Gemächlich zieht das Frachtschiff an uns vorbei, während wir am Damm
sitzen und hinab schauen. Hinab auf die sanften Wellen, die ans Ufer rollen.
Hinab auf die im Sonnenlicht glitzernde Donau. Vor Schwebstoffen eher braun
als blau fließt gemütlich das Wasser an uns vorüber. Seitab
sitzt ein Angler. Einer von vielen entlang des Flusses. Sie sitzen in ihren
Klappstühlen, ihre Angeln ausgeworfen und warten und sitzen. Ein Warten
auf den großen Fang? Vielleicht. Doch die meisten sitzen nur, um zu sitzen.
Denn an der Donau, so scheint es, wird das Sitzen zum Selbstzweck. Wegen der
Ruhe, dem Wasserrauschen, der Einsamkeit. Ein Moment zum Fallenlassen. Ein Ort
zum Verweilen.
In der Ferne läutet ein Kirchturm, lässt uns aufspringen, entreißt
uns der verträumten Idylle des Donautals. Wir sind schließlich auf
„Tour“, genauer auf Donau Radtour. Wir verstauen unsere Jause, steigen
auf die Räder und rollen weiter. Dem Strome folgend, Richtung Wien.
Auch abseits der Donau meist ein idyllischer Radweg
Am frühen Morgen begann unsere Radreise. In Linz, am Hauptbahnhof. Durch
die Fußgängerzone der mittelalterlichen „Landstraße“
gelangten wir zum Hauptplatz. Dessen Überquerung ist auch eine nostalgische
Reise zurück ins 16. und 17. Jahrhundert, als der Linzer Hauptplatz noch
ein bedeutender europäischer Wirtschaftsplatz war. Doch die Zeiten von
Salz und Eisen sind vorbei. Die frühe und bedeutende Industrialisierung
hat die Stadt geprägt. Die Hightech-Branche boomt und heute lässt
die Stadt auch zunehmend als internationales Kulturzentrum aufhorchen.
Am Nordufer geht es die Donau entlang. Ein Blick aufs Südufer zeigt das
industrielle Gesicht von Linz. Aus all den Türmen, Fabrikgebäuden
und Lagerhallen ragen die Chemie-Linz AG und die Voest Alpine Stahlwerke heraus.
Daneben Schlackenkegel und Abraum als Landschaftsbild. Und all das wirkt wie
ein „kleines Ruhrgebiet“. Nur eben an der Donau.
Östlich von Linz führt der Radweg am ehemaligen Treppelweg entlang.
Als es noch keine Schiffsmotoren gab und noch nicht mühelos flussaufwärts
fahren konnte, war man auf Pferde angewiesen. Sie zogen die Schiffe vom Ufer
aus an Seilen stromaufwärts. Der am Ufer entlang führende Weg erhielt
den Namen „Treppelweg“, von „Traben“. Von Wien nach
Linz brauchte ein solcher Konvoi über drei Wochen. Heute braucht man keinen
Tag.
20 km nach Linz erreichen wir Mauthausen und ein dunkles Kapitel österreichischer
Geschichte. 123.000 Menschen sind zwischen 1938 und 1945 im Konzentrationslager
Mauthausen ermordet worden. Das KZ ist heute eine Gedenkstätte. Für
den Besuch sollte man sich ausreichend Zeit nehmen.
Am Ufer der Donau geht es weiter und es wird freundlicher. Fast allein fahren
wir auf breitem Weg vorbei an kleinen Siedlungen, Jachthäfen, Campingplätzen
und Auwäldern, überholen eine amerikanische Reisegruppe und machen
einigen ambitionierten Rennradfahrern Platz. Meistens Männer, meistens
um die 60. Der Donauradweg als Freiluft Fitness Center. Dann ein kurzer Ausreißer
ins Landesinnere: Maisfelder, Rapsfelder, Obstwiesen, Bauernhöfe. Ein Traktor
tuckert vorüber, eine Bäuerin füttert die Hühner.
Die Donau bei Grein vom Südufer aus
Östlich von Dornach wird das Relief steiler, das Donautal verengt sich.
Die Donau fließt schneller, nervöser. Das einst von Schiffern gefürchtete
„Nadelöhr“ von Struden naht. Doch die gefährlichen Wirbel
sind längst Geschichte. Wir wechseln das Ufer, fahren südlich an Grein
vorbei nach Hößgang. Eine ausgegrabene Umfahrung der Engstelle von
Struden, der „Hößgang“, gab dem Ort seinen Namen.
Wir verlassen den Strudengau. Die Donau hat sich längst beruhigt. Auch
wegen dem Kraftwerk: Ybbs-Persenbeug. In den 1950er Jahren errichtet, galt das
Wasserkraftwerk lange als Musterbeispiel der Ingenieurkunst und legte zusammen
mit Kaprun das Fundament für die Wasserkraftwirtschaft Österreichs.
Heute stammen rund 2/3 der österreichischen Energie aus der Wasserkraft.
Das Kraftwerk Ybbs-Persenbeug
Beim Anblick des Kraftwerks werden Erinnerungen wach. Das Hochwasser von 2002
war eines der stärksten in den letzten Jahrzehnten. Ybbs stand unter Wasser.
Auch die westlich des Kraftwerks gelegenen Orte wurden überflutet. Hätte
man das nicht verhindern können? Hätte man das Wasser nicht früher
ablassen können? Ablassen müssen? Entscheidungen zwischen Hochwasserschutz
und Profit. Die betroffenen Anrainer mussten es „ausbaden“. Ob sie
in den Fluten untergehen oder nicht entscheidet letztlich auch das Kraftwerkmanagement.
Vorbei an der romantischen Altstadt treten wir Richtung Osten. Pittoreske Orte
zieren das gegenüberliegende Ufer. Fast schon mystisch ziehen die Nebelschwaden
vorüber, verschleiern die Landschaft. Geheimnisvoll. Reizvoll. Lichterspiele
in den herbstlichen Auwäldern. Fast schwebend thront die Wallfahrtskirche
Maria Taferl über dem Nebelmeer und erstrahlt im morgendlichen Sonnenlicht.
Sagenumwoben. Die Nibelungen.
Gottsdorf an der Donau
Es verwundert nicht, dass das Donautal auch Heimat großer österreichischer
Maler ist. Da wäre Oskar Kokoschka zu nennen. In der Nibelungenstadt Pöchlarn
geboren entwickelte er einen Stil zwischen Impressionismus und Expressionismus
und trug bedeutend zur europäischen Kunstszene bei. Oder Egon Schiele.
Im Bahnhofsgebäude von Tulln aufgewachsen. Inspiration am Fluss?
Prunkvoll ragt das Benediktinerstift empor. Die weiß-braune Fassade,
leuchtend zwischen blauem Himmel und grünem Wald. Ausdruck des kirchlichen
Herrschaftswillens nach den Türkenkriegen. Inbegriff barocker Baukunst
und prachtvolle Pforte zur Wachau. Gut behütet schmiegt sich der lebensfrohe
Ort Melk an die Seite des Stifts. Man schlendert durch die engen Gassen. Touristen
sitzen bei Kaffee und Kuchen am farbenfrohen Rathausplatz. Der Brunnen plätschert.
Ruhe und Besinnung. Spirituelle Vorbereitung für die Wachau.
Links der Rathausplatz von Melk. Rechts ein malerisches Gässchen am Radweg
in der Wachau
Wir tauchen ein in die Weinidylle, vorbei am Denkmal der „Venus von Willendorf“,
paläolithische Steinfigur und Symbol der „Magna Mater“, hinein
nach Spitz. Jahrhunderte alte Bergterrassen prägen den Tausendeimerberg.
In guten Jahren wurden aus den Trauben dieser Lage bis zu tausend Eimer Wein
(ca. 56.000 Liter) gekeltert. Urgesteinsböden, optimale Exposition und
Hangneigung, thermische Begünstigung, Windarmut im verengten Tal und nächtliche
Kaltluftzufuhr von der Hochfläche des Waldviertels. Das sind die Voraussetzungen
für große Weine.
Terrassenweinbau und Obstbäume in Spitz
Der Weinbau in der Wachau blüht auf. Moderne Kellermethoden und das strenge
österreichische Weingesetz lassen den österreichischen Weinskandal
der 80er Jahre schnell vergessen. Die Qualität überzeugt. Die Nachfrage
übersteigt das Angebot bei weitem. Rund 800 Winzer sind heute in der Wachau
aktiv und keltern Weine jeder Qualitätsstufe: Vom Tafelwein bis zum international
prämierten Spitzenwein, der sich auch vor einem Montrachet nicht mehr verstecken
braucht und inzwischen ähnliche Preisdimensionen erreicht. Der Großteil
der angebauten Trauben ist weiß. Rund die Hälfte der Anbaufläche
ist mit Grünem Veltliner bestockt, der österreichischen Rebsorte schlechthin.
Berühmt für sein würziges Bukett, dem „Pfefferl“.
Auf Platz zwei folgt der Riesling.
Spezialisert ist die Wachau auf Weißweine. Doch auch einige rote Tropfen
werden gekeltert.
Durch Wösendorf und Joching gelangen wir nach Weißenkirchen und
passieren dabei einige der besten Lagen: Hochrain, Pichlpoint, Ritzling, Achleiten.
Weinlagen mit Tradition. Der kleine Ritzlingbach wird oft als Namensgeber für
den „König der Weißweintrauben“, den Riesling, genannt.
Pralle Weintrauben hängen von den Reben, angeschienen von den letzten Sonnenstrahlen
vor der baldigen Weinlese. Die prächtigen Lesehöfe und malerischen
Weinkeller zu Fuße der weißen Kirche prägen das Ortsbild. Der
Duft lokaler Küche schwebt durch die verträumten Gässchen. Ein
Ort der Sinnlichkeit, eingebettet in ein Meer aus Rebstöcken.
Weißenkirchen
Wir radeln hinauf nach Dürnstein. Auf einer Felsterrasse gelegen ist der
Ort eine einzigartige Symbiose mittelalterlicher und barocker Elemente. Berühmt
auch durch König Richard Löwenherz, der in der Burg Dürnstein
einst gefangengehalten wurde. Wer die Touristenmassen nicht scheut, schlendert
durch die verkehrsfreien Gassen der Altstadt und stärkt sich auf einer
der hübsch angelegten Restaurantterrassen, mit Blick auf Donau und Weinberge.
Östlich von Dürnstein machen wir einen Abstecher nach Mautern. Von
der römischen Siedlung Favianis stehen heute noch Teile der alten Kastellmauer,
strategisch angelegt, an der Öffnung der Wachau nach Osten. Auf Fundamenten
der alten Römerstadt gebaut ist auch der älteste Weinkeller der Wachau:
Der Nikolaihof, einstiger Lesehof des Chorherrenstifts St. Nikolai, lädt
ein zum Verweilen. Unter der alten Linde im gemütlichen Innenhof verkostet
man die erlesen Tropfen. Ein Besuch der Wachau ist eben auch ein kulinarisches
Erlebnis.
Weinverkostung - fixer Bestandteil eines Besuchs in der Wachau
Das überlaufene Krems schauen wir uns nur im Vorbeifahren an und übernachten
außerhalb der Stadt. Die Touristenmassen lassen wir in der Wachau zurück.
Auf dem Radweg kehrt wieder Ruhe ein. Auch die Angler sitzen wieder am Ufer.
Beim Donaukraftwerk Altenwörth überqueren wir die Traisen, die von
üppigen Auwäldern gesäumt in die Donau mündet. Bei märchenhafter
Morgenstimmung fahren wir durch dichte Auwälder und queren die kleinen
Seitenarme der Donau.
Auwald bei Zwentendorf
Seitenarm der Donau bei Zwentendorf
Vielleicht sind diese Wälder auch deshalb erhalten geblieben, weil in
unmittelbarer Nachbarschaft ein großes Energieprojekt geplant war. Und
verhindert wurde. Das nie in Betrieb genommene Kernkraftwerk Zwentendorf steht
heute als große Betonleiche einsam zwischen Wald und Donau. Nur ein kleines
200 Jahre altes Bauernhaus, heute Gaststube für Radfahrer, steht etwas
verloren wirkend neben dem großen Betonklotz.
AKW Zwentendorf und Bärenstube
Doch die Energiewirtschaft der Region liegt nicht brach. Das thermische Kraftwerk
Dürnrohr läuft auf Hochtouren. Umspannwerke und Hochspannungsleitungen
stören die ländliche Idylle entlang des Radwegs. Mais, Kürbisse
und Sonnenblumen wachsen unter den Strommasten.
Sonnenblumenfeld unter den Hochspannungsleitungen. Links im Hintergrund das
Kraftwerk Dürnrohr.
Wir passieren Tulln und treffen auf die ersten Radfahrer aus Wien - unterwegs
auf Sonntagsausflug. Die Imbissbuden entlang der Donau nehmen zu. Durch diverse
Vororte geht es nach Klosterneuburg. Von hier werfen wir einen ersten Blick
auf Donauinsel und Wien, bevor wir eintauchen in die Großstadt.
Entlang des Donaukanals geht es ins Zentrum, stressfrei am Radweg. Autolärm
und Hektik der Stadt können von den angrenzenden Straßen nicht herüberschwappen.
Im Hermann Park, in Mitten der Innenstadt, ziehen wir die Schuhe aus, stecken
unsere Füße in den aufgeschütteten Sand, setzen uns in die Sonnenliegen
und schauen hinab. Hinab auf die Enten im Kanal. Hinab auf die im Sonnenlicht
glitzernde Donau. Gemütlich zieht das Wasser vorüber. Gegenüber,
auf einem Klappstuhl, sitz ein Angler.
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