Ötzis neue Leiden

Die Tattoos des Eismannes: eine frühe Form der Akupunktur


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Tätowiertes Kreuz am rechten Knie lokalisiert am Leber-8-Punkt. Der Vergleich zwischen Akupunktur-Atlas (unten) und Ötzis Knie zeigt gute Übereinstimmung von Tätowierung und Akupunkturpunkt.

Foto: Dorfer

 

Zwischen den Rußpartikeln (rot) und am Rand des anthrakotischen Areals sind verschiedene Kristalle (grün = Muskovit, blau = Vivianit) zu sehen.

Fotos Pabst/Hofer

Beim Studium des Buches „Der Mann im Eis“ von Univ.-Prof. Dr. Spindler stellte Dr. Frank Bahr (Präsident der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikolomedizin) fest, daß Ötzis Tätowierungen teilweise auf klassischen Akupunkturpunkten liegen.

Um diese erstaunliche Entdeckung wissenschaftlich zu untermauern, hat ein Team der Karl-Franzens-Universität, Dr. Leopold Dorfer (Univ.-Lektor und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für kontrollierte Akupunktur in Graz), Ao. Univ.-Prof. Dr. Maximilian Moser (Physiologisches Institut), O.Univ.-Prof. Dr. Gottfried Dohr (Institut für Histologie) gemeinsam mit O.Univ.-Prof. Dr. Konrad Spindler (Uni Innsbruck) und Dr. Eduard Egarter-Vigl (Bozen), eine ausführliche Studie der Lokalisation der Tätowierungen sowie der „Krankengeschichte“ von Ötzi durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden bereits im renommierten Wissenschaftsmagazin Science (9. Okt. 98) publiziert. Ötzis Körper schmücken 47 eindeutig als Tätowierungen verifizierte Hautveränderungen. Diese wurden in 15 Strichgruppen, die alle in Körperlängsrichtung, wie die Akupunkturmeridiane verlaufen, zusammengefaßt. Davon liegen neun Strichgruppen exakt auf einem klassischen Akupunkturpunkt, die maximale Abweichung beträgt dabei 5 Millimeter. Drei Strichgruppen liegen in einer Entfernung zwischen 6 und 13 Millimeter vom nächsten Akupunkturpunkt und zwei Strichgruppen liegen genau auf einem Akupunkturmeridian. Eine Strichgruppe liegt am Sprunggelenk. Dort befindet sich zwar kein Akupunkturpunkt, doch ergaben radiologische Untersuchungen, daß gerade dieses Sprunggelenk krank war und daher kann diese Strichgruppe aus der Sicht der Akupunktur als lokaler Schmerzpunkt (locus dolendi) gewertet werden.

Steinzeitlicher Arztbrief

Für einen Akupunkturarzt würden Ötzis Akupunktur-Tattoos auf folgendes Krankheitsbild hinweisen: Ötzi litt unter Rückenschmerzen und Schmerzen der Beingelenke und hatte Probleme mit seinem Verdauungstrakt. Elf Strichgruppen liegen auf Punkten des Blasen-Meridians, eine Stimulation dieses Meridians bringt Linderung bei Kreuz- und Gelenksschmerzen. Eine Strichgruppe liegt exakt auf einem Akupunkturpunkt, der auch heute noch als konstitutioneller Punkt bei rheumatischen Gelenks- und Knochenschmerzen Verwendung findet. Die anderen Strichgruppen liegen auf Punkten, die mit dem Verdauungstrakt in Beziehung stehen, einige haben sogar eine Doppelfunktion, sie wirken sowohl auf die Wirbelsäule als auch auf den Verdauungstrakt. Wissenschaftler konnten in Ötzis Gedärm Peitschenwurm-Larven nachweisen, welche einen negativen Einfluß auf die Verdauungsfunktion ausüben. Weiters ergab eine Untersuchung des Mageninhaltes, daß dieser zu einem Drittel aus Holzkohle besteht, auch heute noch ein Mittel gegen Verdauungsbeschwerden.

Blase 23, Niere 7

Blase 23 und Niere 7 sind Punkte für eine konstitutionelle Therapie von rheumatischen Gelenks- und Knochenschmerzen und sie erzielen auch noch eine erhöhte Widerstandskraft gegen die Kälte. Allein der Fundort am Hauslabjoch beweist, daß Ötzi sich in Gebiete wagte, wo er verstärkt der Kälte ausgesetzt war. Außerdem befand sich „Der Mann im Eis“ schon in einem relativ hohen Alter, sodaß man annehmen kann, daß er von Abnützungserscheinungen der Gelenke und Wirbelsäule geplagt wurde, als er starb. Nicht vollständig geklärt ist die Tatsache, wieso die Punkte tätowiert und nicht einfach nur gestochen wurden. Entweder wollte man durch das Einbringen von Asche in die frische Wunde einen Dauereffekt erzielen oder die Tätowierung diente als Markierung, damit die Punkte auch von Unkundigen gefunden und so eine Therapie weitergeführt werden konnte. Im ostasiatischen Raum werden heute noch Tätowierungen auf Akupunkturpunkte bei chronischen Erkrankungen durchgeführt. Da die Akupunktur-Methodik, die an Ötzi praktiziert wurde, für diese Zeit als hochentwickelt angesehen werden muß, ist anzunehmen, daß bereits hunderte Jahre davor Vorformen angewandt wurden. Die historischen Ursprünge der Akupunktur können daher um 2000 Jahre auf 3200 v. Chr. vordatiert werden. Auch die bisherige Meinung, daß die Akupunktur ihre Heimat im fernen Orient hat, ist zu überdenken, erweist sich doch die jungsteinzeitliche mitteleuropäische Medizin um einiges moderner als angenommen. Kann man die Tattoos an Ötzis Körper sehr deutlich erkennen, so benötigt man für eine Analyse der Lungenablagerungen modernst ausgestattete Elektronenmikroskope. Univ.-Prof. Dr. Maria Anna Pabst (Institut für Histologie und Embryologie) und Ao.Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Hofer (Forschungsinstitut für Elektronenmikroskopie, TU Graz) verschafften sich so Einblick in Ötzis Lunge und fanden Erstaunliches.

Ötzis Lunge

Die Untersuchung verschiedener anthrakotischer Areale, die zu seinen Lebzeiten eingeatmetes und abgelagertes Material beinhalten, zeigte, daß dort neben Rußablagerungen auch verschiedene Kristalle vorhanden sind. Die Rußablagerungen sind logischerweise auf die damalige Koch- und Heiz- weise mit offenem Feuer zurückzuführen, die Kristalle lassen Rückschlüsse auf Ötzis Wohngegend zu. Wenn Kristalle auf ihre Elementzusammensetzung untersucht und anschließend einer Elektronenbeugung unterzogen werden, kann man aus dem Beugungsmuster den jeweiligen Kristall identifizieren. In Ötzis Lunge wurde vor allem Muskovit gefunden. Muskovit ist in den verschiedenen Gesteinen der Ötztaler Alpen weit verbreitet. Aus archäologischen und anthropologischen Gründen nimmt man an, Ötzi könnte aus dem Vintschgau stammen. Besonders muskovitreiche Gesteine finden sich dort z.B. in der Gegend um Naturns, wo auch spätneolithische Siedlungsreste entdeckt wurden. Weiters wurde in der Lunge das Tonmineral Illit gefunden, welches beim Abbau von Muskovit entsteht, sowie Quarz und ein Plagioklas, der Andesin. In den anthrakotischen Arealen wurden aber auch organische Partikel gefunden, die aufgrund ihrer Zusammensetzung auf Dreschstaub schließen lassen. Dies läßt annehmen, daß Ötzi in eine landwirtschaftliche Tätigkeit involviert war. Im Lungengewebe außerhalb der anthrakotischen Areale konnte zusätzlich Vivianit (Eisenphosphat) und ein Hydroxylapatit (Kalziumphosphat) entdeckt werden. Diese wurden wahrscheinlich nicht eingeatmet, sondern haben sich erst nach seinem Tod während seiner 5300jährigen Lagerung im Hochgebirge gebildet. Die neben Ötzis vorletzter Ruhestätte gelegenen Felsen sind eisenhältig, sodaß der Eisenanteil des Vivianits darauf zurückzuführen sein könnte, das Kalzium und die Phosphate könnten von Exkrementen stammen. Seit Jahrhunderten, vielleicht auch schon zu Ötzis Lebzeiten, wird nämlich jedes Jahr im Frühling eine riesige Herde Schafe vom Schnalstal über die Pässe zu den Sommerweiden ins Ötztal getrieben, außerdem leben halbwilde Schafe und zahlreiche Gemsen in dieser Gegend, für die jene Mulde, in der Ötzis sterbliche Reste gefunden wurden, ein geschützter Aufenthaltsort ist.

Helmut Gekle

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