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Janik Deutscher, 2005-09-28
   
  Der Donau Radweg – von Linz nach Wien
  Der Donau Radweg: Europas beliebter Radweg entlang des größten Flusses von Österreich. Doch der österreichische Abschnitt des Donau Radwegs ist weit mehr als „nur“ Donau. Oder „nur“ Wachau. Ein Kurzbericht eines herbstlichen Rad-Wochenendes durch das „Land am Strome“.
   
 

Gemächlich zieht das Frachtschiff an uns vorbei, während wir am Damm sitzen und hinab schauen. Hinab auf die sanften Wellen, die ans Ufer rollen. Hinab auf die im Sonnenlicht glitzernde Donau. Vor Schwebstoffen eher braun als blau fließt gemütlich das Wasser an uns vorüber. Seitab sitzt ein Angler. Einer von vielen entlang des Flusses. Sie sitzen in ihren Klappstühlen, ihre Angeln ausgeworfen und warten und sitzen. Ein Warten auf den großen Fang? Vielleicht. Doch die meisten sitzen nur, um zu sitzen. Denn an der Donau, so scheint es, wird das Sitzen zum Selbstzweck. Wegen der Ruhe, dem Wasserrauschen, der Einsamkeit. Ein Moment zum Fallenlassen. Ein Ort zum Verweilen.

In der Ferne läutet ein Kirchturm, lässt uns aufspringen, entreißt uns der verträumten Idylle des Donautals. Wir sind schließlich auf „Tour“, genauer auf Donau Radtour. Wir verstauen unsere Jause, steigen auf die Räder und rollen weiter. Dem Strome folgend, Richtung Wien.

Auch abseits der Donau meist ein idyllischer Radweg

Am frühen Morgen begann unsere Radreise. In Linz, am Hauptbahnhof. Durch die Fußgängerzone der mittelalterlichen „Landstraße“ gelangten wir zum Hauptplatz. Dessen Überquerung ist auch eine nostalgische Reise zurück ins 16. und 17. Jahrhundert, als der Linzer Hauptplatz noch ein bedeutender europäischer Wirtschaftsplatz war. Doch die Zeiten von Salz und Eisen sind vorbei. Die frühe und bedeutende Industrialisierung hat die Stadt geprägt. Die Hightech-Branche boomt und heute lässt die Stadt auch zunehmend als internationales Kulturzentrum aufhorchen.

Am Nordufer geht es die Donau entlang. Ein Blick aufs Südufer zeigt das industrielle Gesicht von Linz. Aus all den Türmen, Fabrikgebäuden und Lagerhallen ragen die Chemie-Linz AG und die Voest Alpine Stahlwerke heraus. Daneben Schlackenkegel und Abraum als Landschaftsbild. Und all das wirkt wie ein „kleines Ruhrgebiet“. Nur eben an der Donau.

Östlich von Linz führt der Radweg am ehemaligen Treppelweg entlang. Als es noch keine Schiffsmotoren gab und noch nicht mühelos flussaufwärts fahren konnte, war man auf Pferde angewiesen. Sie zogen die Schiffe vom Ufer aus an Seilen stromaufwärts. Der am Ufer entlang führende Weg erhielt den Namen „Treppelweg“, von „Traben“. Von Wien nach Linz brauchte ein solcher Konvoi über drei Wochen. Heute braucht man keinen Tag.

20 km nach Linz erreichen wir Mauthausen und ein dunkles Kapitel österreichischer Geschichte. 123.000 Menschen sind zwischen 1938 und 1945 im Konzentrationslager Mauthausen ermordet worden. Das KZ ist heute eine Gedenkstätte. Für den Besuch sollte man sich ausreichend Zeit nehmen.

Am Ufer der Donau geht es weiter und es wird freundlicher. Fast allein fahren wir auf breitem Weg vorbei an kleinen Siedlungen, Jachthäfen, Campingplätzen und Auwäldern, überholen eine amerikanische Reisegruppe und machen einigen ambitionierten Rennradfahrern Platz. Meistens Männer, meistens um die 60. Der Donauradweg als Freiluft Fitness Center. Dann ein kurzer Ausreißer ins Landesinnere: Maisfelder, Rapsfelder, Obstwiesen, Bauernhöfe. Ein Traktor tuckert vorüber, eine Bäuerin füttert die Hühner.

Die Donau bei Grein vom Südufer aus

Östlich von Dornach wird das Relief steiler, das Donautal verengt sich. Die Donau fließt schneller, nervöser. Das einst von Schiffern gefürchtete „Nadelöhr“ von Struden naht. Doch die gefährlichen Wirbel sind längst Geschichte. Wir wechseln das Ufer, fahren südlich an Grein vorbei nach Hößgang. Eine ausgegrabene Umfahrung der Engstelle von Struden, der „Hößgang“, gab dem Ort seinen Namen.

Wir verlassen den Strudengau. Die Donau hat sich längst beruhigt. Auch wegen dem Kraftwerk: Ybbs-Persenbeug. In den 1950er Jahren errichtet, galt das Wasserkraftwerk lange als Musterbeispiel der Ingenieurkunst und legte zusammen mit Kaprun das Fundament für die Wasserkraftwirtschaft Österreichs. Heute stammen rund 2/3 der österreichischen Energie aus der Wasserkraft.

Das Kraftwerk Ybbs-Persenbeug

Beim Anblick des Kraftwerks werden Erinnerungen wach. Das Hochwasser von 2002 war eines der stärksten in den letzten Jahrzehnten. Ybbs stand unter Wasser. Auch die westlich des Kraftwerks gelegenen Orte wurden überflutet. Hätte man das nicht verhindern können? Hätte man das Wasser nicht früher ablassen können? Ablassen müssen? Entscheidungen zwischen Hochwasserschutz und Profit. Die betroffenen Anrainer mussten es „ausbaden“. Ob sie in den Fluten untergehen oder nicht entscheidet letztlich auch das Kraftwerkmanagement.

Vorbei an der romantischen Altstadt treten wir Richtung Osten. Pittoreske Orte zieren das gegenüberliegende Ufer. Fast schon mystisch ziehen die Nebelschwaden vorüber, verschleiern die Landschaft. Geheimnisvoll. Reizvoll. Lichterspiele in den herbstlichen Auwäldern. Fast schwebend thront die Wallfahrtskirche Maria Taferl über dem Nebelmeer und erstrahlt im morgendlichen Sonnenlicht. Sagenumwoben. Die Nibelungen.

Gottsdorf an der Donau

Es verwundert nicht, dass das Donautal auch Heimat großer österreichischer Maler ist. Da wäre Oskar Kokoschka zu nennen. In der Nibelungenstadt Pöchlarn geboren entwickelte er einen Stil zwischen Impressionismus und Expressionismus und trug bedeutend zur europäischen Kunstszene bei. Oder Egon Schiele. Im Bahnhofsgebäude von Tulln aufgewachsen. Inspiration am Fluss?

Prunkvoll ragt das Benediktinerstift empor. Die weiß-braune Fassade, leuchtend zwischen blauem Himmel und grünem Wald. Ausdruck des kirchlichen Herrschaftswillens nach den Türkenkriegen. Inbegriff barocker Baukunst und prachtvolle Pforte zur Wachau. Gut behütet schmiegt sich der lebensfrohe Ort Melk an die Seite des Stifts. Man schlendert durch die engen Gassen. Touristen sitzen bei Kaffee und Kuchen am farbenfrohen Rathausplatz. Der Brunnen plätschert. Ruhe und Besinnung. Spirituelle Vorbereitung für die Wachau.

Links der Rathausplatz von Melk. Rechts ein malerisches Gässchen am Radweg in der Wachau

Wir tauchen ein in die Weinidylle, vorbei am Denkmal der „Venus von Willendorf“, paläolithische Steinfigur und Symbol der „Magna Mater“, hinein nach Spitz. Jahrhunderte alte Bergterrassen prägen den Tausendeimerberg. In guten Jahren wurden aus den Trauben dieser Lage bis zu tausend Eimer Wein (ca. 56.000 Liter) gekeltert. Urgesteinsböden, optimale Exposition und Hangneigung, thermische Begünstigung, Windarmut im verengten Tal und nächtliche Kaltluftzufuhr von der Hochfläche des Waldviertels. Das sind die Voraussetzungen für große Weine.

Terrassenweinbau und Obstbäume in Spitz

Der Weinbau in der Wachau blüht auf. Moderne Kellermethoden und das strenge österreichische Weingesetz lassen den österreichischen Weinskandal der 80er Jahre schnell vergessen. Die Qualität überzeugt. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. Rund 800 Winzer sind heute in der Wachau aktiv und keltern Weine jeder Qualitätsstufe: Vom Tafelwein bis zum international prämierten Spitzenwein, der sich auch vor einem Montrachet nicht mehr verstecken braucht und inzwischen ähnliche Preisdimensionen erreicht. Der Großteil der angebauten Trauben ist weiß. Rund die Hälfte der Anbaufläche ist mit Grünem Veltliner bestockt, der österreichischen Rebsorte schlechthin. Berühmt für sein würziges Bukett, dem „Pfefferl“. Auf Platz zwei folgt der Riesling.

Spezialisert ist die Wachau auf Weißweine. Doch auch einige rote Tropfen werden gekeltert.

Durch Wösendorf und Joching gelangen wir nach Weißenkirchen und passieren dabei einige der besten Lagen: Hochrain, Pichlpoint, Ritzling, Achleiten. Weinlagen mit Tradition. Der kleine Ritzlingbach wird oft als Namensgeber für den „König der Weißweintrauben“, den Riesling, genannt. Pralle Weintrauben hängen von den Reben, angeschienen von den letzten Sonnenstrahlen vor der baldigen Weinlese. Die prächtigen Lesehöfe und malerischen Weinkeller zu Fuße der weißen Kirche prägen das Ortsbild. Der Duft lokaler Küche schwebt durch die verträumten Gässchen. Ein Ort der Sinnlichkeit, eingebettet in ein Meer aus Rebstöcken.

Weißenkirchen

Wir radeln hinauf nach Dürnstein. Auf einer Felsterrasse gelegen ist der Ort eine einzigartige Symbiose mittelalterlicher und barocker Elemente. Berühmt auch durch König Richard Löwenherz, der in der Burg Dürnstein einst gefangengehalten wurde. Wer die Touristenmassen nicht scheut, schlendert durch die verkehrsfreien Gassen der Altstadt und stärkt sich auf einer der hübsch angelegten Restaurantterrassen, mit Blick auf Donau und Weinberge.

Östlich von Dürnstein machen wir einen Abstecher nach Mautern. Von der römischen Siedlung Favianis stehen heute noch Teile der alten Kastellmauer, strategisch angelegt, an der Öffnung der Wachau nach Osten. Auf Fundamenten der alten Römerstadt gebaut ist auch der älteste Weinkeller der Wachau: Der Nikolaihof, einstiger Lesehof des Chorherrenstifts St. Nikolai, lädt ein zum Verweilen. Unter der alten Linde im gemütlichen Innenhof verkostet man die erlesen Tropfen. Ein Besuch der Wachau ist eben auch ein kulinarisches Erlebnis.

Weinverkostung - fixer Bestandteil eines Besuchs in der Wachau

Das überlaufene Krems schauen wir uns nur im Vorbeifahren an und übernachten außerhalb der Stadt. Die Touristenmassen lassen wir in der Wachau zurück. Auf dem Radweg kehrt wieder Ruhe ein. Auch die Angler sitzen wieder am Ufer.

Beim Donaukraftwerk Altenwörth überqueren wir die Traisen, die von üppigen Auwäldern gesäumt in die Donau mündet. Bei märchenhafter Morgenstimmung fahren wir durch dichte Auwälder und queren die kleinen Seitenarme der Donau.

Auwald bei Zwentendorf

Seitenarm der Donau bei Zwentendorf

Vielleicht sind diese Wälder auch deshalb erhalten geblieben, weil in unmittelbarer Nachbarschaft ein großes Energieprojekt geplant war. Und verhindert wurde. Das nie in Betrieb genommene Kernkraftwerk Zwentendorf steht heute als große Betonleiche einsam zwischen Wald und Donau. Nur ein kleines 200 Jahre altes Bauernhaus, heute Gaststube für Radfahrer, steht etwas verloren wirkend neben dem großen Betonklotz.

AKW Zwentendorf und Bärenstube

Doch die Energiewirtschaft der Region liegt nicht brach. Das thermische Kraftwerk Dürnrohr läuft auf Hochtouren. Umspannwerke und Hochspannungsleitungen stören die ländliche Idylle entlang des Radwegs. Mais, Kürbisse und Sonnenblumen wachsen unter den Strommasten.

Sonnenblumenfeld unter den Hochspannungsleitungen. Links im Hintergrund das Kraftwerk Dürnrohr.

Wir passieren Tulln und treffen auf die ersten Radfahrer aus Wien - unterwegs auf Sonntagsausflug. Die Imbissbuden entlang der Donau nehmen zu. Durch diverse Vororte geht es nach Klosterneuburg. Von hier werfen wir einen ersten Blick auf Donauinsel und Wien, bevor wir eintauchen in die Großstadt.

Entlang des Donaukanals geht es ins Zentrum, stressfrei am Radweg. Autolärm und Hektik der Stadt können von den angrenzenden Straßen nicht herüberschwappen. Im Hermann Park, in Mitten der Innenstadt, ziehen wir die Schuhe aus, stecken unsere Füße in den aufgeschütteten Sand, setzen uns in die Sonnenliegen und schauen hinab. Hinab auf die Enten im Kanal. Hinab auf die im Sonnenlicht glitzernde Donau. Gemütlich zieht das Wasser vorüber. Gegenüber, auf einem Klappstuhl, sitz ein Angler.

   
 
 
 
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