abgesehen von den kleineren Bauerndörfern und Weilern nur drei "größere" Orte: Lajes an der Süd-, São Roque do Pico an der Nordküste und den Hauptort Madalena an der Westspitze, gegenüber und in Sichtweite von Horta. Im Gegensatz zu jener doch lebhaften und reizvollen Kleinstadt ist Madalena ein "besseres Mehrwegedorf" mit dem Eindruck eines abgelegenen Vorpostens eines Entwicklungslandes. Eine alte, undefinierbare Fabrik, eine kleine Werft mit ihren rostigen "Seelenverkäufern" und der unorganisch hineingestellte Betonklotz des alles beherrschenden Hotels verstärken diesen Eindruck eher noch. Trotzdem haben wir uns gerade in Madalena recht wohl gefühlt, erlebten wir dort doch so etwas wie eine intime Gemütlichkeit, etwa auch bei ausgezeichnetem Bier vom Fass unter Schatten spendenden oder Regen abhaltenden Baumkronen in den Gastgärten der kleinen Lokale im "Mittelpunkt des örtlichen Geschehens".
Ist Pico wirklich ein "Muss"?
Abgesehen von einem 18 Loch-Golfplatz und den üblichen Wandermöglichkeiten hat Pico zwei Besonderheiten aufzuweisen: Zum einen das Whale-Watching, wofür Madalena als Ausgangspunkt dient und wobei man sicher Delphine, vielleicht Orcas und unter Umständen auch größere Wale zu Gesicht bekommt, zum anderen natürlich den Pico und seine Besteigung. Rein technisch ist diese keinerlei Problem; von dem mittels Auto erreichbaren Ausgangspunkt in 1200 m Höhe sind es ja nur 1050 m bis zum Gipfel. Wenngleich der Anstieg entlang der zumeist recht gleichmäßig steilen Flanken auf seiner Westseite wenig Abwechslung bietet, ist doch das Erlebnis der Gipfelcaldera und des noch etwas über diese erhobenen eigentlichen Gipfel des Piquinho zumal bei sonnigem Wetter von einzigartigem Reiz und lohnt auch eventuelles mehrtägiges Warten auf geeignete Wetterbedingungen. Absoluter Geheimtipp ist aber eine Übernachtung in der Caldera selbst und das Erleben des Sonnenaufgangs in 2200 m Höhe. Darüber hinaus ist ein regelrechter "Aufenthalts-Urlaub" auf dieser Insel eher weniger lohnend.
São Miguel
Diese ist neben Santa Maria eine der beiden Ostinseln und mit 760 qkm die größte der gesamten Azoren, somit nur wenig kleiner als Madeira, mit der sie einige Ähnlichkeiten besitzt. Sie hat die Form einer etwas zu lang geratenen Erdnuss und ist bei ca. 60 km Länge 9-13 km breit. Mit 126 5oo Einwohnern (Dichte 166) und der mit ca. 60 ooo Einwohnern "verhinderten Großstadt" Ponta Delgada als Hauptstadt der Azoren ist sie unbestreitbares Zentrum der Inseln und schon aus verkehrstechnischen Gründen unausweichliche „Pflichtübung“ bei einem Besuch des Archipels.
Infolge ihrer Größe ist die Insel natürlich nicht einheitlich gestaltet, sondern setzt sich aus recht heterogenen Teilen zusammen, die sicher unterschiedlich alt und wohl erst im Laufe der Entwicklung zu einer einzigen Insel zusammengeschweißt worden sind. Der etwa 13-14 km lange, plumpe und leicht rechteckige Ostteil ist offenbar relativ alt und zeigt mit Ausnahme der erhalten gebliebenen Hochfläche des Planalto dos Graminais in 900-1000 m (max. 1103 m) so gut wie keine Aufbauformen mehr. Bis zu 400 m eingetiefte Schluchttäler an der Vorstufe zu Ribeiras bestimmen überwiegend das Mittelgebirgs-Kerbtal-Relief, das mit seiner starken Bewaldung seinen vulkanischen Ursprung vergessen lässt und insbesondere bei Aufforstung mit Cryptomeria japonica stark an heimische Landschaften erinnert.
Zwischen den Schluchttälern gibt es verschiedentlich breite Rücken als Reste der alten Landoberfläche, die sogenannten Lombas, wobei deren unterste flache Ausläufer mit einer Höhe von 100 bis 200 m insbesondere auf der Nordseite Platz zur Anlage von Dörfern boten. Schwierig ist die Verkehrserschließung. Die vergleichsweise gute Straße muss in ermüdender Konsequenz alle Kerbtäler ausfahren, ihre Benutzung ist nichtsdestotrotz ein schönes Reiseerlebnis. Auch die Küsten zeigen mit ihren 100 und z.T. bis 200 m hohen Kliffs das Alter und die Reife des östlichen Inselteils.
Im SW des Ostteils schließt die Caldeira das Furnas an, eine Landschaft für sich, die fast nur Aufbauformen zeigt und insbesondere recht aktive, fauchende, kochende, blubbernde und stinkende Fumarolen! Sicher bescheidener als in Island, aber in Summe sogar beeindruckender als in Pozzuoli. Westlich der Caldeira das Furnas schließt ein Hochland von nur 500-600 m Höhe mit mäßig steilen, konvex abfallenden Flanken an, die ihrerseits in Form steiler Kliffs zur Küste abfallen. Die an sich eintönige und reizlose Hochfläche wird noch von einigen Aschekegeln überragt, ist kaum zerschnitten und besitzt auch keine Kraterseen. Sie wird heute überwiegend als Rinderweide genutzt.
Westlich anschließend folgt der mittlere Block der Insel, der als Bergland mit massiger Form um die zentrale, einsame und unerschlossene, wunderbar türkisblau leuchtende Lagoa do Fogo, einen Calderasee, ausgebildet ist. Die Entwässerung erfolgt mehr oder weniger radial durch Kerbtäler mit ungleich geringerem Reifegrad als im E. Als maximale Höhe können 947 m gelten.
Die nächstfolgende Landschaft ist unbestreitbarer wirtschaftlicher und demographischer Schwerpunkt der Insel. Obwohl an der schmalsten Stelle nur 8-9 km breit, ist sie doch gut 20 km lang und weithin so niedrig und flach (Durchschnittshöhe im Inselinneren um 200 m), dass sie die besten Voraussetzung für eine intensivere Landnutzung und die Anlage größerer Siedlungen bietet. Sie wird etwa in der Inselmitte durch eine Vielzahl unterschiedlich großer Aschekegel mit überwiegend NNW-SSE Anordnung überragt. Auch das praktisch fehlende Talnetz und die mit 20 bis 50 m vergleichsweise niedrigen Küstenkliffs zeugen von dem relativ geringen Alter dieser Landschaft.
Die letzte Landschaftseinheit im W ist der Zentralvulkan mit der größten Caldera des Archipels, den Siete Cidades. Der Durchmesser der Caldera, die nach Angaben von Augenzeugenberichten erst im 15. Jh. eingebrochen ist, beträgt am Oberrand allein 6 km, die relative Höhe der Umrahmung schwankt zwischen 300 und 600 m. Die Caldera beherbergt nicht weniger als 4 Seen. Die Außenflanken zeigen die erwartete radiale Barranco-Entwässerung und sind zur Gewinnung von Weideland weitgehend gerodet, während die ungleich steileren, wenig gegliederten Innenflanken überwiegend dicht bewaldet geblieben sind.
Die Heterogenität der Hauptinsel schlägt sich auch in der Kulturlandschaft und der Agrarstruktur nieder. Neben den insbesondere in größeren Höhen dominierenden Rinderweiden, die auf die autoritäre Regierungszeit Salazars zurückgehen, als man im Sinne eines portugiesischen Autarkiebestrebens den Inseln die Rolle des Fleisch- und Milchversorgers zugewiesen hatte, gibt es in den tieferen Lagen noch genug agrarische Nutzflächen, wobei als Haupt-Anbaupflanzen Mais und Tabak gelten können, hinter welchen die anderen wie z. B. Taro, Bananen, Kartoffeln oder gar Bohnen und Gemüse an Bedeutung weit zurückstehen.
Als Besonderheit der Insel muss die Ananas-Kultur genannt werden, die weniger den Eindruck einer innovativen Nutzung als eines liebenswerten historischen Reliktes macht: Diese aus Amerika stammende Frucht wird bei Fajã de Baixo, westlich der Hauptstadt ausschließlich in altertümlich wirkenden Glashäusern gezogen und erreicht nicht die Größe und Qualität der auf unseren Märkten angebotenen Ware.
Geradezu ein Kuriosum ist auch die Kultur von Tee auf wenigen Hektaren im NE der Insel bei Gorreana, wobei der Tee in einer museumsreifen Anlage weiter-verarbeitet wird. Dieses Attribut ist durchaus wörtlich zu nehmen, stammen doch die englischen Maschinen aus den 20er-Jahren des 20. Jhs., und man kann die ganze Anlage auch besichtigen, wobei man von keinem Führer, keinen Beschränkungen und keinen Verboten in irgend einer Weise bekümmert wird.
In Summe ist die gesamte landwirtschaftliche Struktur weder innovativ noch wirklich im EU-Raum marktwirtschaftlich konkurrenzfähig, nicht einmal die Rinderwirtschaft angesichts der Massenproduktion auf dem europäischen Festland und der geradezu liebevoll-nostalgischen Methode der Milchanlieferung z.T. noch auf Eselsrücken oder auf kleinen einachsigen Pferdefuhrwerken.
Wie allgemein ist auch der sekundäre Sektor nur im Bereich der Lebensmittel- und Holzverarbeitung (u.a. Molkereien, Zigarettenfabrik) oder der Bauwirtschaft nennenswert entwickelt, beim tertiären Sektor ist neben den üblichen Diensten wieder der Tourismus zu nennen, der aber auch hier noch nicht wirklich zum beherrschenden und landschaftsprägenden Wirtschaftszweig geworden ist.
Was lockt nun den Besucher nach São Miguel? Wie schon erwähnt ist diese Insel aufgrund ihrer Größe und heterogenen Struktur so abwechslungsreich, dass in ihr allein die Eigenheiten mehrerer anderer Inseln verwirklicht sind. Da gibt es das Erlebnis der Caldeira das Furnas mit den Fumarolen, wo die Bewohner von Furnas auch heute noch ihr Kraut und ihre Würste in natürlichen Erdöfen garen, da gibt es botanische Gärten und Parks von einmaligem Flair, sind doch die meisten Bäume schon alte Exemplare überseeischer Exoten und aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit stark mit epiphytischen Moosen und Flechten bewachsen, da gibt es zahlreiche Ausflugsmöglichkeiten zu den Siete Cidades, der Lagoa das Furnas, oder einfach nach freiem Gutdünken durch die Insel.
Darüber hinaus ist auch die Hauptstadt eine Besichtigung oder einen Einkaufsbummel wert, aber auch bei anderen Orten lohnt sich die Suche nach architektonischen oder kulinarischen Entdeckungen. Dazu gibt es die üblichen Möglichkeiten der sportlichen Freizeitbeschäftigung und vor allem etliche Strände, die sich recht gut zum Baden, Schnorcheln und Tauchen eignen, wobei auch das Sommerwetter hier im SE des Archipels merkbar sonniger und trockener ist als auf den weiter westlich gelegenen Inseln. Nicht zuletzt kommen auch botanisch Interessierte voll auf ihre Rechnung. Somit ist auch ein "Aufenthalts-Urlaub" von 14 Tagen durchaus keine Fehlplanung.
Resüme
Die Azoren vermitteln ganz allgemein den Eindruck eines unübersehbar strukturschwachen Gebietes am Rande Europas mit offensichtlich geringen innovativen Kräften und starker Abhängigkeit von EU-Fördermitteln. Eigeninitiative wird schon dadurch wenig gefördert, dass die starke Emigration erstrangig die diesbezüglichen Hoffnungsträger erfasst, die ihren Weg lieber in Übersee als in ihrer alten Heimat machen wollen. Dieser Entwicklungsrückstand hat auch seine Manifestationen im täglichen Leben, was von den von außen kommenden Reisenden auf ganz spezifische Weise wahrgenommen wird: So begegnet man noch einigen Unarten, die hierorts schon als überwunden gelten können, wie etwa allenthalben Müll in der Landschaft oder geringer Disziplin im Straßenverkehr, wobei Autos mit laufendem Motor oder die ganze Straße blockierend in zweiter Spur abgestellt werden und auf den Freilandstraßen bis in die späte Dämmerung ohne Licht und für die Verhältnisse viel zu schnell gefahren wird. Dazu findet man vielfach noch recht lethargisches Gehabe im Handel oder Dienstleistungsbereich.
Auf der anderen Seite sind die Inseln noch nicht von der Hektik eines sozioökonomischen "Fortschritts" verdorben; es gibt noch keine hingeklotzten Autobahnen oder Betonkästen einer touristischen Massenkultur wie z.B. schon auf Madeira, es gibt noch die unverfälschte Gastfreundschaft, ja eine ganz allgemeine Freundlichkeit der Menschen, es gibt ein staunenswert günstiges Preisniveau besonders im gastronomischen und Dienstleistungsbereich. Dazu sind die touristischen Infrastrukturen doch ausreichend entwickelt, wobei die zahlreichen gut ausgeschilderten und durchwegs an den schönsten Stellen angelegten Miradoures (Aussichtspunkte) und Picknikplätze besondere Erwähnung verdienen. Aufgrund der starken Migrationsbeziehungen zu Nordamerika und wohl auch der schulischen Ausbildung trifft man vor allem in wichtigen Bereichen auf gute englische Sprachkompetenz, was die Reiselogistik sehr vereinfacht.
In meinen persönlichen Reiseerinnerungen nehmen die Azoren einen ganz besonderen Platz ein, verbunden mit der Vorstellung einer beeindruckenden aber harmonischen Landschaft, deren Besuch mehr als nur eine gute Idee gewesen ist.
Der Zentralvulkan Pico (2351m), höchster Berg der Azoren und Portugals
|